Kim Jong-il: Wie der Diktator eine ganze Region in den Abgrund reißt

Wie ein psychisch gestörter Diktator sein Land und damit eine ganze Region in den Abgrund reißt.

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang herrschte ein fragiler Friede zwischen Nord- und Südkorea. Es war lediglich ein Waffenstillstandsabkommen, das den ersten Koreakrieg am 27. Juli 1953 beenden sollte, ein Krieg, der über drei Millionen Menschen das Leben kostete. Die Grenze zwischen dem Norden und Süden Koreas gilt seither als die gefährlichste der Welt – und es wird dort gerade mit jeder Stunde brenzliger. Ein neuer Koreakrieg ist seit Donnerstagvormittag vergangener Woche nicht mehr ausgeschlossen: Nordkoreas Armee kündigte alle Abkommen mit Südkorea zur Vermeidung unbeabsichtigter Konflikte auf. Mit anderen Worten: Jedes Schiff aus Südkorea, das in die von Pjöngjang gezogene militärische Demarkationslinie eintritt, wird künftig sofort angegriffen und zerstört. Der Süden demonstrierte im Gegenzug militärische Stärke. Bei einem Manöver ließ Seoul zehn Kriegsschiffe, darunter einen 3000-Tonnen-Zerstörer, nahe der innerkoreanischen Seegrenze kreuzen.

Ausgangspunkt des Konflikts ist die Versenkung eines südkoreanischen Kriegsschiffes vor zwei Monaten an der Seegrenze zum Gelben Meer. 46 Menschen kamen dabei ums Leben. Südkorea macht das kommunistische, von der Außenwelt völlig abgeschottete Nachbarland für den Untergang verantwortlich, Nordkorea bestreitet das bis heute. Steht tatsächlich ein gewaltsamer Konflikt zwischen Nord- und Südkorea bevor? Wie verrückt ist der kaum einzuschätzende nordkoreanische Diktator Kim Jong-il tatsächlich? Welche Rolle spielt China, der einzige strategisch Verbündete Pjöngjangs in der Region, und welche globalen Auswirkungen hätte ein Krieg? profil analysiert die Kernpunkte des koreanischen Konflikts.

Kein Machthaber ist so unberechenbar wie Kim Jong-il.
Schwer zu sagen, ob Nordkoreas Diktator tatsächlich eine Schraube locker hat oder nur den Irren spielt. Auf jeden Fall ist Kim Jong-il ein Exzentriker und, nach allem, was man weiß, sehr verzweifelt. Dies aus zwei Gründen: „Er muss seit jeher darunter leiden, der Sohn von Kim Il Sung zu sein, ­einem Mann, der vom Volk wie ein Gott verehrt wurde“, sagt Jerrold Post, ein ehemaliger CIA-Psychiater: „Unter diesen Bedingungen seine Rolle im Leben zu finden ist geradezu unmöglich.“ Kim Jong-il leide an einer schweren narzisstischen Störung, diagnostiziert Post, was zur Folge hat, dass er nur ganz wenige Menschen an sich heranlässt und wenig Interesse am Wohl des Volkes hat. In den Jahren der größten Hungersnot im Land (1989–1999) verprasste Kim bis zu 800.000 Dollar im Jahr für Luxusgüter. Zudem deutet alles darauf hin, dass dieses von der Außenwelt abgeschlossene Regime gehörig ins Wanken geraten ist. Diktatoren mit dem Rücken zur Wand können – wenn sie noch dazu psychisch labil sind – besonders gefährlich werden.

Bisher war die Logik Pjöngjangs einigermaßen nachvollziehbar:
Mit seinem Nuklearprogramm erpresste das nordkoreanische Regime die Welt, die immer wieder zahlte, bis eine neue Provokation folgte. Diese Strategie war ein Jahrzehnt lang erfolgreich. Doch die Beweggründe der maritimen Provokation im Gelben Meer sind schwer zu durchschauen. Will der angeblich schwer erkrankte Kim mit dieser Machtdemonstration die dynastische Nachfolge für seinen jüngsten Sohn sichern? „Der Hund bellt immer dann am lautesten, wenn er sich verletzbar fühlt“, sagt Aidan Foster-Carter, eine britische Nordkorea-Expertin. „Wenn ein Machtkampf tobt, ist es für Kim vielleicht sicherer, sich als Hardliner zu präsentieren.“ Oder aber hat er vielleicht seine Armee nicht mehr unter Kontrolle? All das bleibt unklar. Nordkorea, besser gesagt: sein „Geliebter Führer“, ist vollends unberechenbar geworden.

Niemand kann einen neuen Koreakrieg wollen. Möglich ist er dennoch.
Es ist klar, wer einen koreanischen Bruderkrieg gewinnen würde. Südkorea verfügt über gut ausgebildete, mit modernsten Waffen ausgestattete Armee, die noch dazu von 30.000 US-Soldaten im Land unterstützt wird. Die Truppenstärke des Nordens ist zwar ungleich größer, die Volksarmee ist aber dürftig ausgerüstet und durch mangelhafte Ernährung geschwächt. Dennoch sind die Nordkoreaner in der Lage, Raketengeschwader gen Seoul abzufeuern. Die südkoreanische Hauptstadt liegt nur 25 Kilometer von der Grenze entfernt. Ein Krieg wäre also für beide Länder ein Desaster. Verschärfend kommt hinzu, dass alle globalen Großmächte direkt involviert sind: Südkorea ist für die USA der strategische Partner in der Region, China der wichtigste Handelspartner Nordkoreas mit starkem Einfluss auf Pjöngjang. Russland grenzt wie China an Nordkorea. Und Japan ist ein potenzielles Ziel der nordkoreanischen Langstreckenraketen. An sich kann niemand am Ausbruch eines Kriegs in dieser brisanten Region interessiert sein. Aber wie die historische Erfahrung lehrt: Das gegenseitige Säbelrasseln kann schnell eine Dynamik entwickeln, die nicht mehr kontrollierbar ist, vor allem, wenn eines der betroffenen Regime vor seinem Sturz steht.

Der Westen ist machtlos, in China kippt die Stimmung.
Die US-Regierung steckt in einem Dilemma. Auf der einen Seite ist klar, dass Pjöngjang nach der Attacke auf ein südkoreanisches Schiff nicht ungeschoren bleiben darf. Doch einzig Peking vermag ernsthaft Druck auf das nordkoreanische Regime auszuüben, und ohne Zustimmung Chinas, einer der fünf Vetomächte im UN-Sicherheitsrat, können keine wirksamen Sanktionen gegen Pjöngjang verhängt werden. Die 6-Parteien-Gespräche über das nordkoreanische Nuklearprogramm zwischen 2003 und 2005 kamen nur zustande, weil China Pjöngjang unter Druck setzte. Die Abhängigkeit Pjöngjangs von China könnte größer nicht sein: 90 Prozent der Energieimporte, 80 Prozent der Konsumgüter und 45 Prozent der nordkoreanischen Lebensmittelimporte kommen aus China. Bislang hat Peking bei Abstimmungen im Sicherheitsrat härtere Sanktionen gegen Nordkorea stets verhindert und seine schützende Hand über das Regime gehalten. Doch nach dem Überfall auf das südkoreanische Boot ist das Verhältnis zwischen Peking und Pjöngjang deutlich abgekühlt. Als Hillary Clinton zusammen mit einem außenpolitischen Beraterstab vergangene Woche nach Peking reiste, soll sich die chinesische Führung ungewohnt kritisch über Nordkorea geäußert haben.

Der Zusammenbruch des Regimes rückt näher
– eine Katastrophe für die gesamte Region. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die koreanische Halbinsel in zwei Hälften geteilt: die kommunistische Volksrepublik im Norden und die Republik Korea im Süden. Die Wiedervereinigung der beiden Länder ist für Zigtausende Nord- und Südkoreaner ein großer Traum, Familienzusammenführungen sind bis heute nur in sehr begrenztem Maß möglich. Geopolitisch wäre die Umsetzung des „Tong il“ (Wiedervereinigung) allerdings ein Desaster für die gesamte Region. Im kommunistischen Norden gibt es keine organisierte Opposition, die politischen Absichten der Armee und des Geheimdienstes sind unklar, das politische System ist kaum zu durchblicken und in seiner seltsamen Zusammensetzung nicht reformierbar. De jure ist immer noch Kim Il Sung, der verstorbene Vater von Kim Jong-il, Präsident des Landes.

Südkoreanische Geheimdienste berichten seit Monaten, dass der angeblich schwer kranke Kim seinen jüngsten Sohn, Kim Jong-un, auf die Machtübernahme vorbereite. „Kim Jong-il ist als Sohn des Nationalheiligen Kim Il Sung noch unantastbar für die Nordkoreaner. Doch der Enkelsohn hat nicht mehr diese Strahlkraft. Wenn er zum Präsidenten ernannt wird, könnte es zu Putschversuchen bis hin zum Bürgerkrieg kommen“, sagt Rüdiger Frank, Universitätsprofessor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens.

Südkoreaner mit Verbindungen in den abgeschotteten Norden berichten von Protesten und Aufständen in den ländlichen Gebieten. Um das Volk unter Kontrolle zu halten, braucht das Regime die Unterstützung des Militärs. Doch die Loyalität der Armee ist wegen der schlechten Lebensbedingungen bereits brüchig. All das deutet darauf hin, dass das kommunistische Regime schon sehr angeschlagen ist. Doch was passiert, wenn das Land tatsächlich zerfällt? Fest steht, dass eine Öffnung der Grenzen eine Massenflucht zur Folge hätte, die von den Nachbarländern China und Südkorea aufgefangen werden müsste. Fällt das Regime, stünde die Wiedervereinigung auf der historischen Tagesordnung. Doch Südkorea wäre damit völlig überfordert. Deutschland hatte nach der Wiedervereinigung mit der DDR gewaltige Probleme, das Land gesellschaftlich und ökonomisch zu integrieren – obwohl die DDR nur ein Viertel der Fläche der BRD hatte und die Gesellschaft bei ­Weitem fortgeschrittener als jene Nord­koreas war.

Jede Zukunftsoption für die koreanische Halbinsel scheint verheerend: Ein Krieg wäre ebenso fatal wie ein Zerfall des Regimes. In seiner jetzigen Form erscheint es unreformierbar. Und an der Macht bleiben kann es nur, wenn es die Unterdrückung noch weiter verschärft, was kaum vorstellbar ist. Vor­aussichtlich wird die Korea-Frage in Zukunft zur wichtigsten und brisantesten Agenda der Weltpolitik. Im Vergleich dazu könnten demnächst der Streit um das iranische Atomprogramm und der palästinensisch-israelische Konflikt geradezu harmlos wirken.

Mitarbeit: Kristin Kupfer