Kino: Keine Kostümnazis mehr

Die 56. Filmfestspiele in Berlin gerieten trotz der in den Sand gesetzten Prestigeproduktion „Elementarteilchen“ zu einer Feierstunde des deutschsprachigen Autorenkinos. Österreichs Filmszene hat daran einigen Anteil.

Auf die Idee, das deutsche Kino sei „ein großes Missverständnis“, wie das der Münchner Regisseur Dominik Graf unlängst gnadenlos formulierte („streberhaftes Bemühen nach dem Besonderen“), konnte man während der Anfangsphase der 56. Berliner Filmfestspiele tatsächlich kommen. Nur 48 Stunden nach Festivaleröffnung geriet der programmierte Aufreger des Wettbewerbs, der teuerste und prominentest besetzte deutsche Film im Programm, zu einem veritablen ästhetischen Totalschaden.

Oskar Roehlers Verarbeitung des Houellebecq-Romans „Elementarteilchen“ (Österreich-Kinostart: 24. Februar) irritiert durch ihre einigermaßen groteske Anlage: Roehler scheint nur die äußerste Schicht seiner Vorlage, den dürren Story-Umriss vom neurotischen Brüderpaar, berücksichtigen zu wollen; die provokanten Gesellschaftsthesen und die zynische, aber komplexe Weltsicht Houellebecqs hat der Filmemacher vollständig eliminiert – und nichts als eine (nur vorgeblich mit „großen Gefühlen“ hantierende) Erzählung übrig gelassen, die der Rede nicht wert ist. Starproduzent Bernd Eichinger hat den bislang so exzentrischen Stil Roehlers durch massive Eingriffe offensichtlich neutralisiert und anonymisiert. So ist „Elementarteilchen“ ein offen synthetisches Produkt geworden: ein Spielplatz prominenter Fehlbesetzungen (Christian Ulmen und Moritz Bleibtreu als zentrales triebgestörtes Brüderpaar, flankiert von Franka Potente, Martina Gedeck und Corinna Harfouch), ein in seltsam flachen Bildern und gestelzten Dialogen angelegter Inszenierungsbankrott zum Zeitalter der sexuellen Krise.

Flusskrebse. Von Purismus und Strenge sei er eben inzwischen weggekommen, hält sich Roehler indes zugute (siehe Interview Seite 117); außerdem habe er seinen Film mit einem gewissen „Unterhaltungswert“ ausstatten müssen. „Er ließ über die Berühmtheiten, mit denen er zusammenkam, einen teilnahmslosen Blick schweifen und filmte Bardot oder Sagan mit der gleichen Wertschätzung, als habe er Tintenfische oder Flusskrebse vor sich“, heißt es in Houellebecqs Roman, als habe der Schriftsteller Roehlers Arbeitsweise bereits vorausgesehen.

Eine Art Gegenentwurf zu Roehlers Version der „Elementarteilchen“ war schon tags zuvor im Wettbewerb des Festivals zu sehen gewesen. Um die Zivilisationskrankheit Zynismus dreht sich auch Michael Glawoggers „Slumming“ – mit völlig anderen Ergebnissen: Mit seiner verqueren Tragikomödie brachte der Filmemacher erstmals seit zwanzig Jahren wieder einen österreichischen Film in den Wettbewerb der Berlinale und sorgte für einige – in diesem Fall aber durchaus produktive – Verstörung. Glawoggers Fabel vom haltlosen Poeten (Paulus Manker), den zwei wohlstandsgelangweilte junge Männer (August Diehl, Michael Ostrowski) zum bloßen Vergnügen in die tschechische Einschicht verfrachten, setzt Moral und Menschenfeindlichkeit so hart gegeneinander, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse zu verschwimmen drohen.

Exorzismus. Glawoggers eigensinniger Blick auf die Welt fügte sich den Generallinien der Berlinale 2006 jedenfalls bestens. Gerade das deutschsprachige Kino glänzte heuer durch entschiedene Präsenz: Mit Hans-Christian Schmids „Requiem“, einem in nervöse Filmsprache übersetzten Exorzismusfall aus der deutschen Provinz der siebziger Jahre, mit Matthias Glasners überlangem Vergewaltigungsdrama „Der freie Wille“ und Valeska Grisebachs stillem Liebesfilm „Sehnsucht“ kam das deutsche Kino schon im Wettbewerb um den Goldenen Bären auf eine Reihe leidenschaftlich diskutierter neuer Arbeiten, die das Gros dessen, was der Rest des Hauptprogramms zu bieten hatte, mühelos in den Schatten stellten.

Insbesondere Grisebachs „Sehnsucht“, eine mit Laiendarstellern souverän realisierte Studie deutscher Wirklichkeit, schaffte es, zugleich den konkreten Fall einer zerstörerischen Dreiecksbeziehung zu behandeln als auch die abstraktere Frage nach der zeit- und sachgemäßen Inszenierung romantischer Stoffe. Valeska Grisebach, die 2001 mit dem Teenagerfilm „Mein Stern“ erstmals Aufmerksamkeit erregte, ist aber nicht nur eine überaus präzise und sensitive Filmemacherin, sondern auch eine Grenzgängerin zwischen dem österreichischen und dem deutschen Film. An der Wiener Filmakademie hat sie studiert, aber inzwischen zählt man sie zur zweiten Generation der so genannten „Berliner Schule“, einer Gruppe von Filmemachern, zu denen neben Christian Petzold, Angela Schanelec und Thomas Arslan nun auch jüngere Kollegen wie Ulrich Köhler und Henner Winckler gehören. Grisebach sieht sich „absolut verbunden“ mit der Berliner Schule, doch beim Stichwort Schule müsse sie doch „viel eher an die Wiener Schule denken“, die für ihre persönliche Kinoinitiation verantwortlich war. „Die Form des gegenseitigen Austausches“ habe sich in Berlin glücklicherweise fortgeführt, sagt die Filmemacherin. „Heute ist es so, dass Leute, die aus Hamburg oder Wien hierher gezogen sind, eng mit Berliner Filmemachern zusammenarbeiten. Da ist eine auch persönlich große Verbindlichkeit festzustellen.“ Und wenn solche Zusammenhänge nun auch in den Filmen selbst zu finden seien und man da eine Art „Bewegung“ orten könne, dann sei ihr das „natürlich recht“.

Querköpfe. Auch abseits des Wettbewerbs war diese „Bewegung“ in den elf Tagen des Festivals deutlich spürbar: Henner Wincklers „Lucy“, eine stille – übrigens von der Österreicherin Christina A. Maier wunderbar fotografierte – Erzählung der existenziellen Komplikationen einer adoleszenten Mutter, faszinierte im Programm des „Forums“ ebenso wie Ulrich Köhlers sehr fragmentarische Isolationsstudie „Morgen kommen die Fenster“. Kein Zweifel: Nach langen Jahren der kreativen Dürre ist das deutsche Kino gegenwärtig präsent und international kompatibel wie seit Fassbinders Tod vor fast zweieinhalb Jahrzehnten nicht mehr. Mit Filmemacher-Persönlichkeiten wie Petzold, Schmid und Grisebach, aber auch mit stilistischen Querköpfen wie Romuald Karmakar, Leander Haußmann oder Detlev Buck hat der neue deutsche Film eine inzwischen stattliche Anzahl an profilierten Regiefiguren zwischen 30 und 45 vorzuweisen, die einerseits über sehr persönliche Handschriften verfügen, andererseits trotz oft spröder Zugänge ein immer größeres Publikum erreichen.

Detlev Bucks Neuköllner Jugendbanden-Thriller „Knallhart“ etwa, der in einer Nebenschiene des Festivals präsentiert wurde, ist ein Film, dessen überraschende Verbindung von Alltagsgewalt und Witz, von sozialem Realismus und bewusster genrefilmischer Trivialität erstaunlich gut gelingt. Auch in „Knallhart“ zeichnen sich Gemeinsamkeiten zwischen der österreichischen und der deutschen Filmszene am Rande ab: Wenn der Österreicher Georg Friedrich in „Knallhart“ eine entscheidende Nebenrolle spielt, so geht dies auf ein Engagement zurück, das der Schauspieler Detlev Buck vor zwei Jahren in einem österreichischen Film übernommen hat: Als Darsteller in Michael Glawoggers „Nacktschnecken“ (2003) lernte Buck Georg Friedrich kennen.

Euro-Milliarden. Detlev Buck, der als Produzent, Akteur und Regisseur sein Metier von allen Seiten her kennt, ist – was die Qualität des neuen deutschsprachigen Films betrifft – dennoch bestenfalls verhalten optimistisch. „Eine gewisse Lebendigkeit“ sehe er schon, sagt Buck, zugleich aber ärgere ihn maßlos, „wie die Deutschen in den letzten sechs Jahren einen Euro-Milliardenbetrag in sehr schöne amerikanische B-Ware reingeschossen haben, dabei aber nicht in der Lage waren, in Deutschland selbst die Grundlagen für eine florierende Filmlandschaft zu schaffen“. Was es in Deutschland wohl gebe, seien „Einzeltäter, alles Einzeltäter. Aber das System ist leider immer noch dasselbe. Es ist alles wie immer, nur dass gerade keine Komödien gefragt sind, was ich ein bisschen bedaure, da mir ein Betroffenheitskino nicht so wahnsinnig gefällt.“ Selbst Fatih Akins Sozialdrama „Gegen die Wand“, das 2004 den Goldenen Bären der Berlinale gewinnen konnte, sei, so Buck, „ja damals eher zufällig reingerutscht ins Festivalprogramm und in seine Weltkarriere, nur durch den Ausfall eines anderen Films: In Deutschlands Kinoszene basiert eben alles immer noch sehr auf Trial and Error: Da ist immer noch nichts, was man ernsthaft Struktur nennen könnte.“

Er werde in diesem Jahr „kein Panel besuchen über Umsatzrückgang oder ,Der deutsche Film zwischen vielleicht und wahrscheinlich‘“, erklärte der Filmemacher Christian Petzold („Die innere Sicherheit“, „Gespenster“) kurz vor Beginn der Berlinale. Er werde „nur Filme anschauen, vier am Tag. Egal welche, nur dürfen es keine sein mit Nebel und weißen Pferden und folkloristischer Musik und auch keine mit Kostümnazis. Und keine Serienmörder. Ein Road-Movie, in dem jemand mit Krebs im letzten Stadium sein Enkelkind trifft und noch einmal mit ihm ans Meer geht, will ich ebenfalls nicht sehen. Alles andere wird super.“ Ironie verträgt der deutsche Film, bislang besser bekannt für seinen bleiernen Ernst, neuerdings wieder bestens.

Von Stefan Grissemann