Kino: Im Mahlstrom der Daten

Der internationale DVD-Markt entdeckt die Randzonen der Avantgarde und der Cinephilie für sich. Dabei wird die Filmgeschichte neu beleuchtet. Allerdings wirft der Übertritt ins Digitale auch unerhörte Fragen auf.

Es ist schwer zu sagen, ob die digitale Revolution, die ihren Kampf bekanntlich längst gewonnen hat, nun eher Opfer oder Profiteure hervorbringt. Die alltägliche Existenz eines Durchschnittsbürgers der Ersten Welt hat sich jedenfalls in kürzester Zeit fast unbemerkt in eine virtuelle Erlebniswelt verwandelt: Mittlerweile wird das Gros der menschlichen Gewohnheitshandlungen in Daten umgerechnet und in imaginäre Räume verlegt, von der brieflichen Kommunikation bis zu den Bankgeschäften, vom Arzt- bis zum Bibliotheksbesuch.

Die Kunst stand in dieser Hinsicht als Testgelände zur Verfügung: Jener gigantische Übertragungsvorgang, der in den vergangenen 15 Jahren alle verfügbaren Schrift-, Musik- und Laufbildaufzeichnungen ins Elektronische verrückt hat, nähert sich nun seinem vorläufigen Ende – demnächst schon sollen etwa die wenigen Filme, die noch auf fotografischer Basis hergestellt werden, als bloße Datenströme in die Kinos geliefert und über hochauflösende elektronische Bildermaschinen, ohne den alten Umweg über gewichtige Filmkopien, direkt auf die Leinwand gestrahlt werden. Der Besuch eines Kinosaals werde sich künftig „wie Home Entertainment anfühlen“, notiert Dietmar Kammerer in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „kolik.film“.

Elfenbeinturm. Mit dem Siegeszug der digitalisierten Kunst hat aber auch ein Differenzierungsprozess eingesetzt: Film-DVDs sorgen inzwischen weltweit nicht nur für etwa doppelt so viel Umsatz wie die Kinos selbst, sie etablieren sich auch in den künstlerischen Randzonen zusehends als Wirtschaftsfaktor. Während die Verkäufe der in Millionenauflagen produzierten US-Industrieprodukte zuletzt weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, scheint die Spezialistennische immer lukrativer zu werden. Ein Blick auf die aktuellen DVD-Angebote beweist, dass die Hersteller lange schon nicht mehr nur auf Autorenfilm-Fixsterne wie Bresson, Hawks und Godard setzen: Die Palette reicht von einer programmatisch betitelten Avantgardesammlung „Unseen Cinema“ und etwa Carl Theodor Dreyers raren Stummfilmen bis zu Mario Bavas eleganten Sixties-Schockern, Julien Temples Punk-Dokument „The Great Rock and Roll Swindle“ und den propagandistischen Dokumentarfilmen des Kubaners Santiago Alvarez. Die Digital Versatile Disc hat, gemeinsam mit eng verwandten kulturellen Phänomenen wie der Online-Filmbestellung und den Filesharing-Börsen, ihren Kunden Bedeutendes verschafft: Zutritt zum Elfenbeinturm Filmgeschichte. Was vor wenigen Jahren noch nur für Fachleute verfügbar war, ist nun per Mausklick auch jedem cinephilen Internetbenutzer zugänglich.

Amerikanische DVD-Hersteller wie Criterion und Kino Video oder die italienische Firma Raro Video, die Andy Warhols Factory-Filme ebenso im Programm hat wie Nagisa Oshimas Frühwerk, statten ihre Produkte keineswegs mehr nur mit Filmen aus, sondern mit teilweise fast unüberschaubaren filmhistorischen Zusatzprogrammen: mit Director’s Cuts und restaurierten Fassungen, mit nicht verwendetem Material, Mitarbeiterkommentaren und Drehberichten. Dabei wird stets auch deutlich, wie fragil der prädigitale Film tatsächlich ist und wie kompliziert seine Konservierung beziehungsweise Restaurierung. Die Feier der bedrohten Vitalität des Kinos findet hier paradoxerweise in einem jener Kunst ganz fremden Medium statt.

Erlebnispark DVD. Michael Loebenstein, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums und Produzent einer eben erschienenen DVD zur Restaurierung des Dziga-Vertov-Klassikers „Entuziazm“, sieht die wachsende Popularität des digitalen Trägermediums in dem „Informationszugangs-Phantasma“ begründet, das etwa die vielen Navigationsmöglichkeiten der DVD vermitteln: „Der Besitzanspruch, der mit einer solchen Akkumulation von Daten und Wissen befriedigt wird, hat damit ebenso zu tun wie der Wunsch, etwa über Audiokommentare die Gedanken eines Regisseurs nachvollziehen zu können.“ In die Menü-Labyrinthe einer gut ausgestatteten DVD tauche man ein „wie in einen Erlebnispark“. Neben solch sinnlichen Ereignissen gibt es aber auch einiges mitzuteilen: Eine klug gestaltete DVD betrachtet Loebenstein als „eine Art Fußnotenapparat zum Originalgegenstand“. Die Filmgeschichte sei schließlich „viel mehr als bloß Materialbeschäftigung“.

„Wir befinden uns mitten in einem Mutationsprozess“, stellt Filmmuseumsdirektor Alexander Horwath nüchtern fest. Das Kino liege derzeit auf halbem Weg zwischen analoger und digitaler Produktion – und es sei im Übrigen keine Frage, ob das elektronische oder das fotografische Medium das „bessere“ sei; so wie das Kino nicht besser sei als das Theater und das Klavier nicht besser als das Cembalo, so müsse auch das Digitale dem Analogen nicht grundsätzlich überlegen sein. Für einen primär im Rechner hergestellten Film wie „Sin City“ ist eine digitale Projektion naturgemäß die adäquate Option, während einer der vollständig „analogen“, am fotografischen Material selbst orientierten Avantgardefilme Peter Tscherkasskys ohne 35-mm-Projektion nicht denkbar wäre.

DVD-Verrottung. Tscherkassky selbst, der seine Arbeiten übrigens auch als DVD veröffentlicht hat, sieht im Sprung vom alten Filmbild ins elektronische Medium tatsächlich den Verlust der Materialität seiner Arbeit: Das am Computer generierte Bild „hat mit dem analogen Filmstreifen absolut nichts zu tun“, stellt Tscherkassky leidenschaftslos fest (siehe auch Interview Seite 134).

Man müsse sich darüber im Klaren sein, dass eine DVD „niemals den unmittelbaren Zugang zum Werk“ erlaube, sondern „nur ein Vermittlungsprodukt“ darstelle, betont Horwath: Sie biete die Möglichkeit der Reproduktion eines Films und fungiere deshalb sozusagen als Kinopendant zum Kunstkatalog. Die DVD erinnert in ihrer Erscheinungsform ohnehin am ehesten an ein Buch – auch die laufende DVD-Edition der „Süddeutschen Zeitung“ bestätigt diese Assoziation.

Die hohe klangliche und bildliche Qualität mancher DVD ist allerdings trügerisch: Fachleute sehen in der Silberscheibe ein absolut ungeeignetes Archivmedium, da die Lebenszeit der DVD auf wenige Jahrzehnte beschränkt ist. Zwar spiele die Digitalisierung filmischer Materialien nicht nur für die historischen DVD-Editionen seines Hauses, sondern auch in der Filmrestaurierung eine Rolle, führt Ernst Kieninger, Chef des Filmarchivs Austria, aus, in erster Linie aber sieht er sich der bestmöglichen Sicherung des filmischen Materials verpflichtet: Langfristig müsse man das filmische Erbe in seinem fotografischen Urzustand bewahren.

Eine aufwändige EU-Studie hat diese Einschätzung unlängst in deutlichen Worten bestätigt: Die Nutzung digitaler Trägermedien als Langzeitarchiv wird darin dezidiert „nicht empfohlen“. Letzte Beweise für die Kurzlebigkeit der DVD stehen aber noch aus: Der so genannte „DVD rot“, der beschleunigte Verfalls- und Verrottungsprozess der Datenträgerscheibe, sei möglicherweise „nur eine urbane Legende“, meint Loebenstein. Dass bereits an High-Definition-Nachfolgeformaten der DVD gearbeitet wird, steht hingegen fest: Der – gelegentlich freilich fast hyperrealistisch anmutenden – Brillanz des elektronischen Bildes scheinen vorerst keine Grenzen gesetzt zu sein.

Von Stefan Grissemann