Kino: Rettungslos untrennbar

Stermann & Grissemann, die lustigsten Radiokomödianten des Landes, haben einen Film gemacht. Zum Lachen ist „Immer nie am Meer“ allerdings nicht.

Manchmal hilft nicht einmal mehr schreien. Zum Beispiel dann, wenn man in einem Auto festsitzt, einem waschechten Bonzen-Mercedes samt Panzerglasfenstern, fernab der Straße, von der man abgekommen ist, derart unglücklich eingeklemmt zwischen zwei Bäumen, dass an ein Entkommen wirklich nicht mehr zu denken ist. Nicht, dass sie nicht schreien würden, der pragmatisch verbitterte Historiker Baisch, sein expressiv depressiver Schwager Anzengruber und ihr Zufallsbeifahrer Schwanenmeister, Hochzeitsgesellschafts-Alleinunterhalter aus Deutschland. Stundenlang sogar schreien sie, hoffnungslos eingepfercht wie Sardinen, mit einer Schüssel Heringssalat als einzigem Proviant. Als klar wird, dass niemand sie hört, beschließen sie zu warten. Aber manchmal hilft nicht einmal mehr warten.

Klar könne man das Setting von „Immer nie am Meer“ auch auf ihre reale Situation beziehen, meint Dirk Stermann, der im Film den Baisch gibt. Wie im Mercedes-Gefängnis (das laut Drehbuch übrigens dem Fuhrpark Kurt Waldheims entstammt) sind er und Christoph Grissemann (Anzengruber) schließlich auch im richtigen Leben quasi rettungslos untrennbar, eine Schicksalsgemeinschaft, die seit 1990 anhält. Damals ging „Salon Helga“, die wöchentliche Show der beiden Radikalradiomacher, erstmals auf Sendung. Drei weitere Radioshows sind seither entstanden, außerdem fünf Bücher, vier Kabarettprogramme, zwei Theaterstücke und fünf Fernsehsendungen – alles gemeinsam erdacht, gemeinsam geschrieben und gemeinsam gespielt. „Ich werde nur als Duett wahrgenommen“, bringt Grissemann das Paradox des zu zweit Schaffenden auf den Punkt, und mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wird auch „Immer nie am Meer“ nichts an dieser Wahrnehmung ändern, ihr erster, gemeinsam erdachter, geschriebener und gespielter Kinofilm.

Liebe zum Bruhaha. Drei Jahre haben Stermann & Grissemann, zusammen mit dem Hamburger Komödianten Heinz Strunk (der sich, wie seine österreichischen Kollegen, in dem Film irgendwie auch selbst spielt), am Drehbuch gefeilt. Aus der ursprünglich geplanten Komödie wurde in dieser Zeit etwas einigermaßen anderes, Grissemann nennt es „eine groteske Tragödie“. Das Tragische, die unaufgelöste Melancholie, die der Satire von Stermann & Grissemann bei aller Liebe zum Bruhaha auch sonst immer wieder, wenn auch meist eher unterschwellig eingeschrieben ist, bekommt hier die Überhand – auch aus Gründen des Formats: Eine Radiosendung ist vorbei, wenn sie vorbei ist. Kein Problem, wenn man sich mal im Ton vergreift, zu blöd wird oder auch zu kompliziert. Ein Film aber bleibt und will deshalb durchdacht werden, nicht zuletzt aus Respekt für sich selbst, wie Stermann gesteht: „Mit allem, was du machst, machst du dich ja unglaublich nackt. Alles, was wir tun, ist im Grunde absurd nahe an uns selbst. Da ist nur sehr wenig gelogen und manches eben auf eine gerade noch erträgliche Art übertrieben. Und während des Schreibens kommst du irgendwann drauf, dass du dich eher als gebrochenen Menschen sehen willst, nicht als einen, der bloß schlechte Witze macht.“

Natürlich gibt es die auch, schließlich will man sich nicht verleugnen, aber vor allem gibt es: überraschend souveränes Schauspiel. Das muss auch Christoph Grissemann zugeben: „Man muss schon auch objektiv sagen, dass wir unsere schauspielerische Arbeit ganz anständig machen. Es ist echt nicht peinlich, was ja meine größte Angst war im Vorfeld. Für drei Typen, die noch nie in ihrem Leben eine Schauspielstunde genossen haben, ist das doch ganz brauchbar. Das kann Elke Winkens auch nicht besser, finde ich.“ Stermann, auch in dieser Hinsicht der relativierende Part: „Gedeon Burkhard schon.“

Dennoch wird „Immer nie am Meer“, aller Voraussicht nach, eine Episode bleiben. Wenn Stermann zugibt, „ein bisschen Blut geleckt“ zu haben, schauspieltechnisch, dann liegt die Betonung auf „ein biss-chen“. Auch Grissemann, laut Stermann ohnehin ein durch und durch ehrgeizloser Mensch, winkt ab: „Ich glaube, ich bin ein besserer Radiomoderator.“ Dem kann man zustimmen und es trotzdem bedauern. Aber möglicherweise hilft in dem Fall ja doch auch: einfach warten.

Von Sebastian Hofer