Kino: Kulissenschieber

Das Grazer Filmfestival Diagonale versucht diese Woche mit neuer Geschäftsführung, die unübersichtliche österreichische Filmlandschaft kurzfristig überschaubar zu machen. Doch in der Branche toben vielfältige Macht- und Verteilungskämpfe.

In einer Dreierkonstellation zu arbeiten, das sei „natürlich ein schwieriger Prozess – und vor allem in den Entscheidungs- und Kommunikationswegen problematisch“, sagt Diagonale-Intendantin Birgit Flos, 61, rückblickend auf ihr erstes Jahr als Chefin des Grazer Austrofilm-Festivals. Mit Oliver Testor hat Flos nach dem nicht ganz glücklichen Abgang ihrer beiden Kompagnons aus dem Vorjahr, Robert Buchschwenter und Georg Tillner, nun einen neuen Geschäftsführer an ihrer Seite. Erstmals zeichnet sie für die Filmauswahl allein verantwortlich: Die strikte Trennung zwischen Programm und Finanzen ist offensichtlich Konsequenz des Scheiterns an allzu utopischen Vorstellungen von organisatorischer Demokratie.

Die Diagonale auszurichten ist alles andere als ein simpler Job – auch wenn sich Kunststaatssekretär Franz Morak nach seinem gescheiterten Interventionsversuch vor drei Jahren inzwischen strategisch auf Nichteinmischung und Laisser-faire eingestellt hat. Wie man als Festivalleiterin die divergierenden Ansprüche von Künstlern, Produzenten, Journalisten, Sponsoren und Politikern befriedigt, fragt sich Birgit Flos immer wieder auch selbst: Man müsse sich eben davon lösen, „bloß zufrieden stellen zu wollen“. Es gehe vielmehr darum, mit dem Festival „einen Konzentrationspunkt zu schaffen, eine Gesprächs- und Sehkonzentration auf den österreichischen Film“.

Die nicht unbeträchtlichen Schulden, die sich aus den Koordinationsschwierigkeiten der Diagonale-Leitung 2005 ergeben haben, ziehen das heurige Festival trotz des relativ stabilen Budgets von einer Million Euro in Mitleidenschaft: So wurde die Veranstaltung von sechs Tagen Laufzeit auf nunmehr fünf gekürzt. Ob Flos nach 2007, nach Auslaufen ihres Vertrags, als Festivalchefin weitermachen will, möchte sie gegenwärtig nicht sagen: „Im Moment geht es nur darum, gut durch die Diagonale-Woche zu kommen“, meint sie lächelnd, weniger ausweichend als tatsächlich erschöpft.

Mit Florian Flickers „No Name City“, dem dokumentarischen Porträt einer Western-Erlebnisstadt südlich von Wien, wird die Diagonale am Dienstagabend dieser Woche eröffnet werden. Vier kürzere, bilderstürmerische Arbeiten von Peter Tscherkassky, Karo Goldt, Josef Dabernig und dem Laptop-Künstlerduo reMI reicht man dazu – schon um vorzuführen, welche Bandbreite das Kino hierzulande besitzt.

Filmpolitische Abgründe. Das Programm der Diagonale 2006 verdeutlicht dennoch die Ambivalenz der Situation, in der sich der österreichische Film gegenwärtig befindet. Einerseits verbucht das heimische Kino weiterhin weltweit erstaunliche Erfolge: Vielfach preisgekrönte Filme wie Michael Hanekes Thriller „Caché“, Hubert Saupers Oscar-nominiertes Afrika-Porträt „Darwin’s Nightmare“, Tscherkasskys Avantgarde-Raserei „Instructions for a Light and Sound Machine“, der Berlinale-Sieger „Grbavica“ oder Nikolaus Geyrhalters gespenstische Industriestudie „Unser täglich Brot“ sorgen bei Festivals und an internationalen Kinokassen für Aufsehen, während eine kleine globalisierungskritische Doku namens „We Feed the World“ mit inzwischen 160.000 Besuchern zum bestbesuchten Dokumentarfilm in der Geschichte des österreichischen Kinos avanciert ist. Andererseits liegt filmpolitisch einiges im Argen: Das seit Jahren unterdotierte Österreichische Filminstitut kann den differenzierten Anforderungen der Filmförderungswerber längst nicht mehr gerecht werden, und der Bundeskulturpolitik geht der Blick für relevantes zeitgenössisches Kino sowieso spürbar ab; dass Franz Morak das Stichwort „österreichischer Film“ eher mit Antel und Schwarzenegger in Verbindung bringt als mit Seidl und Albert, ist hinlänglich bekannt.

Zudem schwelt unter Österreichs Filmproduzenten eine neue Aggression, die mit den härter werdenden Subventionsverteilungskämpfen – und den alten Ressentiments der Quotenritter gegen minoritäre Kinokunst – zu tun hat (siehe Kasten). Das Misstrauen der Produzenten spüren indes auch Flos und Testor. So wird beispielsweise Michael Glawoggers „Slumming“, Mitte Februar erst im Wettbewerb der Berlinale präsentiert, in Graz nicht zu sehen sein. Das liege „vor allem am Umgang der österreichischen Presse mit dem hiesigen Kino“, sagt Produzent Erich Lackner, Chef der Wiener Lotus-Film. Es sei schlicht kontraproduktiv, einen Film, den man erst im Herbst 2006 in die Kinos bringen wolle, bereits im März zur Österreich-Premiere zuzulassen, da nicht zu erwarten sei, dass die Medien den Film zweimal gebührend behandeln würden.

Absagen. Der Ausfall von Glawoggers Film ist nicht der einzige, den die Diagonale-Intendanz heuer zu beklagen hat: Ruth Beckermann, die noch vergangene Woche eine Retrospektive ihrer Arbeiten beim Festival in Créteil erlebt hat, wollte ihren neuen Film, „Zorros Bar Mizwa“, ebenfalls nicht im Programm der Diagonale sehen. Und auch Wolfgang Murnbergers Kinderabenteuer „Lapislazuli“ verweigerten Produktion und Verleih dem Grazer Festival. „Ich versuche das entspannt zu sehen“, sagt Flos. „Da sind eben kommerzielle Erwägungen im Spiel.“ Beckermanns Absage habe sie aber doch „sehr getroffen“; gerade diesen Film hätte sie als echte Bereicherung für ihre Auswahl empfunden.

„Wir arbeiten am Schließen der Kluft zwischen den Kreativen und den Produzenten“, sagt Testor kämpferisch. Und Flos fügt an: „Die Diagonale will auch die strukturellen Probleme des heimischen Kinos transparent machen, sie aus den Nischen lösen, in denen alles nur hinter vorgehaltener Hand besprochen wird und hinter den Kulissen stattfindet. Wir treten gegen das Lagerdenken und die Grabenkämpfe ein.“ Eine tägliche Diskussionsleiste im Kunsthaus Graz soll die ersehnte Transparenz gewährleisten: Am Freitagnachmittag wird dabei etwa „Der Film in der österreichischen Produktionslandschaft“ thematisiert werden. Ob sich die Abgründe, die sich in dieser Causa auftun, schließen lassen werden, darf schon vorab vorsichtig bezweifelt werden.

Von Stefan Grissemann