Kino: Ruzowitzkys Oscar-Triumph

Von der Fabrikation eines Welterfolgs: Stefan Grissemann über den Oscar für den Regisseur Stefan Ruzowitzky und den neuen filmpolitischen Kulturchauvinismus in Österreich.

Exakt 35 Sekunden lang währte der historische Moment: die Dankesrede, die der Filmregisseur Stefan Ruzowitzky, die ersehnte Goldstatuette in Händen, vor den Augen einer geschätzten halben Milliarde Fernsehteilnehmern halten durfte. Als erster Österreicher, der in der Geschichte der Academy Awards den Auslands-Oscar für sich verbuchen konnte, schlug er sich am Preisrednerpult wacker. Er erinnerte, ohne dabei gleich größere Ergriffenheit bemühen zu müssen, an jene Filmemacher, die wie er aus Wien stammten, von den Nazis vertrieben wurden und in Hollywood Karriere machten: Billy Wilder, Otto Preminger, Fred Zinnemann. Sein eigener Film, „Die Fälscher“, eine Erzählung aus dem leider unerschöpflichen Fundus der NS-Verbrechen, stehe mit den Laufbahnen der großen österreichischen Regie-Emigranten in gleichsam sinnvoller Verbindung, fügte Ruzowitzky knapp an – und ging nach eiligen Danksagungen an Team und Familie lächelnd ab, während die Fanfaren der Oscar-Show schon den nächsten Programmpunkt annoncierten. Die unbändige Freude über Stefan Ruzowitzkys Triumph, die Österreichs Kulturlandschaft am Montag vergangener Woche augenblicklich erfasst hat, ist verständlich. Dem hohen Renommee, das die Austrofilmszene im cinephilen Ausland schon länger genießt, nun noch einen Oscar hinzuzufügen ist ein veritabler Kultur-Coup. Es gibt allerdings, gerade auch in Hollywood, Wichtigeres als den Oscar für fremdsprachige Filme. Der dafür zuständige Teil der Academy – rund 400 durchweg betagte Leute – lässt nur ein sehr spezielles Kino gelten: historische Stoffe, moralische Erzählungen, kommerzielle Inszenierungen mit politisch korrekten Zielvorgaben. Ausnahmen von dieser Regel sind selten.

Wenn man nun noch weiß, dass heuer weder das raffinierte Buñuel-Sequel „Belle toujours“ des Portugiesen Manoel de Oliveira noch der Cannes-Sieger 2007, der rumänische Real­thriller „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“, weder der elegante Hongkong-Gangsterfilm „Exiled“ von Johnnie To noch das südkoreanische Meisterstück „Secret Sunshine“ über die Vorrunde hinauskamen, relativiert sich der aktuelle österreichische Erfolg ein wenig. Man sollte, bei allem Patriotismus, jedenfalls nicht der Illusion erliegen, dass in der Kategorie „Best Foreign Language Film“ 2008 auch nur annähernd „der beste“ aller nicht englischsprachigen Filme des vergangenen Jahres ausgezeichnet wurde.

Über Stefan Ruzowitzkys Oscar-Triumph lässt sich somit auf sehr verschiedene Arten diskutieren. Man kann ihm gratulieren für das nun auch weltöffentlich anerkannte Kunststück, denkbar nah (und handwerklich zweifellos versiert) am Ideal der amerikanischen Filmindustrie zu inszenieren, man kann ihn aber, wenn man dies vor allem als Anpassungsleis­tung versteht, genau dafür auch kritisieren. Es ist im Übrigen kein Zufall, dass all jene Arbeiten, die unter internationalen Kinoexperten als die künstlerischen Spitzenleistungen der österreichischen Filmlandschaft gelten, im Oscar-Programm seit Jahren keine Chance haben. Die vielfach preisgekrönten Arbeiten von Michael Haneke und Ulrich Seidl etwa sind Fixstarter in den Programmen der bedeutendsten Festivals der Welt – und doch werden sie von der Academy traditionell kaum eines Blickes gewürdigt. Was auch daran liegt, dass die alljährlichen österreichischen Einreichungen (jedes Land kann nur einen Film nominieren) von vorauseilender Assimilation an die ästhetischen Vorlieben des Komitees geprägt sind: Nominiert wird nur, was auch eine Chance hat, und eine Chance hat nur, was nicht zu spröde ist. Auch deshalb erscheinen die seit den frühen Morgenstunden des 25. Februar 2008 erklingenden Elogen an Österreichs Oscar-Gewinner so hysterisch überhöht. Aufgeregt wird seither darüber spekuliert, ob Ruzowitzky nun „nach Hollywood“ gehen werde und welche US-Produzenten sich „angeblich intensiv“ für den Schauspieler Karl Markovics interessierten, während „Die Fälscher“ wie selbstverständlich zum „Meisterwerk“ („News“) hochstilisiert wird, das „edelste Regiehandwerk“ (ORF-General Wrabetz) biete. In all dem schwingt etwas Dubioses mit: der alte Glauben an die absolute Wahrheit der amerikanischen Filmindustrie. Was weiß Hollywood vom europäischen Kino? Egal, wo Oscar draufsteht, ist auch Oscar drin, schon das Gold seiner Beschichtung signalisiert, wofür er steht: Profit. Da ist Österreich gerne dabei, zumal die Arbeit des Unterhaltungstechnikers Ruzowitzky naturgemäß leichter zu lieben ist als etwa die sperrigen Sprachbilder einer radikalen Künstlerin wie Elfriede Jelinek. Der Nobelpreis war nur der Vorgeschmack, Euphorie wollte damals nicht recht aufkommen; erst jetzt, mit der Auszeichnung eines arglosen Anti-Nazi-Abenteuerfilms, hat sich die Kulturnation Österreich endlich auch ihren Kulturnationalismus erobert.
Es mag spielverderberisch klingen, ausgerechnet im Moment des größten Pathos darauf hinzuweisen, dass die Erfolgsgeschichte des Films „Die Fälscher“ eine zweispältige ist. Aber unumstritten war Ruzowitzkys Film nie. Schon bei seiner Premiere im Wettbewerb der Filmfestspiele Berlin vor über einem Jahr hielt sich der Enthusiasmus internationaler Kritiker in Grenzen. Die Festivaljury ignorierte „Die Fälscher“ schlicht: Österreich verließ Berlin unausgezeichnet.

An österreichischen und deutschen Kinokassen blieb Ruzowitzkys Film im Frühling 2007 dann auch weit hinter den Erwartungen zurück. Andererseits konnte man die Produk­tion schon vor der Oscar-Nominierung niemals einen Miss­erfolg nennen: Der Film verkaufte sich bereits im Rahmen der Berlinale weltweit exzellent – und vorvergangene Woche, am Oscar-Wochenende, legte er in acht US-Kinos einen hervorragenden Start hin: Mit einem durchschnittlichen Einspielergebnis von rund 11.000 Dollar pro Filmkopie in den ersten drei Tagen setzte sich „Die Fälscher“, trotz durchwachsener Rezensionen, sogar an die Spitze der so genannten Indie-Charts, der Hitparade der von Hollywoods großen Studios unabhängigen Filme.

Dennoch: „Die Fälscher“ ist kein großer, kein künstlerisch gewichtiger Film, eher nur einer, der „funktioniert“, der seine Geschichte – basierend auf den Erinnerungen eines Mannes, der mit seiner Crew im KZ Sachsenhausen für die Nazis Blüten fabrizieren musste – mit ein paar wohlfeilen moralischen Ambivalenzen über die Bühne bringt und mit guten Darstellerleistungen (Karl Markovics, August Diehl, Devid Striesow) sogar den einen oder anderen emotionalen Moment erwirkt. „Die Fälscher“ ist die Arbeit eines Filmemachers, der länger schon vom amerikanischen Kommerzialismus träumt. So legitim das ist: Ein Qualitätsbeweis ist es noch nicht. Und auch wenn es dieser Tage von Branchenvertretern gebetsmühlenartig wiederholt wird: Es ist vermessen anzunehmen, dass Österreichs Filmpolitik durch Ruzowitzkys Erfolg geneigt sein wird, auch nur einen Millimeter von der schon traditionellen Unterfinanzierung des heimischen Kinos abzurücken. Nur ein paar Tage vor der Oscar-Gala hatte Kulturministerin Claudia Schmied in einem Fernsehinterview noch einmal mit ernster Miene betont, dass trotz punktueller Erhöhungen für den österreichischen Film auch längerfristig leider nicht genug Geld zur Verfügung stehen werde, um das hiesige Kino „so zu positionieren“, wie es ihm eigentlich gebührte.

Man kann es auch anders formulieren: Wenn die unzähligen Festivalsiege heimischer Regiegrößen schon bislang nicht zu einer echten – sich eben nicht bloß in blumigen Ansagen erschöpfenden – politischen Wertschätzung geführt haben, werden die 35 Sekunden Weltöffentlichkeit des Stefan Ruzowitzky wohl auch nicht mehr dazu beitragen.