Kino: Höhenangst

Das Trauma vom 11. September 2001 hat nun auch das US-Kino erreicht. Namhafte Regisseure befassen sich mit der offenen Wunde 9/11. Beim Filmfestival in Cannes wird das Terrorflugdrama „United 93“ dieser Tage seine Europa-Premiere erleben.

Die Diskussion darüber, wie früh zu früh und ob die Wahrheit – vor allem aber: wessen Version davon – im Kino zumutbar ist, wird in Nordamerika gegenwärtig mit zunehmender Härte geführt. Ist es legitim, Spielfilme über die Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 zu drehen? Ist bereits genug Zeit vergangen, um dieses heikle Thema filmisch zu historisieren? Umstrittenes Objekt der Debatte: der ultrarealistische Film „United 93“ des britischen Regisseurs Paul Greengrass, der sich kein geringes Ziel gesetzt hat – eine schonungslose Rekonstruktion der Ereignisse an Bord jener entführten Maschine, die nach einer Revolte der Passagiere kurz vor Erreichen des Terrorziels in Washington abgestürzt war. Bei den am Mittwoch dieser Woche startenden 59. Filmfestspielen in Cannes wird „United 93“ außer Konkurrenz seine Europa-Premiere erleben. Bereits Anfang Juni wird der – seit Ende April mit erstaunlichem Erfolg in US-Kinos laufende – Film dann auch in Österreich starten.

Mit dem Herannahen des fünften Jahrestags der Zerstörung der Twin Towers in Lower Manhattan scheint die selbstverordnete Trauerzeit in Hollywood zu Ende zu gehen. Im US-Fernsehen gab es Bedenken dieser Art übrigens nie; während dort schon seit Anfang 2002 alle paar Wochen irgendein schnell produziertes 9/11-drama of the week ausgestrahlt wird, suchte im Kino bislang nur einer wirklich spektakulär die Auseinandersetzung mit dem brisanten Stoff: Show-Dokumentarist Michael Moore, dessen Bush-Attacke „Fahrenheit 9/11“ die Filmindustrie und das Festival in Cannes vor zwei Jahren in Atem hielt. Nun schließt die Spielfilmfraktion auf, die in dieser Causa – selbst gemessen an den hochkomplexen Kinoproduktionsstrukturen – mit bemerkenswerter Verzögerung gehandelt hat. Die Befangenheit, das Thema 9/11 in großem Stil aufzugreifen, war offenbar gewaltig.

Verschwörungsspezialist. Ob allerdings Oliver Stones „World Trade Center“ seinen historischen und moralischen Vorgaben genügen wird, muss vorerst dahingestellt bleiben: Erst am 11. August soll der Film, in dem Nicolas Cage als Polizei-Sergeant in einem der einstürzenden Türme eingeschlossen wird, in Nordamerika starten (und in Österreich nicht vor Ende September). Der Castro-Freund und Verschwörungsspezialist Stone musste jedenfalls bereits im Vorfeld beteuern, wie wenig sein Film politisch motiviert sei: „World Trade Center“ handle „keinesfalls von den Motiven oder den Identitäten der Terroristen, schon gar nicht von der Politik rund um den 11. September“, stellte Stone klar. Sein Drama drehe sich vielmehr „um zwei festsitzende Männer und ihre Familien draußen“. Und um eine erfolgreiche Rettungsaktion: Das gerade bei diesem Thema ein wenig dubios anmutende Happy End seines Films scheint Stone nicht weiter zu irritieren.

Paul Greengrass’ „United 93“ verweigert solche Beruhigungsstrategien konsequent: Sein Film dramatisiert sehr nüchtern die letzte Reise des Fluges 93 der United Airlines am Morgen des 11. September 2001. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: 33 Passagiere, vier Entführer und sieben Crew-Mitglieder starben bei dem Absturz der Maschine in Pennsylvania. Dennoch gelingt es Greengrass, sein Drama mit einer geradezu physischen Spannung aufzuladen, die unmittelbar dem Grauen der Situation entspringt und nie billiger Psychologie: Das Leben, das die unzähligen Figuren in „United 93“ gewinnen, ist ausschließlich der Lage geschuldet, in der sie sich befinden – und den Taten, die sie setzen. Greengrass skizziert in hypernervösen Kamerabewegungen und radikal verdichtender Montage die Kommunikation zwischen Flugzeug, Bodenpersonal und Militär, aber auch den Informationsfluss im Flugzeug selbst: das Zusammenspiel von Stewardessen und Passagieren unter Todesangst, die Verbreitung der Nachricht vom Einschlag der beiden Flugzeuge in die beiden Türme, die improvisierte Formation einer sich schließlich zum Gegenangriff aufschwingenden Kraft.

Aus den letzten Telefonbotschaften der Fluggäste, die ihre Lage beschrieben, und aus den Mitschnitten der Geräusche und Schreie an Bord rekonstruierte Greengrass gemeinsam mit den Familien der Opfer eine plausible und in der Feinzeichnung genuin schockierende Version der Abläufe im Inneren des Fluges United 93 (siehe auch das Interview links). Von der amerikanischen Kritik generell wohlwollend aufgenommen, zog der Film da und dort auch leise Kritik auf sich: Manohla Dargis etwa argumentierte in der „New York Times“, dass ein „so bewusst eng geführter Film, ohne individuelle Figurenzeichnung, ohne historischen oder politischen Kontext“, doch auch die Frage aufwerfe, warum er „überhaupt entstanden“ sei.

Das amerikanische Kino, dessen Gewaltfantasien in gewisser Weise auch als Inspiration für die Terroristen des 11. September gedient haben dürften, ist von George W. Bushs „War against Terror“ nach wie vor nicht ganz zu trennen: Anlässlich der Weltpremiere von „United 93“ im Rahmen des New Yorker Tribeca-Filmfestivals, ganz in der Nähe des Ground Zero, verweigerten die US-Behörden dem irakischen Schauspieler Lewis Alsamari, einem – seit 1995 in Großbritannien lebenden – Hauptdarsteller des Terrordramas, die Einreise, weil dieser Anfang der neunziger Jahre in seiner Heimat zum Dienst in der Armee gezwungen worden war. Wie soll man Fiktion und Wirklichkeit in einer Situation, in der sogar Terroristendarsteller wie Terroristen behandelt werden, noch auseinander halten können?

Die Filme von Greengrass und Stone bilden indes nur die Vorhut für eine Reihe weiterer Variationen zum Thema 9/11: 2007 soll Mike Binders Melodram „Empty City“ erscheinen, die Erzählung eines Mannes (Adam Sandler), der bei den Anschlägen seine Familie verlor; zudem wird gerade ein Film mit dem Titel „102 Minutes“ entwickelt, dessen Laufzeit sich mit der Spanne zwischen Einschlag des ersten Flugzeugs und Einsturz der Zwillingstürme decken soll. Der in den USA deutlich spürbare Widerstand gegen Filmprojekte dieser Art erscheint in zumindest einer Hinsicht auch verständlich: Die Bearbeitung der 9/11-Katastrophe hat sich inzwischen zum Millionenbusiness ausgewachsen – der Fernsehfilm „Flight 93“ etwa war im vergangenen Jänner die erfolgreichste Sendung in der Geschichte des Kabelsenders A&E.

Kulturkampfkino. Der Kampf der Kulturen ist im US-Kino jedenfalls allgegenwärtig: In Spike Lees New Yorker Bankraubthriller „Inside Man“ wird er als Subtext klug mitreflektiert, dem Jodie-Foster-Actioner „Flight Plan“ ist er dagegen nur eine sarkastische Pointe wert. Den bislang sympathischsten Aufruf zur Deeskalation im clash of civilizations hat Anfang des Jahres der US-Komödiant und Filmemacher Albert Brooks („Lost in America“, „Mother“, „The Muse“) in die Diskussion eingebracht: mit seinem jüngsten Projekt „Looking for Comedy in the Muslim World“.

Das Hollywood-Unternehmen Sony Pictures wagte es jedoch nicht, den Film in den Verleih zu nehmen, seines Titels wegen, der angeblich für „zu kontroversiell“ befunden wurde. Vermutlich war es nicht nur der Titel: Die Erzählung dreht sich um einen Schauspieler (Brooks selbst), den die US-Regierung hochoffiziell damit beauftragt, die islamische Welt auf ihren Humor hin zu überprüfen (und einen 500-seitigen Bericht zu den Ergebnissen seines Trips zu verfassen). Der Reisende findet im Islam jedoch nur bleierne Witzlosigkeit. Ein Vergeltungsschlag mit den Mitteln der Popkultur – auch so kann man im Kino mit realen Weltkrisen umgehen.

Von Stefan Grissemann