Kinderhandel: Über dem Gesetz

2004 wurden in Wien fast 700 zum Stehlen gezwungene bulgarische Mädchen aufgegriffen. Die Polizei ist machtlos, die Politik sieht keinen akuten Handlungsbedarf.

Tanja ist eine tüchtige Diebin. An manchen Tagen erbeutet sie Geld oder Waren im Wert von mehreren hundert Euro. Handys stiehlt sie nicht, weil sie gelernt hat, dass die Polizei herausfinden kann, von wo aus das Mobiltelefon funkt. Auch Kreditkarten sind für Tanja tabu, weil sie fotografiert werden könnte, sollte sie damit Geld aus dem Automaten drücken wollen. Tanja ist zehn Jahre alt, hübsch gekleidet und höflich. Straßenkinder stellt man sich anders vor.

Tanja, ein Roma-Mädchen aus Bulgarien, wurde von ihrer Mutter gegen Geld an einen Schlepper übergeben, samt Bestätigung, dass sich das Kind mit Einverständnis der Eltern in Begleitung des „Onkels“ auf Reisen befinde – in Bulgarien Voraussetzung dafür, dass Minderjährige mit Fremden das Land verlassen dürfen.

Im Massenquartier bei den anderen Kindern in Wien-Ottakring wird die als Diebin äußerst erfolgreiche Tanja gegen die weniger erfolgreichen Kinder ausgespielt: Sie wird gelobt, bekommt mehr zu essen und wird nicht geschlagen.

Wenn Tanja wieder einmal in einem Shopping-Center von der Polizei aufgegriffen und in der „Drehscheibe“, einer Betreuungsstelle des Wiener Jugendamtes, abgegeben wird, darf sie von dort aus mit ihrer Mutter zu Hause telefonieren. Dann schluchzt das sonst so tapfere Mädchen und bittet darum, nach Hause zurückkehren zu dürfen. Zuerst versucht die Mutter, ihre Tochter zu beschwichtigen und zu trösten. Dann wird sie bestimmter, strenger, fordernder. Zum Abschluss sagt sie etwas Witziges, und Tanja muss lachen. Die Welt ist wieder in Ordnung. Schließlich haben die Eltern von Tanjas Schlepper mehr Geld bekommen, als sie selbst jemals in einem Monat verdienen könnten.

Vergewaltigungen. Tanja ist eines von fast 700 unbegleiteten, meist bulgarischen Roma-Mädchen, die im vergangenen Jahr allein in Wien aufgegriffen wurden. Andere verkaufte Kinder, die sich beim Stehlen weniger geschickt als Tanja anstellen, weil sie zu viel Angst haben und hilflos durch die fremde Stadt mit der fremden Sprache stolpern, werden von den „Onkeln“ geschlagen, zu tagelangem Hungern verdonnert, oft auch vergewaltigt oder weiter an – meist türkische – Zuhälter „vermietet“, damit die Kinder ihr prognostiziertes „Einkommen“ erreichen.

Das weiß die Polizei. Das wissen die Sozialarbeiter. Es handelt sich um Kinderarbeit einer besonders abstoßenden Kategorie. Gewerblich praktiziert mitten in Österreich.

Der professionell organisierte Einsatz von Hundertschaften zum Stehlen gedrillter Kinder ist eine neue Geschäftsidee im variantenreichen osteuropäischen Kriminalitätstourismus. Tanja und die anderen Kinder – das jüngste aufgegriffene war nicht älter als fünf Jahre – eignen sich hervorragend für Diebeszüge. Sie sind flink und verfügen über ein scharfes Gedächtnis, sodass sie die ermittelnden Zivilpolizisten nach kurzer Zeit kennen. Außerdem sind sie genügsam und leicht lenkbar, und vor allem stehen sie über dem Gesetz: Sie dürfen weder bestraft noch festgehalten werden. Greift die Polizei eines der Mädchen auf, wird es bei der „Drehscheibe“ der MA 11, dem Jugendamt der Gemeinde Wien, abgegeben. Dort bekommen die Kinder etwas zu essen und verschwinden bald wieder. Die acht Notbetten der „Drehscheibe“ bleiben meist leer. Zu groß ist der Druck der Schlepper auf die Kinder, schnellstens zurückzukehren.

Von diesen Schleppern und „Quartiergebern“ wurde noch kein einziger ausgeforscht, obwohl das Problem seit über zwei Jahren virulent ist. Doch selbst wenn es Festnahmen gäbe, wäre diesen Tätern kaum nachzuweisen, die Kinder zu einer strafbaren Handlung angestiftet zu haben. Zudem könnten sie im Ernstfall eine Bestätigung der Eltern vorlegen, dass sie legal mit den Mädchen reisen.

Kinderrechtsskandal. Innenministerin Liese Prokop kündigte bei einer Pressekonferenz Mitte Dezember an, „den Kampf gegen den Kinderhandel zu einem Schwerpunkt der EU-Präsidentschaft“ zu machen. Ihr Plan: ein Training für Exekutivbeamte, das „unter anderem Interviewtechniken zum Erkennen des Menschenhandels“ vermitteln soll. Denn oft stünden „Beamte vor dem Problem, den Kinderhandel als solchen zu erkennen“.

Norbert Ceipek, Leiter der „Drehscheibe“, bringt das Problem auf den Punkt: Es handle sich nicht um irgendeine osteuropäische Bande von Kriminalitätstouristen, sondern um einen ausgewachsenen Kinderrechtsskandal. Der feine Unterschied habe sich kaum noch zu den politischen Entscheidungsträgern durchgesprochen, sagt Ceipek.

Sein Mitarbeiter Peter Jenek vermutet, „dass die Polizei keinen entsprechenden Auftrag hat, anständig zu ermitteln“. Anders kann er sich nicht erklären, dass Observierungen praktisch nie zum Erfolg führen. Jenek: „Ich habe gefragt: Warum gebt ihr diesen Mädchen nicht eine Wanze mit, dann wisst ihr, wo sie wohnen. Die haben gesagt: So ein Equipment haben wir nicht.“

Gerald Tatzgern leitet die Zentralstelle für Menschenhandel und Schleppereibekämpfung im Bundeskriminalamt. Er räumt selbst ein, dass das Kindermissbrauchs-Business in Österreich „praktisch risikofrei für die Täter“ ist. Wie aber erklärt sich Tatzgern, dass die Polizei es nicht schafft, ein zehnjähriges Mädchen zu verfolgen und vor dem Zugriff gewalttätiger Ausbeuter zu schützen? „So ein Kind zu observieren ist zu aufwändig. Wir haben zu wenig Leute. Die Kleinen sind so schnell um die Ecke verschwunden, dass wir Ketten von sechs oder acht Beamten bräuchten, um eine Observation durchzuführen“, sagt Tatzgern. Habe man eines dieser Kinderquartiere einmal ausgeforscht, könne man sich jedoch keine langen Beobachtungen leisten, weil die Polizei gezwungen sei, wegen Gefahr in Verzug „sofort hineinzugehen“. Dort treffe man in der Regel aber nur auf Kinder und auf keine Erwachsenen. Mit dem erstmaligen Betreten der Wohnung werde diese zudem auch „verseucht“, also von Schleppern nie wieder aufgesucht.

Problemlösung. Norbert Ceipek erkennt an den Gesichtern der in der „Drehscheibe“ abgegebenen Kinder, wie lange sie schon wegen schlecht geglückter Beutezüge hungern müssen. Dabei wüsste Ceipek durchaus, wie dem Problem beizukommen wäre: Vor einigen Jahren war es Mode, rumänische Buben in österreichische Supermärkte zum Stehlen zu schicken. Ceipek setzte sich mit den rumänischen Behörden in Verbindung, die sich kooperativ zeigten. Ein Auffangzentrum in Bukarest wurde gegründet. In Österreich aufgegriffene Jungdiebe wurden von der rumänischen Botschaft in Wien sofort mit einem Rückreisedokument versorgt und nach Bukarest geflogen. Dort konnte man die wahren Identitäten der Kinder innerhalb kurzer Zeit klären. Die Informationen der interviewten Kinder versetzten die rumänische Polizei in die Lage, 49 Schmugglerringe auszuheben. „Und vorbei war es“, sagt Ceipek.

Die bulgarischen Behörden dagegen „wollten von uns immer Beweise, wer diese Kinder tatsächlich sind. Und in der bulgarischen Fluglinie war nie ein Platz für sie“, klagt Ceipek. „Außerdem sind die Mädeln ja alle Roma und damit Menschen dritter Klasse, die angeblich sowieso nichts anderes tun als stehlen. Der bulgarische Innenminister war kürzlich in Österreich und meinte, es gebe diesbezüglich kein Problem.“

Für seine Lösung des Problems mit rumänischen Jungdieben erntete Ceipek seinerzeit viel Lob, doch bei der Bekämpfung „dieser unglaublichen Martyrien, denen die Kinder ausgesetzt sind, hilft mir niemand, nur die MA 11“.

Von Emil Bobi