Kino: Die 50 besten Filme aller Zeiten

Was bleibt von knapp 110 Jahren Filmgeschichte? Welche Meisterwerke sind unumstritten, und worin besteht ihre dauerhafte Gültigkeit? profil hat 28 renommierte internationale Kinospezialisten um ihre persönlichen Bestenlisten gebeten. Das Ergebnis ist der profil-Filmkanon 2004: die großen 50 des Weltkinos.

Sogar das Büro von Martin Scorsese ließ sich nicht lange bitten. Der höflichen Aufforderung folgte eine schnelle Antwort. Die knappe Botschaft: die fünf ewigen Lieblingsfilme des Chefs. Gefragt waren zwar 25, aber man nimmt natürlich gern auch nur fünf, wenn sie vom bedeutendsten unter den lebenden amerikanischen Filmemachern höchstpersönlich nominiert werden (der übrigens gerade fieberhaft an seinem Howard-Hughes-Film „The Aviator“ arbeitet und daher für vertiefende Fragen nicht mehr zur Verfügung stand). So bleibt Regisseur Scorsese hier zwar Juror außer Konkurrenz, seine prompte Mitwirkung bei dem – durchaus ambivalenten – Gesellschaftsspiel der Erstellung einer Bestenliste des Weltkinos darf aber als symptomatisch für die Filmbranche gewertet werden.

27 weitere Juroren – darunter der Philosoph Slavoj Zizek, die Filmemacher Bertrand Tavernier, Ulrich Seidl, Michael Haneke, Romuald Karmakar und Peter Tscherkassky sowie StarkritikerInnen wie Amy Taubin, J. Hoberman, David Thomson und Nicole Brenez – waren bereit, für profil ihre jeweils 25 liebsten Filme zu nennen. Die Idee einer Neuüberprüfung des Kinokanons erfreut sich unter Menschen, die das Kino lieben, offensichtlich anhaltender Faszination – wobei die Vorbehalte immer gleich mitgedacht werden. „Time Out“-Kritiker Geoff Andrew hat die nervenaufreibende Arbeit der Erstellung seiner Wertung mit den schönen Worten „sheer torture, but fun“ („reine Qual, aber ein Vergnügen“) kommentiert: Dem wahren Kino-Aficionado gerät die Nominierung magerer 25 Werke aus dem unüberblickbaren Pool der vielen hundert liebsten Filme fast zwangsläufig zur Pein; der Spaß an der Reflexion mischt sich mit der Qual des unumgänglichen Verwerfens kostbarer Kinoarbeiten.

In Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum, das in Wien vom 1. bis zum 4. April ein von Synema koorganisiertes internationales (und prominent besetztes) Symposion zu Filmgeschichtsschreibung, Kanonisierung und Cinephilie veranstaltet, setzt profil mit diesem Expertenkanon einen ersten Schritt in der Wiederaufnahme der alten Debatte rund um die Frage, wie filmische Wertsicherung genau vor sich geht: Was gilt warum als „meisterlich“ im Kino? Wie wird Filmgeschichte gemacht? Und welchen Interessen folgen die, die diese festschreiben?

Die Kanonfrage wird in den kommenden Monaten präsent gehalten – und vom Spezialistenbereich allmählich auch in die Öffentlichkeit verschoben werden: Im Spätsommer, parallel zu einer Anfang September 2004 anlaufenden großen einschlägigen Retrospektive des Filmmuseums, wird profil die Ergebnisse einer ab sofort startenden Leserumfrage zu den besten Arbeiten der Filmgeschichte veröffentlichen, um damit vielleicht auch die traditionelle Distanz zwischen Expertenmeinung und Publikumsvotum ein wenig zu verringern.

Die hier veröffentlichten Ergebnisse stellen jedenfalls ein paar bedenkenswerte Dinge klar: die Tatsache etwa, dass auch 2004 Experten davor zurückscheuen, jüngere Werke in das Kino-Pantheon zu wählen, mag an sich schon überraschen. Wie konsequent aber in dieser neuen Liste der besten Filme aller Zeiten ein Gutteil ebendieser Zeiten, nämlich die letzten 35 Jahre, ausgeblendet werden, verblüfft dann doch. Gerade zwei Arbeiten aus den Neunzigern kommen hier vor (Bela Tarrs „Satantango“ und Godards „Histoire(s) du cinéma“), neun weitere Titel entstammen den siebziger und achtziger Jahren; der Rest, 39 von 50 Werken, wurde in den ersten beiden Dritteln der Filmgeschichte gedreht.

Jean Renoirs in den Kanonlisten früherer Jahrzehnte gern zweit- oder drittplatzierte Gesellschaftssatire „Die Spielregel“ (1939) trägt hier also – sehr knapp – vor Yasujiro Ozus Familienstudie „Die Reise nach Tokio“ den Sieg davon. (Jeder dieser beiden Filme wurde übrigens elfmal, also in beinah jeder zweiten Expertenliste genannt). Überraschender mutet der souveräne fünfte Platz des (achtmal nominierten) Bresson-Dramas „Zum Beispiel Balthasar“ an – aber auch der Umstand, dass mit Michael Snows „Wavelength“ ein Avantgardefilm unter so vielen herausragenden Spielfilmen den 13. Rang einnehmen kann. Der Absturz vormals so sicherer Top-Ten-Kandidaten wie „L’avventura“ (Platz 48) und „Panzerkreuzer Potemkin“ (49) belegt außerdem die Variabilität solcher Kanons: Jede Zeit überprüft ihre Ikonen neu.

Die vollständigen Einzellisten unserer 28 Juroren finden Sie übrigens, zum genaueren Studium, ab sofort auf den Homepages von profil ( www.profil.at ) und Filmmuseum ( www.filmmuseum.at ).