Kino: Nicht alles Gold

Die Oscars gelten als prestigeträchtigste Auszeichnung der US-Filmindustrie. Karriere-Höhenflüge stellen sich im Falle eines Sieges dennoch nicht zwangsläufig ein. Der Oscar-Effekt wird bisweilen sogar gefährlich überschätzt.

Seit 1927 schnurrt der Motor jener Marketingmaschine, die unter dem Label „Academy Awards“ längst zur Weltmarke avanciert ist, anscheinend einwandfrei. In Hollywood, Los Angeles, versammelt sich seither alljährlich, weit gehend unbeeindruckt von Wirtschaftskrisen, Weltkriegen oder Terrordrohungen, die Glamour-Elite der US-Filmindustrie, um die eigene Branche zu feiern – und ihrem Großgewerbe qua Selbstmythologisierung und Fernsehquotenschlager zu weiteren finanziellen Höhenflügen zu verhelfen. Die Oscar-Gala kann Einspielergebnisse und Schauspielermarktwerte erhöhen, die Laufbahnen von Regisseuren, Autoren, Kameraleuten und Filmtechnikern beflügeln – und die komplizierten Machtverhältnisse in Hollywood neu ordnen. Die jährliche Vergabe der goldglänzenden Trophäen für herausragende (oder besser: konsensfähige) filmkünstlerische Verdienste hat ein Ziel, das all die Egomanen und Karriere-Einzelkämpfer der nordamerikanischen Filmszene wenigstens einen Abend lang eint: die langfristige Erhaltung der traditionellen Weltherrschaft amerikanischer Laufbilder.

Schlechte Geschäfte. Doch die Bedingungen dieser Regentschaft werden zusehends strenger. Unterstützung hat die Filmindustrie nach dem katastrophalen Geschäftsjahr 2005 dringender nötig denn je. Allerdings leidet auch die Academy-Award-Party unter schwindenden Popularitätswerten: Um fast acht Prozent ist die TV-Quote der Live-Übertragung heuer gesunken – von 42,1 Millionen US-Fernsehteilnehmern auf 38,8 Millionen.

Die vergleichsweise kleinen Filme, die 2006 die Oscar-Show dominierten, signalisieren weniger ein genuines Interesse an „persönlichen“ Stoffen und alternativen Filmformen als die massive Verunsicherung, unter der die Kinobranche leidet: Die Budgets der in der Kategorie „Bester Film“ nominierten Arbeiten „Brokeback Mountain“ (14 Millionen Dollar), „Capote“ (sieben Millionen Dollar) und „L. A. Crash“ (6,5 Millionen Dollar) hätten zusammengenommen vermutlich nicht einmal gereicht, um die EDV-Wartungskosten für Peter Jacksons aktuellen „King Kong“ decken zu können.

Naturgemäß färben Glanz und Respektabilität der Academy Awards auf billigere Filme stärker ab als auf die – entschiedener in Richtung schnelle Gewinnmaximierung produzierten – Hollywood-Spektakelfilme wie „Gladiator“ oder die „Herr der Ringe“-Trilogie.

Dabei sorgt interessanterweise in den meisten Fällen eher die Oscar-Nominierung für zusätzliche Profite als die tatsächliche Auszeichnung. Einer Studie des in Waterville, Maine, beheimateten Colby College zufolge kann schon die avisierte Teilnahme an der Oscar-Gala als potenziell „bester Film“ bis zu elf Millionen Dollar an Rückflüssen im Kino in der Zeit zwischen Bekanntgabe der Nominierungen Ende Jänner und der Oscar-Vergabe Anfang März wert sein. (Schauspielerauszeichnungen führen dagegen, so die Studie, nur bei kleinen Produktionen zu relevanten Einspielzuwächsen: Philip Seymour Hoffmans heuer oscarprämierte Performance als Titelheld in „Capote“ ist so ein Fall.)

Bisweilen kommt es sogar zu veritablen Erdrutscheffekten: Clint Eastwoods Boxerdrama „Million Dollar Baby“ etwa erlebte sechs Wochen nach seinem US-Kinostart, am Wochenende nach Verlautbarung seiner sieben Oscar-Nominierungen (und unter dem Druck einer von 147 auf 2010 Filmkopien erhöhten Präsenz), ein jäh gestiegenes Publikumsinteresse: Während Eastwoods Film am Wochenende vor Bekanntgabe der Oscar-Aspiranten auf ein Einspielergebnis von knapp 1,7 Millionen Dollar kam, verzeichnete man am folgenden Wochenende bereits 12,2 Millionen.

Eine Garantie für anhaltende Prominenz ist der Oscar allerdings nicht. Wie populär kann man preisgekrönte Nebendarsteller wie Chris Cooper (Oscar 2003), Timothy Hutton (1981), John Houseman (1974) oder John Mills (1971) nennen? Bloß große Charakterdarsteller weiß eben auch ein Oscar nicht über Nacht in Superstars zu verwandeln. Und wie bekannt sind ausgezeichnete Schauspielerinnen wie Helen Hayes (1971), Brenda Fricker (1990) oder Mercedes Ruehl (1992) heute? Zwar gelten die rund 5800 Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die traditionsgemäß die Oscars vergeben, allesamt als Brancheninsider und langjährige Filmprofessionisten – unfehlbar jedoch sind sie nicht. Manche der künstlerischen Leistungen, die sie auszeichnen, erweisen sich als bloße Strohfeuer. Die begehrte Oscar-Statuette bietet in diesem Zusammenhang übrigens selbst ein gutes Bild: Trotz ihres Gewichts von immerhin vier Kilo ist an ihr bezeichnenderweise nicht alles Gold. Die Kupfer- und Nickelanteile unterhalb der dünnen Goldschicht sind hoch.

Anti-Event-Kino. Die kommenden Wochen werden zeigen, wie viel jene unabhängige Produktion, die von der Academy 2006 durchaus überraschend zum besten Film erklärt worden ist, davon noch haben wird: „L. A. Crash“, inszeniert von dem davor nur als Fernsehregisseur („Family Law“) und Drehbuchautor („Million Dollar Baby“) bekannten Kanadier Paul Haggis, spielte zwischen Mai und September 2005 gute 55 Millionen an nordamerikanischen Kinokassen ein. Das ist, gemessen an Hollywoods Event-Kino, wenig – gemessen am bescheidenen Budget des Films, aber enorm viel.

In europäischen Kinos allerdings, vor allem im deutschsprachigen Raum, blieb „L. A. Crash“ weit hinter den Erwartungen zurück: Obwohl der Film exzellente Kritiken hatte, spielte er – auch seines ungünstigen Starttermins im Hochsommer wegen – so wenig Geld ein, dass den Verleihern eine Wiederaufnahme, trotz der bereits erschienenen DVD-Edition, nun dringend ratsam erscheint. Die Constantin-Film hat wenige Tage nach der Oscar-Gala einen Neustart von „L. A. Crash“ auch für Österreich organisiert (siehe Kasten Seite 124).

Mit einem Oscar für den besten Film in der Tasche seien „relativ große Erwartungen“ durchaus angebracht, meint etwa Hans König, Chef der auf den Arthouse-Sektor spezialisierten Wiener Polyfilm – um dann vorsichtig einzuschränken: „jedenfalls in den USA“. Aber auch in Österreich setze sich, im Zuge einer Wiederaufnahme, die gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit gewöhnlich in erhöhte Profite an den Kinokassen um. König selbst hat einschlägige Erfahrungen: Als Verleiher von Ang Lees „Tiger & Dragon“ konnte er vor fünf Jahren selbst die auch in Österreich noch merklich verstärkte Schubkraft nach Verleihung des Oscars wahrnehmen („Tiger & Dragon“ wurde als bester ausländischer Film 2001 ausgezeichnet).

Die hohen Erwartungen, die Hollywoods Produzenten noch immer an den Oscar knüpfen, wachsen sich zuweilen sogar zur ernstlichen Bedrohung aus: So kann schon die Oscar-Favoritenrolle eine Produktion an den Rand des Ruins treiben: Die horrenden Kosten der weit überzogenen Werbekampagne für „Brokeback Mountain“ im Vorfeld der Oscar-Gala werden nach dem enttäuschenden Abschneiden der Cowboy-Romanze kaum hereinzuspielen sein.

Alarmierend klingt schließlich noch eine kanadische Studie, die vor ein paar Jahren erstmals den Zusammenhang von Oscar-Chance und Lebenserwartung unter Drehbuchautoren untersucht hat: Die irdische Existenz jener Schreiber, die den Oscar tatsächlich gewannen, sei – so das Studienergebnis – um durchschnittlich 3,6 Jahre kürzer als die mittlere Lebensdauer jener Autoren, die für einen Academy Award bloß nominiert waren. Insofern ist es eigentlich beruhigend zu wissen, dass der lebensgefährliche Karriereschub, den der Gewinn eines Oscars einst noch unweigerlich erzeugt hat, längst schon nicht mehr so vehement ausfällt wie in jenen Tagen, als Hollywoods Glücksversprechen noch eine gewisse Gültigkeit hatten.

Von Stefan Grissemann