Kino: Ruhestörung

Der Regisseur Ulrich Seidl hat sich mit „Import Export“, seiner drastischen Studie entfremdeter Arbeit im neuen Europa, ins Zentrum des internationalen Autorenfilms inszeniert. Nun startet das umstrittene Werk in Österreichs Kinos.

Eine ukrainische Krankenschwester muss sich nach alternativen Einkommensmöglichkeiten umsehen, als die Leitung des desolaten Spitals, in dem sie arbeitet, beschließt, die Gehälter der Belegschaft nur noch sporadisch zu bezahlen. Die junge Frau versucht sich erst als Online-Callgirl, stellt aber fest, dass ihr dazu die nötige Gleichgültigkeit ebenso fehlt wie das Talent zur gespielten Erregung: Beäugt von einer billigen Webcam, scheitert sie an der Aufgabe, den obszönen Forderungen ihrer zugeschalteten Klienten professionell nachzukommen. Der Blick des Regisseurs nimmt dabei die Position der Pornokunden ein: Ungerührt sieht der Filmemacher Ulrich Seidl seiner nackten Darstellerin bei ihren linkischen Prostitutionsversuchen zu, zwingt damit auch seinen Zuschauern den indiskreten Blick des Voyeurs auf. Die Schaulust verwandelt sich jäh in ein Gefühl des Unbehagens: Pornografie und Sozialpessimismus mischen sich in Seidls Filmen auf ungeahnte Weise.

Im reichen Österreich wird die Migrantin wenig später eine schlecht bezahlte Stelle als Reinigungskraft in der Geriatrie eines großen Wiener Krankenhauses annehmen. Eine ausgezehrte, erblindete Greisin, dem Tod schon näher als dem Leben, wird ihr ein altes Liebeslied mit brüchiger Stimme vorsingen und unversehens darum bitten, dass man sie „zu meiner Mutti begleiten“ möge. Die von weißem Neonlicht bestrahlten Betten, in denen die Patienten liegen, lassen an ein Leichenschauhaus eher denken als an ein Spital. Seidl schraubt virtuos Dokumentarisches und Inszeniertes ineinander, fügt akribisch Geplantes und zufällig vor der Kamera sich Ereignendes zu bestürzenden Weltentwürfen zusammen.

In „Import Export“, einer der beunruhigendsten Arbeiten des diesjährigen Wettbewerbs in Cannes, treibt Seidl, ein Gegner der Sentimentalität, seine alten Generalthemen auf die Spitze: das Deprimierende der Sexualität, die Banalität des Sterbens, die Groteske der Verzweiflung und des Alters. Um Existenzielles kreisen Seidls Filme, um Trieb, Arbeitskampf und Tod, um das nackte Leben und jene komplizierten Fragen der Moral, die der sachlichen Darstellung tabuisierter Bilder eingeschrieben sind. „Import Export“ ist ein Planspiel der Irritation, ein Testlauf zur Unverträglichkeit des ganz alltäglichen Grauens im neuen Europa. Die Ruhestörung ist Ulrich Seidls Geschäft.

„Ich habe es von Kindheit an gehasst, wenn in meiner Umgebung, in meinem Elternhaus, in der Schule oder der Kirche Verlogenheit und Verdrängung herrschten“, stellt Seidl fest. Diesbezüglich sei er sehr sensibel; gegen die Leugnung des Todes und der Wirkungen des hohen Alters tritt er mit „Import Export“ an. Seine Filme nimmt Seidl persönlich, versteht sich ausdrücklich selbst als Teil der von ihm heraufbeschworenen Bildwelten. Von den Abgründen, die er beschreibt, distanziert er sich nicht.

Grenzgänger. Mit dem tragikomischen Hochsommerfresko „Hundstage“, seinem Spielfilmdebüt, macht Ulrich Seidl 2001, nach gut 20 Jahren dokumentarischer Filmarbeit, erstmals weltweit von sich reden; der Große Preis der Jury des Festivals in Venedig trägt einiges zur internationalen Karriere Seidls bei. Der Wiener, heute 55, ist seit je ein Grenzgänger: Seine Spielfilme sind eng an die Wirklichkeit gebunden (Seidl dreht an Originalschauplätzen und mit einem aus Laien und Profidarstellern gemischten Ensemble), während er seine Dokumentarfilme – etwa „Good News“ (1990), „Tierische Liebe“ (1995) und „Models“ (1999) – stets gern mit fiktionalen Versatzstücken ausstattet. Die Kritik, die ihm die Weigerung, zwischen Spiel- und Dokumentarfilm streng zu trennen, bis heute einbringt, kümmert Seidl nicht. Wenn er im Kino von Religion und Gelegenheitsarbeit berichtet, so weiß er sehr genau, wovon er spricht: Die Revolte gegen seine streng katholische Erziehung in der österreichischen Provinz treibt Seidl in den frühen siebziger Jahren voran; nach Abitur und Grundwehrdienst versucht er sich als Student, aber auch, um Geld zu verdienen, als Nachtwächter, Lagerarbeiter und Kraftfahrer, als Paketverteiler am Wiener Westbahnhof, als Detektiv, Vertreter, Tankstellenwart, Telefonbuchzusteller und Meinungsforscher. Und er unterzieht sich, gegen Entlohnung, medizinischen Medikamententests.

Mit der Vehemenz des Außenseiters betreibt er seit 1980 seine Filmarbeit: Er setzt sich, jahrelang angefeindet von der Kritik als „Ausbeuter“ und „Manipulator“ seiner kleinbürgerlichen und subproletarischen Protagonisten, gegen alle Widerstände durch – und erarbeitet ein Werk, dessen erstaunliche stilistische und thematische Konsequenz die öffentliche Ablehnung schließlich in Respekt umschlagen lässt. Nach dem Welterfolg „Hundstage“ realisiert der Filmemacher eine Hand voll kleinerer Projekte, 2003 und 2004 etwa die beiden einander eng verbundenen Katholizismus-Variationen „Jesus, Du weißt“ (im Fernsehen und im Kino) und „Vater unser“ (an der Berliner Volksbühne); während der Arbeit daran bereitet er schon sein nächstes großes Kino-Epos vor, das er erstmals als sein eigener Produzent abwickelt. In „Import Export“ bestätigt sich Seidl als Regisseur der Outlaws, der Ausgestoßenen und Unterschätzten: Der Lebenskampf zweier chancenloser Fremder wird darin in Parallelmontage gegeneinander gesetzt. Den „Import“ Olgas (Ekateryna Rak) aus der Ukraine nach Wien kontrastiert der „Export“ des jungen Gelegenheitsarbeiters Paul (Paul Hofmann), dessen chronische Mittellosigkeit ihn, an der Seite seines sexistischen Stiefvaters (Michael Thomas), in infernalische slowakische Roma-Slums und ins winterliche Niemandsland der Ukraine verschlägt. Mit den Dingen, die seine Protagonisten einander aus Spaß zumuten, macht Ulrich Seidl Ernst.

Kälte und Hunger. Seidls Liebe zum rauen Osten, zu den postsozialistischen Lebenswelten ist bekannt: Schon 1992 thematisierte er in „Mit Verlust ist zu rechnen“ das österreichisch-tschechische Grenzland. In Wien, sagt Seidl, gebe es inzwischen keinen Schauplatz mehr, der ihn noch interessiere; im Osten sei das anders. Die Ostukraine, meint er, „ist von Armut und Arbeitslosigkeit geprägt, dabei war das einmal das Vorzeigegebiet der Sowjetunion, weil es Kohle und Stahl gab, weil die Leute dort Wohlstand hatten nach damaligen Kriterien. Wenn man im Winter von einer Siedlung zur nächsten fährt, ist man schon einen halben Tag unterwegs, weil die Distanzen so groß sind; Kälte und Hunger gehören dort für viele Leute zur Tagesordnung; diese Art der Arbeitslosigkeit bedeutet etwas anderes als Arbeitslosigkeit in unseren Breiten.“

Unter den Missverständnissen, die Ulrich Seidl begleiten, ist der Generalvorwurf des tödlichen Ernstes der wohl abwegigste. In den Filmen des Wieners herrscht keineswegs die bloße Depression; ein finsterer Witz ist Seidls Pessimismus vielmehr eigen. Auch „Import Export“ hat einiges an Bizarrerie zu bieten. „Mir war immer wichtig, dass meine Filme auch Humor haben – noch besser ist es, wenn die Menschen lachen können und es ihnen im nächsten Moment kalt über den Rücken läuft: Ich will Schnittstellen finden zwischen Tragödie und Komödie.“

Es störe ihn übrigens ungemein, dass man mit dem Begriff des Pessimismus stets etwas Negatives meine, betont Seidl noch. Für ihn sei der Pessimist nämlich nicht „zwangsläufig negativ“ und der Optimist auch nicht bloß positiv. Im Gegenteil: „Der Pessimist hat ja immer auch das Schöne vor Augen. Und wenn ich mir die Welt so ansehe, muss ich mich schon fragen, warum ich Optimist sein sollte. Wenn man ein offenes Auge hat, kommt man an diesem Problem nicht vorbei.“ So ist Ulrich Seidls Kino stets beides: rückhaltlos desillusioniert – und erschreckend schön.

Von Stefan Grissemann