Kino: Mechanisch depressiv

Jagd auf die große Schwester Cannes: Die 55. Filmfestspiele in Berlin hielten mit betont politischen Stoffen ein überraschend hohes Niveau – und ließen das französische Kino strahlen.

Dass der moderne Mensch nicht damit rechnen kann, sich in Würde durchzubringen, ist im Gegenwartskino so etwas wie eine Grundvoraussetzung. Einem Filmemacher wie Jacques Tati war dies bereits vor einem halben Jahrhundert klar: Wie man im Dickicht von gesellschaftlicher Infantilität, Nostalgie und Hochtechnologie dennoch zu existieren lernt, führt Tatis Slapstickstudie „Mon oncle“ (1958) schlüssig vor. Die Filmfestspiele in Berlin räumten der radikalen Farce über das Grauen vollmechanischer Wohn- und Arbeitswelten einen Ehrenplatz ein. Das passte gut, denn die Ideen des großen Tati, dessen Erbe so lange niemand anzutreten gewagt hatte, schienen gerade heuer vielfach präsent zu sein, in Hollywood ebenso wie im fernen Taipeh: Wes Andersons ozeanische Groteske „Die Tiefseetaucher“, in der Bill Murray als dilettantischer Meeresdokumentarist das Kind in sich entdeckt, trägt das Tati-Virus ebenso in sich wie das exzentrische Sex-Musical „The Wayward Cloud“, eine Arbeit des Taiwanesen Tsai Ming-liang (siehe Kasten).

Das Kino als mechanisches Ballett, als antiepische Bewegung: Die 55. Berlinale geriet zu einem vielstimmigen Abgesang auf die große dramatische Erzählung, auf das alte Epos. Alle Filme, die in diesem Festival entscheidend waren, ließen den Blick ins Innere ihrer Geschichten zu, ins Getriebe ihrer Erzählungen. Das Leben ist schon lange kein Roman mehr, die Welt in Wahrnehmungsbruchstücke und Anekdoten zerfallen – jetzt auch im Kino.

Wie sehr die Leitung der Berlinale seit einiger Zeit versucht, dem Konkurrenzfestival in Cannes, der ewigen Nummer eins im internationalen Filmfestspielzirkus, am unwirtlichen Potsdamer Platz nachzueifern, konnte man 2005 nicht nur den Rekordzahlen von Marktteilnehmern, Produzenten und Filmanbietern entnehmen, sondern auch einem Wettbewerbsprogramm, das mit etlichen renommierten Namen aufzuwarten hatte, die bislang eigentlich als Fixstarter für die Frühlings-Weltkinoschau an der Côte d’Azur galten: Ob es gelingen wird, Filmemacher wie Robert Guediguian, Alexander Sokurov und André Téchiné langfristig an Berlin binden zu können, wird sich jedoch weisen müssen. Den Filmfestspielen käme es, wie sich heuer deutlich zeigte, sehr zugute.

Fehlstart. Eine Reihe nicht geringer Peinlichkeiten leistete sich Festivalchef Dieter Kosslick allerdings gleich zu Beginn. Um das NS-Drama „Fateless“, eine (leider untaugliche) Adaption des „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertesz, kurzfristig noch in seinen Wettbewerb nehmen zu können, kippte Kosslick einen anderen Film, die New Yorker Beziehungsstudie „Heights“, wenige Tage vor Festspielstart wieder aus dem Programm. Der Grund: Hauptdarstellerin Glenn Close hatte der Berlinale ihr Kommen erst zu-, wegen „familiärer Probleme“ in letzter Sekunde dann doch abgesagt. Ohne Stargast kein Film, sorry: Ein Festspieldirektor, der so denkt und agiert, verdient das Misstrauen, das ihm seither entgegengebracht wird. Mit dem Eröffnungsfilm, Régis Wargniers Anthropologiedrama „Man to Man“, belastete Kosslick seine Berlinale zudem mit einer veritablen Lachnummer, mit kolonialistischem Kitsch, der nebenbei ganz locker auch den Afrikaschwerpunkt der Berlinale entwertete.

Seinen Fehlstart konnte Kosslick in der Folge aber durch ein ambitioniertes, bisweilen gar brisantes Programm korrigieren. Der palästinensische Regisseur Hany Abu-Assad hat die politisch vielleicht erstaunlichste Arbeit des Festivals inszeniert: „Paradise Now“ kreist um zwei junge Männer, die an der West Bank als Selbstmordattentäter für eine Aktion in Tel Aviv rekrutiert werden. Abu-Assad konzentriert sich auf die Details seiner Geschichte, nicht auf das große Drama Nahost, zeigt sehr präzise die Vorbereitungen zur Tat, die letzten Gänge und Handgriffe, das Anlegen des Sprengstoffs, die Aufzeichnung der Videokampfbotschaften, aber auch die Routine, mit der Attentate dieser Art inzwischen ausgeführt werden: alltägliche Vernichtungsarbeit. Der Film ist übrigens weder als anti-palästinensisches Pamphlet noch als Israel-Kritik zu verstehen: Wie wenig „Paradise Now“ sich zu Propagandazwecken vereinnahmen lässt, beweist auch das aktuelle Interesse der israelischen Filmszene, das Werk ehestmöglich in die Kinos zu bringen.

Gleich zwei Filme im offiziellen Berlinaleprogramm befassten sich mit dem Völkermord in Ruanda 1994: Raoul Pecks

„Sometimes in April“ und Terry Georges „Hotel Rwanda“ boten zwei sehr verschiedene Sichtweisen auf dieselbe Katastrophe, nicht ohne Pathos und formal konventionell, aber intelligent genug, um Aufklärungsbasisarbeit leisten zu können. Don Cheadle, Star in „Hotel Rwanda“, spielt nach realem Vorbild einen Hotelmanager, der unter Lebensgefahr hunderte Menschen vor dem Zugriff der Hutu-Milizen rettete; für seine Leistung geht Cheadle in wenigen Tagen ins Rennen um einen Oscar als bester Hauptdarsteller 2005.

Experimente. Um historische Persönlichkeiten im Kino zu verkörpern, benötigt man jene sichere, schwer herstellbare Mischung aus Distanz und Nachempfindung, die Cheadle so perfekt beherrscht. Zwei weitere faszinierende Experimente dieser Art hatte die Berlinale noch zu bieten: Michel Bouquet brilliert in Robert Guediguians sprödem französischem Drama „Le promeneur du champs de Mars“ als François Mitterrand – in einer ruhigen, vielschichtigen Studie der letzten Monate des Staatschefs. Und die junge deutsche Schauspielerin Julia Jentsch lässt in „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ mit ihrem extrem kontrollierten Porträt der Widerstandskämpferin die Klischee-Inszenierung Marc Rothemunds weit hinter sich. Man konnte, unterwegs auf der Berlinale 2005, den Eindruck gewinnen, dass das Kino als Medium ohne Frankreich verloren wäre. Nicht nur legten große Regiekräfte wie Claire Denis und Raymond Depardon akribisch gearbeitete Dokumentarfilme vor, nicht nur gelang André Téchiné mit „Les temps qui changent“, einer ironisch-romantischen Untersuchung des Zusammenspiels zweier alternder Superstars namens Catherine Deneuve und Gérard Depardieu, sein bester Film seit zehn Jahren. Auch Werke wie „The Wayward Cloud“, Alexander Sokurovs „Die Sonne“ und Christian Petzolds „Gespenster“, eine träumerische Erzählung um zwei unberechenbare Mädchen unterwegs durchs unwirkliche neue Berlin, hätten ohne französische Filmförderung nicht entstehen können. Mit Jacques Audiards „De battre mon coeur s’est arrêté“ kam zudem einer der schönsten, vitalsten Filme des Festivals aus Frankreich.

Was wird bleiben von diesen Filmfestspielen? Vermutlich nicht die medienfreundlichen Auftritte der Unterhaltungsindustrie-Prominenz, von Catherine Deneuve über Dennis Quaid und Will Smith bis zu George Michael, sondern die paar entscheidenden Filme selbst, die noch Jahrzehnte später, genau wie einst Tatis „Mon oncle“, die psychisch-physische Zerrüttung, die Aufgelöstheit der Menschen exemplarisch in sich fassen.