Kino: Nouvelle Cuisine

Peter Kubelka, Avantgarde-Legende und Kunstphilosoph, überrascht mit einem neuen Film – 26 Jahre nach seinem letzten. Im renovierten Österreichischen Filmmuseum erlebt das Werk nun seine Uraufführung.

Die Wurst, beispielsweise. Sie sei, sagt Peter Kubelka, eine Art „Idealwesen“: ein kulturell gestaltetes Objekt ohne Fell, Knochen, Knorpel – „ein Tier, von dem nur jene Körperteile existieren, die für unsere Speisung paradiesisch“ seien. Über das Essen denkt Kubelka seit Jahrzehnten nach – die „Speisenbereitung“ sieht er, ganz im Ernst, als „bildende Kunst“, sogar als „die Mutter aller Künste“.

Der Mann weiß, wovon er spricht: Die „Entspezialisierung“, die Weigerung, sich auf eine Kunst, ein Spezialfach zu beschränken, betreibt er als Projekt seit Jahrzehnten; Kubelka befasst sich, praktisch und theoretisch, mit dem Kino und der Musik, mit Tanz, Malerei und der Bildhauerei, mit Sport, Biologie und dem Kochen – und er gibt das Wissen, das er dabei gewinnt, seine sehr spezielle Sicht der Dinge, in szenisch improvisierten, multimedialen Vorträgen weiter.

Nächstes Jahr wird Peter Kubelka 70, und eigentlich hat er sich ja auf ein „serenes Alter“ eingestellt („kontemplativ, ein bissl saufen und Tischtennis spielen“). Aus dem ersehnten Frieden wird nun aber, wie es aussieht, so bald nichts. Seit vor wenigen Tagen bekannt wurde, dass Kubelka, eine Schlüsselfigur des internationalen Avantgardefilms, 26 Jahre nach der Premiere seiner letzten Arbeit einen neuen Film in seine Werkliste aufgenommen habe, kann von Ruhe keine Rede mehr sein: Das renommierte New York Film Festival will ihm aus diesem Anlass nächstes Jahr eine Spezialveranstaltung widmen, in Bologna wird er eine Retrospektive seiner Arbeiten zeigen; außerdem plant er, demnächst ein Buch über das lyrische Potenzial des Kochens zu veröffentlichen.

Im Vertrauen. Kubelkas neuer Film bedeutet die Erweiterung eines Filmschaffens, das eigentlich als abgeschlossen galt: „Dichtung und Wahrheit“ folgt nun dem Film „Pause“ von 1977. Der eigentliche Kern des Œuvres Kubelkas aber entstand zwischen 1954 und 1966: Nach der gemeinsam mit Ferry Radax erarbeiteten lyrischen Fantasie „Mosaik im Vertrauen“ (1954/ 55) sind es vor allem die drei metrischen Filme „Adebar“ (1956/57), „Schwechater“ (1957/58) und „Arnulf Rainer“ (1958–60), die – neben dem synthetischen, hochverdichtenden Dokumentarfilm „Unsere Afrikareise“ (1961–66) – den Weltruhm Kubelkas begründeten.

Seither hat er sich anderen, durchaus verwandten Tätigkeitsfeldern zugewandt, hat das Filmemachen nicht hinter, sondern neben sich gelassen: In Lehraufträgen und Professuren hat er das komplexe Wesen der Verbindung von Bild und Ton unterrichtet, als Privatgelehrter hat er (mit eigenem Ensemble) die Musik erforscht und praktiziert – und die Kochkunst als Aktivität der Montage, als keineswegs „naturhafte“ Verknüpfungsarbeit, den anderen Künsten (insbesondere dem Kino) gleichwertig zur Seite gestellt.

Ein Gutteil seiner Zeit verbringt Peter Kubelka im Café Bräunerhof, in unmittelbarer Nähe jenes Hauses, das er zu einer weltweit renommierten Institution aufgebaut hat: Im Österreichischen Filmmuseum, das er 1964 zusammen mit Peter Konlechner gründete, hat er eines seiner vielen Lebensprojekte realisiert: das Unsichtbare Kino, ein vollständig schwarzer Saal, in dem nichts den Betrachter ablenken kann, in dem ein Film „ohne Abstriche ins Bewusstsein gelangt“. Nun steht Kubelkas Unsichtbares Kino, nach dem ersten Bau 1970 in New York und einer zweiten Version im hiesigen Filmmuseum, vor seiner dritten Eröffnung: Alexander Horwath, der gegenwärtige Direktor des Filmmuseums, der dieser Tage sein Haus runderneuert präsentiert, hat den Saal nach den Vorgaben Kubelkas umbauen lassen – das Kino „als Maschine“, in dem das Licht stets nur von der Leinwand her, wie durch ein Kirchenfenster, in den Saal strömt.

Im Programm der Wiedereröffnung ist Kubelkas „Dichtung und Wahrheit“ als Uraufführung vermerkt; dennoch ist der Film mit 1996 datiert, dem tatsächlichen Jahr seiner Entstehung. Für eine seiner Vortragsserien stellte Kubelka damals Anschauungsmaterial zusammen: In dem sicheren Wissen, gerade im Weggeworfenen das eigentliche Wesen des Filmischen entdecken und demonstrieren zu können, hat er Filmabfälle von Werbeproduktionen gesammelt und zu einer 13-minütigen Demo-Rolle montiert, mit der er, wie er sagt, auch sein eigenes „Perfektionsbedürfnis niedergerissen hat“ – immerhin finde man in diesem Film „keinen einzigen kadergenauen Schnitt“.

Kubelka sieht „Dichtung und Wahrheit“ eher als „archäologische Arbeit“, in der es aber um nichts Geringeres als „die Menschheitsgeschichte“ gehe, „um Religiöses, um Befruchtung, Familie und den Eintritt ins Paradies“: Die verunglückten Werbebilder des Films zeigen etwa einen Schauspieler, der sich über die Wirkung eines Haarwuchsmittels immer wieder hocherfreut zu zeigen hat; sie führen Models vor, vom Geschmack der Schokolade, die man ihnen in den Mund legt, wie erotisiert; und sie zeigen verkitschtes Familienleben, eine falsche Welt.

Absurdität. „Dichtung und Wahrheit“ beleuchtet den Abgrund zwischen dem Inszenierten und dem Authentischen, dem (schlechten) Schauspiel und dem bloßen Sein, zwischen ästhetischem Zwang und menschlicher Natur. Die Absurdität, die im Übertritt in die Rolle des überglücklichen Konsumenten liegt, kostet Kubelkas Montage aus – und man findet darin, wie nebenbei, eine ganze Welt der Repräsentation und des Betrugs.

Als eigener Film war diese Rolle aber zunächst gar nicht gedacht; erst vor wenigen Wochen, auf Betreiben Horwaths, hat sich Kubelka die Rolle noch einmal angesehen – und sie als präsentablen Film erkannt, gewissermaßen „signiert“.
Von Renaissance lässt sich in Kubelkas Fall dennoch kaum sprechen, denn er ist auch während der langen Jahre, in denen er keine Filme mehr vorlegte, nie wirklich aus dem Blick geraten. Nicht nur hat er, wie sonst nur der große Kurt Kren, bereits mehrere Generationen von FilmemacherInnen in Österreich, Deutschland und Amerika mit seinem Kino geprägt und herausgefordert, sein grund-sätzlich grenzüberschreitendes Denken provoziert auch weiterhin zu interdisziplinären Projekten aller Art: Eine auf Kubelkas „Adebar“ basierende neue Arbeit der Choreografin Christine Gaigg etwa wird im Programm der kommenden Viennale Premiere haben; außerdem wird eine von der Mediengruppe „Zone“ hergestellte DVD demnächst Kubelkas (längst international bekannte) Vortragskunst dokumentieren. Das kinodichterische Werk des Peter Kubelka hat eben seine eigene, unverbrüchliche Wahrheit.