Kino: Milder Westen

Der zwischen Taiwan und Hollywood pendelnde Filmemacher Ang Lee hat sich mit Stilsicherheit und Understatement im Gegenwartskino unentbehrlich gemacht. Mit dem vielfach ausgezeichneten Liebesfilm „Brokeback Mountain“ ist er nun endgültig zum Regie-Weltstar aufgestiegen.

In Hollywood, jener geschützten Werkstätte, in der die narzisstische Störung als Arbeitsgrundlage gilt und der Größenwahn als dringende Berufsempfehlung, kann sich Demut kaum jemand ernstlich leisten. Schon insofern trägt die Weltkarriere des sanften Mannes mit dem buddhistisch anmutenden Lächeln leicht rätselhafte Züge: Der Taiwanese Ang Lee, 51, ein Pendler zwischen dem amerikanischen und dem chinesischen Kino, hat sich mit seiner jüngsten Regiearbeit „Brokeback Mountain“ ganz ohne spektakuläre Selbstinszenierungen endgültig in die oberste Liga der amerikanischen Filmindustrie gespielt.

Er dachte eigentlich, ließ Ang Lee wenige Tage vor der Oscar-Gala 2006 noch verlauten, dass „Brokeback Mountain“ nicht mehr als ein kleiner Liebesfilm sei; mit dem Welterfolg, zu dem dieser sich seit seiner ersten Präsentation im Rahmen des Filmfestivals in Venedig im September 2005 unaufhaltsam entwickelt habe (neben unzähligen Kritikerpreisen gewann das Werk erst unlängst vier Golden Globes), hätte er niemals gerechnet. Aus dem Munde jedes anderen Filmemachers klängen solche Worte verdächtig, dem stillen Lee darf man sie vorbehaltlos glauben: Koketterie findet sich im Kommunikationsinventar dieses Künstlers nicht – nicht einmal angesichts stolzer acht Oscar-Nominierungen, die heuer auf seinen Film entfielen. (Wie viele Academy Awards „Brokeback Mountain“ dann tatsächlich gewonnen hat, war vor Redaktionsschluss leider nicht mehr in Erfahrung zu bringen.)

Ang Lees Karriere zeugt von der Zurückhaltung, die den Mann auch persönlich prägt: Sein Aufstieg zum Regiestar vollzog sich in kleinen Schritten, ohne die Kampfansagen etwa eines Quentin Tarantino, ohne Bildersturm und Regie-Wunderkind-Attitüde – und ohne nennenswerte Zugeständnisse an Zeitgeistphänomene. Seit den frühen neunziger Jahren inszeniert Lee Kinofilme, deren thematische Beharrlichkeit in merkwürdigem Gegensatz zu den vielen Genres und Handschriften steht, die er sich inzwischen angeeignet hat.

Stilvielfalt. Tatsächlich ist ein Stil, eine deutliche ästhetische Richtung, im Werk dieses Filmemachers nicht auszumachen, das so beherzt von Tigern, Drachen, Comics und Cowboys berichtet. Mit „Tiger & Dragon“, einer hocheleganten Hommage an das Peking-Opern-Kampfsportkino der Shaw-Brothers, verhalf er 2000 dem chinesischen Fantasykino zu weltweitem neuem Renommee; für seine nächste Inszenierung wagte er sich dann schon in die Schlangengrube der US-Blockbuster-Industrie – mit der zwischen Formelkino und psychologischem Anspruch zwangsläufig zwiespältig geratenen Comic-Adaption „Hulk“ (2003). Für seine neunte Regiearbeit, das Männerliebesdrama „Brokeback Mountain“, wechselte Ang Lee nun erneut die Tonlage – und die Budgetklasse. Mit einem Etat von knapp 13 Millionen Dollar, einem knappen Zehntel jener Summe, die „Hulk“ verschlungen hatte, schaffte Lee seinen bislang größten künstlerischen Triumph: Semiunabhängig produziert, gilt „Brokeback Mountain“, die Adaption einer Kurzgeschichte der US-Schriftstellerin Annie Proulx, als aktuelles Musterexemplar eines an den Rändern der US-Filmindustrie hergestellten, „persönlichen“ und dennoch weltweit wirksamen (und dadurch eben auch höchst lukrativen) Qualitätskinos.

Lebenslügen. Das beschauliche Leben, das Ang Lee, geboren 1954 in Pingtung, Taiwan, mit seiner Frau und zwei Kindern in einem Vorort New Yorks führt, scheint sich auch in seinen Filmen selbst niederzuschlagen. Eine gewisse Distanz zu Los Angeles einzuhalten ist Ang Lee wichtig. Seit Mitte der siebziger Jahre lebt er vorzugsweise in den USA; er studierte in Illinois und New York und assistierte 1983 Spike Lee bei dessen ersten Regieversuchen. Sein eigenes Spielfilmdebüt absolvierte Ang Lee erst 1992. Die taiwanesisch-amerikanische Produktion „Pushing Hands“ gab ein Thema vor, das Ang Lee lange verfolgen sollte: die kulturelle Kluft zwischen dem Fernen Osten und dem dekadenten Westen. In der Komödie „Das Hochzeitsbankett“ (1993) verfeinerte der Regisseur sein Sujet der interkulturellen Existenz – und das Motiv eines falschen Lebens im richtigen: Ein junger Taiwanese in New York versucht, der Familie zuliebe seine Homosexualität zu verbergen, indem er eine Scheinhochzeit arrangiert – mit desaströsen Resultaten. Nach „Eat Drink, Man Woman“ (1994) nahm Lee die Arbeit an seinem ersten Prestigeprojekt auf, der Jane-Austen-Verfilmung „Sinn und Sinnlichkeit“ (1995). Die winterliche Gesellschaftsstudie „Der Eissturm“ (1997) und der realistische Western „Ride with the Devil“ (1999) bestätigten Lees Reputation: Als Ausstattungsfilmemacher agierte er dabei ebenso verlässlich wie als Genre-Revisionist.

Doch erst das Melodram „Brokeback Mountain“, das zwar – anders als Hollywoods Marketing-Strategen es gerne hätten – keineswegs der erste große amerikanische Film ist, der sich seriös und prominent besetzt mit schwulen Liebesbeziehungen befasst (siehe etwa Jonathan Demmes „Philadelphia“ oder Gus Van Sants bisheriges Gesamtwerk), hat Ang Lee tatsächlich ins Pantheon des Gegenwartskinos katapultieren können: Es trifft präzise jenen Tonfall, der in Hollywood so rar geworden ist – ein „erwachsenes“, problembewusstes Kino, das über seinen wohlfeilen Plädoyers für Toleranz und persönliche Freiheit die Lust an visueller Anmut und einem schicksalhaften Plot nicht gleich vergessen muss.

Swinging Sixties. Unter den nicht wenigen Obsessionen des Filmemachers Ang Lee scheint übrigens eine bislang kaum bearbeitet zu sein: die Dekade der sechziger Jahre, die Jahre seiner Kindheit. Nicht nur liegen die entscheidenden Momente der Romanze, von der „Brokeback Mountain“ berichtet, in den frühen Sixties, auch die Figur des „Incredible Hulk“ wurde 1962 geboren. Die liebevollen Anleihen, die schließlich auch „Tiger & Dragon“ am Hongkong-Kino der sechziger Jahre nimmt, sind da nur ein weiteres Indiz.

Die Swinging Sixties werden Ang Lee, wie es aussieht, auch weiterhin kreativ beschäftigen: Dem Vernehmen nach plant er derzeit eine Verfilmung des Lebens und der lesbischen Affären des 1999 verstorbenen britischen Sixties-Popstars Dusty Springfield. Geplante Besetzung: Charlize Theron – und Supermodel Kate Moss als eine der Geliebten Springfields. Wer die Fähigkeit besitzt, den Eindrücken seiner Kindheit auch Jahrzehnte später noch so nah zu sein, wird sich um die persönliche Wirkung seiner kreativen Arbeit keine Sorgen machen müssen.

Von Stefan Grissemann