Man of Steel: Superman auf Sinnsuche

Guter Start, böses Ende: Das Superman-Reboot „Man of Steel“ versucht die Comichelden-Saga sinnvoll neu zu starten, scheitert aber an dem Versuch, eine nennenswerte Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen.

Von Philip Dulle

Eine Geburt besiegelt den Tod der fremden Zivilisation: Während der Planet Krypton, zerstört durch Bürgerkrieg und ideologische Differenzen, seinem unausweichlichen Untergang entgegen steuert, wird ein Neugeborenes mit dem Namen Kal-El auf die lange Reise Richtung Erde geschickt. Wenigstens ein Bürger Kryptons soll den Niedergang des Imperiums überleben – als Übermensch mit besten Absichten: Die Geschichte von Kal-El (alias Clark Kent alias Superman) wurde seit Erfindung des Superman-Comic in den 1930er-Jahren bereits unzählige Male neu erzählt.

Nach dem gescheiterten Neustartversuch „Superman Returns“ von 2006 (Regie führte Bryan Singer), gab man die komplizierte Agenda an David Goyer (Drehbuch) und Christopher Nolan (Produzent) weiter. Immerhin hatten die beiden bereits Batman erfolgreich ein Facelifting verpasst . Für „Man of Steel“ übernahm nun der umstrittene Regisseur Zack Synder („300“, „Watchmen“) die Federführung. „Man of Steel“ lässt die Vermutung aufkommen, dass jede Generation den Superman bekommt, den sie verdient: Während Christopher Reeve in den 1970er-Jahren noch mit Eleganz, Charme und Witz durch seine Kinoabenteuer flog, nahm er dem Superhelden ohne Eigenschaften ein wenig die Eindimensionalität.

Ein Suchender, der nichts findet
Anno 2013 ist es der Mann aus Stahl (gespielt von dem Briten Henry Cavill) ein Vollbartträger mit Holzfällerhemd und sehnsuchtsschwerem Blick, der seine Jugendjahre zwischen Gelegenheitsjobs und Selbstfindungsversuchen verbringt. Er ist ein Suchender, der nichts findet. Die Coming-of-Age-Geschichte wird mit Rückblenden in die Kindheit erzählt: von den bösen Schulkollegen und dem Außerirdische, dem Immigranten im Schmelztiegel Amerikas, dem Immer-wieder-Malträtierte, der dann doch zum Lebensretter wird; von den besorgten Stiefeltern (überraschend: Kevin Costner und Diane Lane) und dem einfachen, biederen Farmerleben in Smallville, Kansas. Das alles wird in retro-schicke Instagram-Farben getaucht, während Chris Cornell einen Song aus dem vorvergangenen Jahrzehnt schmettert. Damals war der American Dream eben noch in Ordnung.

Der Supercomputer als neuer Kinoheld?
Doch Snyder legt es darauf an, aus dieser Coming-of-Age-Geschichte einen weiteren anonymen Sommer-Blockbuster zu fertigen: Plötzlich ist Superman glatt rasiert, hat zurückgelegtes kurzes Haar, ein Cape und Strumpfhose (ohne die rote Unterhose!) sowie einen gestählten Körper, wie ihn der neue „Man of Steel“ eben braucht. Das Hadern des Protagonisten mit der eigenen Existenz geht in diesem Prozess völlig verloren, aber das dürfte Snyder nicht wirklich stören. Er ergibt sich in der zweiten Hälfte einer erratischen, visuell allerdings beeindruckenden Materialschlacht in 3D. Die Maschine hat dabei längst über den Menschen gesiegt. Wer braucht noch Superman, Batman und all die anderen Superhelden, wenn er solche Bilder erschaffen kann? Ist der Supercomputer der neue Kinoheld? Die Star-Darsteller (Michael Shannon, Amy Adams, Russell Crowe) werden von der digitalen Kinotechnologie jedenfalls zu Statisten degradiert.

Am Ende des gut zweieinhalbstündigen Spektakels liegt die fiktive Stadt Metropolis (synonym für New York City) mal wieder in Trümmern; die Bewohner der zerstörten Stadt, die wohl nicht zufällig an die Bilder von 9/11 erinnert, steigen mit grauen Gesichtern aus der Asche. Hoffnung strahlt aus ihren Augen. Es gibt dafür keinen guten Grund.