Kino: Das Tarantino-Syndrom

Die einst unabhängige Filmszene ist von Hollywood kaum noch zu unterscheiden. Rote Zahlen schreibt man da wie dort. Der stilisierte Thriller „Sin City“ dokumentiert die ausweglose Lage, in die sich die US-Filmindustrie manövriert hat.

Der Begriff „Sin City“ scheint wie erfunden für Hollywood. Die Filme, die in der Welthauptstadt des Kinos entstehen, konzentrieren sich gern auf „sündiges“ Entertainment, auf Sex, Rausch und Gewalt, und sie sehen in der Regel beunruhigend gut aus – ästhetisch spektakulär, aber vom Personal her vertraut:

Bruce Willis, Mickey Rourke und Jessica Alba gehen etwa in „Sin City“ (siehe dazu auch die Kritik unten) ans Werk, in einem Film, der eine Variante dessen bietet, wozu man in Amerika gern „event movies“ sagt. Dennoch ist „Sin City“ ein so genannter Independent-Film, produziert von zwei unabhängigen Unternehmen – Dimension Films und Troublemaker Studios. Den weltweiten Vertrieb hat der Disney-Konzern übernommen. Hinter solchen Projekten steht eine Geschichte der Integration oder auch: der Vereinnahmung: Die einstige Independent-Bewegung ist im globalen Netz der Medienimperien aufgegangen.

Das Label independent signalisiert im Kino vieles: ungewöhnlich Erzähltes, neue Talente, Desinteresse an Profitmaximierung, Nähe zur Kunst. Auch wenn die Filme selbst solche Assoziationen nur noch gelegentlich erfüllen: Der Zauber des Begriffs hat sich erhalten. Leider hat er kaum mehr reale Bedeutung, da sich die Filmindustrie in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten radikal verändert hat: Der Independent-Film ist zu einem bedeutenden Faktor in den Bilanzen der Studiobürokraten Hollywoods avanciert. Er wurde, nachdem er sich als lukrativ erwiesen hatte, übernommen, eingekauft oder imitiert.

Dabei war eben noch alles in bester Ordnung: 1994 schien ein exzellentes Jahr für das Independent-Kino zu sein. Steven Spielberg gründete mit Disney-Abgänger Jeffrey Katzenberg und dem Plattenmogul David Geffen das Unternehmen DreamWorks. Das Trio trat mit dem Vorsatz an, der Immobilität und Ideenarmut der Studiofilmindustrie persönlichere Kinovisionen entgegenzusetzen. Dieser Tage steht die insolvente Realfilmabteilung von

DreamWorks vor dem Verkauf. Sie dürfte demnächst von Universal, einem der großen Hollywood-Studios, geschluckt werden. 1994 war außerdem das Jahr, in dem Quentin Tarantino mit „Pulp Fiction“ einen Prototypen des unabhängigen Films vorlegte: eine schief erzählte, betont amoralische Story, in der sich Pop, Witz und Verbrechen auf eigenwillige Art ineinander fügten. Tatsächlich aber signalisierten sowohl Tarantinos Welterfolg als auch die Geburt von DreamWorks nur den Anfang vom Ende des unabhängigen Kinos: Schon „Pulp Fiction“ war auch das Produkt cleverer Marketingstrategen, dessen Welterfolg schlagend vorführte, mit welch hoher Durchsetzungskraft die Independents agieren konnten. Die Studios reagierten darauf in ihrer bewährten Logik: Sie kauften, was ihnen in die Quere kam, und entwickelten eigene Abteilungen zur Produktion und Distribution kleinerer, nur auf den ersten Blick weniger kommerzieller Filme. Die Branche begann, am Tarantino-Syndrom zu leiden.

Marketingzwang. Die Verwischung der Grenzen nahm ihren Lauf: Die (mehr oder weniger) echten Independents wie Lions Gate, Miramax oder Fine Line wurden zusehends größer und profitabler, während die Nebenerzeugnisse der Studios bisweilen „unabhängiger“ aussahen als die Independent-Produkte selbst. Zwischen Mitte der achtziger und Ende der neunziger Jahre hat das unabhängige Kino eine ökonomische Kraft entwickelt, die direkt in die Abhängigkeit führte: Noch 1986, rechnet James Schamus, Chef der jungen Produktionsfirma Focus Features („Lost in Translation“), vor, machten die Einspielergebnisse aller nominierten Filme der ersten „Independent Spirit Awards“-Gala 20 Millionen Dollar aus. 13 Jahre später lukrierten die nominierten Arbeiten an den Kinokassen bereits das Fünfzehnfache: 300 Millionen Dollar. Das Gros solcher Profite geht übrigens seit jeher an die major studios, die als finanzstarke Verleiher, Produktions- und Promotion-Partner auftreten – an denen auch autonome Regiestars wie Tarantino nicht vorbeikommen. Ohne massive Marketingkampagnen hätte auch er nicht die Öffentlichkeit, die er braucht, um seine Filme finanzieren zu können.

Man müsse also, sagt Schamus, endlich damit aufhören, in der Independent-Szene so zu tun, als sei man dabei, die Festung Hollywood einzunehmen, wo man doch längst selbst drin sei. Schamus’ eigenes Haus ist dafür ein gutes Beispiel: Focus hat die erste Hälfte des Jahres 2005 praktisch exklusiv dem Vertrieb von Produktionen wie „Assault on Precinct 13“ und dem Jet-Li-Vehikel „Unleashed“ gewidmet.

Die Verschmelzung der Studios mit ihren einstigen Herausforderern steht im Zentrum eines neuen Buchs: „Vanity Fair“-Autor Peter Biskind (siehe auch Interview Seite 95) geht in seiner eben auf Deutsch erschienenen 860-Seiten-Anekdotensammlung „Sex, Lies & Pulp Fiction“ von zwei Hauptschubkräften des Independent-Kinos der frühen neunziger Jahre aus – von Robert Redfords Sundance-Filmfestival und dem Aufstieg der Firma Miramax unter der Leitung des hemdsärmligen Brüderpaars Bob und Harvey Weinstein. Letzteren hat man wegen seiner Neigung zur Verstümmelung von Filmen mit dem schönen Spitznamen „Harvey Scissorhands“ ausgestattet. Im September werden die Weinsteins Miramax übrigens aufgeben (das Label fällt an Disney), ihren Produktions-Seitenarm Dimension Films aber behalten. Bereits 1993 hatten sie ihr Haus an Disney verkauft, die Geschäfte aber persönlich weitergeführt.

Tödliche Umarmung. Fast zeitgleich mit dem Anbruch der Ära des „Indie-Blockbusters“ (herausragende Beispiele: der Billigschocker „The Blair Witch Project“, Mel Gibsons „Passion Christi“, die weltweit fast eine Milliarde Dollar einspielte, und Michael Moores höchst lukrativer Polit-Debattenfilm „Fahrenheit 9/11“) hat sich die US-Filmindustrie in einer Krise verfangen, aus der sie, wenn kein Wunder geschieht, nicht so bald herausfinden wird: Die erdrückende Umarmung der multinationalen Konzerne hat nicht nur die Independent-Szene mürbe gemacht – Depression und Müdigkeit regieren dieser Tage ganz Hollywood. Seit 2003 ist Amerikas Filmindustrie im Sinkflug begriffen: Zunächst hielten sich die Verluste noch in Grenzen, aber heuer prognostiziert man Hollywood Einbußen zwischen neun und elf Prozent. Einbrüche verzeichnet man auch beim DVD-Geschäft; DreamWorks ist hier nur das prominenteste Opfer: „Shrek 2“, im Kino einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, blieb mit den DVD-Umsätzen weit hinter den Erwartungen zurück. Florierende Online-DVD-Verleihunternehmen wie Netflix graben den Studios zusätzlich das Wasser ab.

Während die durchschnittlichen Kosten für Marketing, Verleih und Schauspieler ungebremst weiter steigen, wenden sich Kinogänger weltweit von den immer weniger unterscheidbaren Produkten Hollywoods ab. Auch Europas Branche leidet, dominiert von US-Filmware, unter herben Besucherrückgängen. In Österreichs Kinos waren im ersten Halbjahr 2005 18,3 Prozent weniger Besucher zu verzeichnen, im Juni konstatierte man sogar ein Minus von fast 40 Prozent.

Es genüge eben längst nicht mehr, die eigenen Produktionsmittel zu kontrollieren, sagt Focus-Boss James Schamus, denn die Leute, die im Besitz der Mittel des Verleihs sind, verfügten letztlich über das System. Die normative Kraft des Hollywood-Mainstreams scheint inzwischen sogar Karl Marx widerlegt zu haben.

Von Stefan Grissemann