Kino: Das Öl-Epos "There will be blood"

Im Wettbewerb der soeben gestarteten 58. Filmfestspiele in Berlin ist Paul Thomas Andersons exzentrisches Breitwand-Drama „There Will Be Blood“ zu den Favoriten zu zählen. Bereits Ende dieser Woche startet der Film auch in unseren Kinos.

Selbst ist der Mann, sagt ein populärer Sinnspruch. Aber wie viel Selbst kann der erfolgreiche Solo-Unternehmer an-schließend psychisch verkraften? Der Filmemacher Paul Thomas Anderson, 37, hat einen ausgeprägten Sinn für die Ego-Abgründe, die sich im Macht­rausch auftun können. Der Autodidakt stieg Ende der neunziger Jahre mit Filmen wie „Boogie Nights“ und „Magnolia“ zu den Darlings der internationalen Filmszene auf. Seine jüngste Arbeit, mit der er seine künstlerische Reputation nun weiter ausbauen wird, behandelt einen Selfmademan, der vom Grubenarbeiter zum Öl-Tycoon aufsteigt – mit desaströsen Folgen.

Der Brite Daniel Day-Lewis spielt diesen Mann; er ist, wie sein Regisseur, keiner, der alles annimmt, was man ihm bietet. Nur alle paar Jahre tritt er im Kino auf (auch Andersons letzter Film, die eigenwillige Romantic Comedy „Punch-Drunk Love“, liegt bereits fünf Jahre zurück). Seit seinem Durchbruch mit „Mein wunderbarer Waschsalon“ 1985 hat Day-­Lewis kaum mehr als ein Dutzend Filmhauptrollen übernommen. Als Andersons Komplize ist Daniel Day-Lewis korrekt besetzt: Sein hochkonzentrierter Schauspielstil mutet stets stilisiert, überlebensgroß an. Als Emporkömmling, der Anfang des 20. Jahrhunderts im amerikanischen Niemandsland Ölquellen aufspürt und ausbeutet, arbeitet sich Andersons Held zu einem über Leichen gehenden Kapitalisten hoch. Ein nagender privater Schuldkomplex droht ihn schließlich dennoch zu Fall zu bringen.

„There Will Be Blood“ (österreichischer Kinostart: 15. Februar) ist aber nicht nur das Drama eines Egomanen, sondern vor allem ein von der suggestiven Musik Arvo Pärts und des Radiohead-Mitglieds Jonny Greenwood begleitetes amerikanisches Fresko: ein bildgewaltiges Breitwandgemälde, das frühindustrielle Arbeit und religiösen Fundamentalismus (Hollywoods It-Boy als durchgedrehter Prediger: Paul Dano) in unerhörter Theatralik schildert. Auf nicht weniger als acht Oscar-Nominierungen – unter anderem in den Hauptkategorien Regie, Drehbuch und bester Film – kommt Paul Thomas Andersons jüngste Arbeit (nur die ebenfalls achtmal genannte lakonische Westerngroteske „No Country for Old Men“ der Brüder Coen kann da noch mithalten). „There Will Be Blood“ basiert übrigens auf den ersten Kapiteln des 1927 erschienenen Roman „Oil!“ des sozialistischen US-Schriftstellers Upton Sinclair, der zwischen 1930 und 1932 schon einmal Filmgeschichte geschrieben hatte: als Produzent von Sergej Eisensteins unvollendeter Mexiko-Hymne „Que viva Mexico!“.

Kunstelite. Als US-Kassenzugpferd kann der Kalifornier Anderson indes nicht verstanden werden: Nach gut fünf Wochen in nordamerikanischen Kinos ist sein fünfter großer Film immer noch weit davon entfernt, auch nur sein Budget von rund 25 Millionen Dollar eingespielt zu haben. Natürlich wird das Werk nach der auch im Wettbewerb der Berlinale startenden europäischen Auswertung Gewinne schreiben – aber das ist bei einem außerordentlichen Filmemacher wie diesem nicht der entscheidende Punkt. Der exzentrische Mr. Anderson, der sich aus dem Independentkino-Bereich ins Zentrum der schmalen Kunstelite Hollywoods hochgearbeitet hat, steht jedenfalls gerade vor seinem nächsten großen Karrieresprung. Denn obwohl bereits für „Boogie Nights“ (1997) und sein surreales Melodram „Magnolia“ (1999) mehrfach nominiert, blieb er bislang ohne Oscar. Das wird sich, wenn nicht alles täuscht, im bei der in weniger als zwei Wochen anstehenden Academy-Award-Nacht 2008 ändern.