Kino: Schlachtfeld Kultur

Diese Woche läuft Michael Moores Anti-Bush-Polemik „Fahrenheit 9/11“ in den amerikanischen Kinos an. Wird der Film die US-Präsidentschaftswahlen beeinflussen? Arbeitet der Regisseur mit unsauberen Methoden? Eine Darstellung des Phänomens Moore aus Sicht eines renommierten New Yorker Filmkritikers.

Film Comment“, das Magazin, als dessen Chefredakteur ich arbeite, hat so etwas wie eine Geschichte mit Michael Moore. Sie geht zurück auf ein inzwischen legendäres Interview, das Ende 1989 bei uns erschien und in dem Moore beschuldigt wurde, in seinem Film „Roger & Me“ die Chronologie der Ereignisse rund um die Schließung der General-Motors-Fabrik in Flint, Michigan, manipuliert zu haben. Moore sprach umgehend von Betrug – und deutete an, dass es einen Zusammenhang zwischen diesem Artikel und einer Spende von General Motors an das Lincoln Center for the Performing Arts gebe. „Film Comment“ wird von der Film Society des Lincoln Center herausgegeben.

Schnitt. Cannes 2002. Die Festival-Weltpremiere von Moores Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“: Die Redaktion von „Film Comment“ gehörte zu jenen, die in den scheinbar weltweiten Beifall für Moores wirre Untersuchung einer genuin amerikanischen Kultur der Waffen und der Gewalt nicht einstimmen wollten. Genau wie bei „Roger & Me“ teilten wir zwar grundsätzlich Moores Haltung, kritisierten aber seine Methoden, insbesondere den von ihm selbst betriebenen Persönlichkeitskult, der jede Begegnung und jede Szene in dem Film stets zugunsten des Filmemachers entscheidet. Obwohl Moore im Wesentlichen in der populistischen Tradition des Jedermann als Repräsentant der underdogs arbeitet, erschien er in „Bowling for Columbine“ eher wie der Schulhof-Rüpel, der sich partout an keinen Gegner seiner Größe wagt. Moore suchte sich für seinen Spott allzu einfache Ziele: lokale Waffennarren, High-School-Versager, einen Polizisten, Führungskräfte der mittleren Ebene sowie den entkräfteten Präsidenten der National Rifle Association, Charlton Heston. „Bowling for Columbine“ vermittelt den Eindruck, erst während der Dreharbeiten irgendwie konzipiert worden zu sein. Der Film ist effektvoll und einnehmend, letztlich aber auch wenig überzeugend – und von einer geradezu beunruhigenden Leichtfertigkeit.

Wonderful World? Eine der typischen Techniken Moores sieht die ironische Kombination von Schockbildern mit unangemessenen Popsongs vor. In „Bowling for Columbine“ gipfelt eine Schnittfolge, die den US-Export von Krieg und Gewalt thematisiert, im Vergeltungsbild eines in den Südturm des World Trade Center krachenden Airliners. Dazu erklingt Louis Armstrongs „What a Wonderful World“. In „Fahrenheit 9/11“ unterlegt Moore Bilder eines Angriffs der US-Armee auf ein irakisches Haus am Weihnachtsabend mit dem Song „Santa Claus Is Coming to Town“. Subtil ist das nicht, effektiv dagegen sehr – man begreift relativ leicht, worum es Moore dabei geht.

Aber Moores Filme entwaffnen auch, weil sie wirklich lustig sind, weil sie auf geniale Weise neue Wege finden, die schiere Gier und Heuchelei des amerikanischen Kapitalismus bloßzustellen – und sie kommen dabei immer auf die Lage der US-Arbeiterklasse zurück. Bisher war Moore bestenfalls ein begabter Politsatiriker in der Tradition Jonathan Swifts. 2002 jedenfalls erschien die Idee, dass einer wie Moore bereits der wirkungsvollste Filmemacher sei, den Amerikas Linke hervorbringen konnte, ein wenig entmutigend. Sein Erfolg an der Kinokasse ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass Moore ein Filmemacher war, der zählte, manchmal mehr, manchmal weniger.

Nun, angesichts seines neuen Films „Fahrenheit 9/11“, stellt sich heraus: eher mehr als weniger.

Nichts, was Moore je zuvor gemacht hat, konnte einen auch nur ansatzweise auf die ungeheure Wirkung dieser Arbeit vorbereiten. Als Filmemacher hat sich Michael Moore damit auf ein ganz neues Niveau begeben – und alle Vorbehalte der Redaktion von „Film Comment“ entkräftet.

„Fahrenheit 9/11“ ist Moores erster tatsächlich polemischer Film. Die Arbeit zeugt von erstaunlicher Disziplin und Klarheit. Sie ist triftig und überaus deutlich argumentiert. Zudem lässt sich Moore auf keine seiner Schaunummern oder Abschweifungen mehr ein (etwa auf den Israel-Palästina-Konflikt, die religiöse Rechte in Amerika oder Enron). Sein Film ist stattdessen sorgfältig in zehn Teile strukturiert:

  • Die Wahl 2000 und die „Lame Duck“-Präsidentschaft
  • 9/11
  • Die Saudi-Bush-Verbindung
  • Afghanistan und die Taliban
  • Der „Patriot Act“ und der Krieg gegen den Terror
  • Der Irak
  • Militär-Rekrutierungen in Flint, Moores Heimatstadt
  • Lila Lipscomb, die Mutter eines im Irak gefallenen Soldaten
  • Der Wiederaufbau des Irak
  • Lila Lipscomb in Washington

Geheimwaffe. Als Erzähler ist Moore, wie in seinen früheren Filmen, ständig präsent: Als Kommentator verschiebt er dabei geschickt die rhetorischen Register – von der politischen Satire zum leidenschaftlichen Protest, vom angewiderten Sarkasmus über die Parodie zum genuinen Pathos. Moore bleibt diesmal größtenteils im Off, um gegen Ende hin dann doch noch aufzutauchen, für ein typisches Schelmenstück in den Straßen von Washington – und um Lila Lipscomb, die Geheimwaffe dieses Films, zu interviewen. Moore kombiniert Elemente von Agitprop-Provokation, Boulevardjournalismus und Medienkritik: eine zwingende Mischung – pragmatisch, absolut unrein und wild dazu entschlossen, eine möglichst große Zahl von Durchschnittsamerikanern zu erreichen. Moores ideologische Haltung folgt, wie stets, einer Politik des „Common Sense“. Sein Film wird Zuschauern, welche die leidenschaftslose Dialektik etwa der analytischen Arbeiten Harun Farockis solchen Zugängen vorziehen, nicht gefallen.

„Fahrenheit 9/11“ ist schlicht niederschmetternd. Es ist verheerend, als empfindungsfähiger Mensch diesen Film zu sehen, er ist niederschmetternd in seinen Implikationen – und eine vernichtende Anklage der schändlichen, vollkommen unchristlichen und betrügerischen Präsidentschaft von George W. Bush.

Elektrisierendes Ereignis. Wir müssen den Fakten ins Auge sehen: Das gegenwärtige amerikanische Kino hat sich radikal politisiert. Die Kultur ist zum Schlachtfeld geworden und das Bild zur bevorzugten Waffe. Wie sonst könnte man die auf obszöne Weise faszinierenden Armee-Rekrutierungs-Werbespots beschreiben, die man dieser Tage ununterbrochen – und ununterscheidbar von den Reklamen für Videospiele und aktuelle Hollywoodprodukte – auf MTV zu sehen kriegt? In diesem Kontext nimmt Michael Moores Enthüllungsfilm Züge eines wirklich elektrisierenden Ereignisses an. Moore zieht aus, um Feuer mit Feuer zu bekämpfen, und konfrontiert sein Publikum mit Informationen und Bildern, die man bislang sorgsam vor der amerikanischen Öffentlichkeit verborgen hat.

Moore verhöhnt und exponiert nicht nur Amerikas skandalöse und offen sinistre Regierung, sondern auch die feige Komplizenschaft der US-Medien. Es ist wahr: Ein Film wie dieser wäre unnötig und womöglich weniger eindrucksvoll, wenn der amerikanische Journalismus seinen Pflichten auch nur einigermaßen nachkäme. Und ja, das ist Propaganda. Na und? Moore hat einen dringend nötigen Schlag gegen die Befangenheit der US-Medienlandschaft geführt.

Am wichtigsten aber ist, dass Moore einen Film gemacht hat, zu dem es keinen Präzedenzfall gibt – der erste Film in der US-Geschichte, der eine Präsidentschaftswahl direkt beeinflussen wird. Jene, die nun sagen, Moore predige bloß zu den ohnehin bereits Bekehrten und werde daher republikanische Wähler nicht überzeugen können, übersehen zwei entscheidende Faktoren: die unentschiedenen Wählerschaften und, noch wichtiger, die Nichtwähler – die Mehrheit der Wahlberechtigten. Dieser Film wird die Apathischen und die, die auf ihre Wahl- und Bürgerrechte bislang gern verzichtet haben, motivieren wie nie zuvor. (Es gibt Organisationen, die schon jetzt landesweite Wählerregistrierungs-Kampagnen vor Kinos planen, in denen man „Fahrenheit 9/11“ zeigen wird.) Moores Film könnte bei dieser Wahl tatsächlich zum Zünglein an der Waage werden.

Hatte die „Film Comment“-Redaktion also, was Moores Filme betrifft, immer Unrecht? Wir stehen zu unserer Kritik an seinen früheren Arbeiten. Aber augenblicklich genießt er unseren Respekt und unsere Dankbarkeit – schon für den Versuch, den Fluch von Amerika zu nehmen, unter dem das Land seit dem 11. September 2001 leidet. Und für den Versuch, die amerikanische Öffentlichkeit aus dem Albtraum zu wecken, mit dem diese seit der Wahl George W. Bushs leben muss. Für jeden Amerikaner, der den Abgang von Präsident Bush nicht mehr erwarten kann, ist „Fahrenheit 9/11“ ohne jeden Zweifel der bedeutendste Film des Jahres.