Kino: Spieltischmanieren

Mit der Neubesetzung des britischen Kinoagenten James Bond durch Daniel Craig in „Casino Royale“ schließt sich ein Kreis. Die jüngste 007-Arbeit glänzt durch stilistische Effizienz und erhöhte Ernsthaftigkeit.

Glamourös kann man die Geburtsstunde der Marke James Bond nicht nennen. Eigentlich war der originale Mr. Bond nämlich weniger lizenzierter Killer und reisender Weltretter als vielmehr: Vogelkundler und Sachbuchautor. Das Standardwerk „Birds of the West Indies“ des Ornithologen James Bond sei, so die Legende, im Haus des britischen Schriftstellers Ian Fleming zufällig herumgelegen, als dieser in den frühen fünfziger Jahren verzweifelt auf der Suche nach einem Namen für den Titelhelden seines ersten Spionageromans war. Bond? James Bond? Das klang gut – und Fleming machte sich daran, seinen Cold-War-Thriller „Casino Royale“ zu verfassen.

Erst neun Jahre nach der Publikation dieses Romans (und acht weiterer Bond-Bestseller) wagte sich Produzent Albert Broccoli schließlich an eine erste Verfilmung: Das Kinodebüt des Spions – „James Bond jagt Dr. No“ (1962) – griff auf Flemings sechstes Bond-Buch zurück; das erste war bereits 1954 im amerikanischen Fernsehen, auf CBS, als Pilot einer geplanten Bond-Fernsehserie aufbereitet worden. In der knapp einstündigen TV-Fassung des Stoffs setzte sich der Amerikaner Barry Nelson als Jimmy Bond am Spieltisch in Szene und gegen den Schurken Le Chiffre durch, den damals kein Geringerer als Peter Lorre verkörperte. 1967 erschien „Casino Royale“ dann doch im Kino, allerdings ins Parodistische gewendet und abseits der „echten“ Bond-Serie, als gespielter Witz vom mondänen Agentenleben, besetzt mit David Niven, Peter Sellers und Woody Allen.

Kantig. Die 007-Filmreihe hat sich inzwischen bekanntlich zu einer Konstante im kommerziellen Kino entwickelt, kreativ allerdings auch in eine Sackgasse manövriert. Nach den – mit Titelheld Pierce Brosnan wenig gewinnend besetzten – Actiongewittern „Stirb an einem anderen Tag“ (2002) und „Die Welt ist nicht genug“ (1999) liegt mit „Casino Royale“ nun eine Art Neustart der Serie vor: zurück in die Zukunft, zurück zum Spionagedebütanten Bond, mit einem ungewohnt kantigen Helden (Daniel Craig) und leicht erhöhter Ernsthaftigkeit.

Bond mag man eben. An der Inszenierung von „Casino Royale“ hatte dem Vernehmen nach sogar Quentin Tarantino Interesse. Aber diese Serie braucht Routiniers, keine Stilisten. So übernahm Martin Campbell, der 1995 bereits „Golden Eye“ geleitet hatte, die Regie. „Casino Royale“, das nach offizieller Zählung 21. Kinoabenteuer des Agenten, verlegt den Hintergrund der Erzählung vom Kalten Krieg problemlos in die Zeit nach 9/11, in die Ära des globalisierten Terrors. Bei Fleming war Monsieur Le Chiffre noch ein Sowjetagent, der mit ein paar Runden Baccara das operative Budget zurückgewinnen sollte, das er beim Versuch, eine Bordellkette ins Leben zu rufen, verloren hatte. Besser sind die Zeiten seither nicht geworden: „Christ, I miss the Cold War“, stellt Judi Dench als M in „Casino Royale“ 2006 gewohnt schlecht gelaunt fest.

Mit der jüngsten Eintragung ins große Bond-Buch hat sich der Tonfall der Serie erneut verändert. Die bewährte Ironie des Helden hat sich weit gehend verflüchtigt, und mit seiner Comic-Strip-Unverwundbarkeit ist es auch nicht mehr weit her: In „Casino Royale“ erleidet der Lieblingsspion Ihrer Majestät nicht nur Genitaltorturen, die ihn vor Schmerzen brüllen lassen, sondern nebenbei auch einen Herzstillstand mit anschließender Elektroschock-Reanimation.

Filmisch stellt „Casino Royale“ jedenfalls einen Fortschritt dar; die Action-Eskalationen sind hier feiner dosiert als zuletzt: Die von Campbell kompetent inszenierten Verfolgungsjagden und Kampfchoreografien sind weniger auf Detonationen und Kugelhagel konzentriert als auf ein paar waghalsige Manöver auf Baugerüsten, Flugfeldern und im Inneren einstürzender venezianischer Altbauten. Natürlich ist auch „Casino Royale“, stünde das allzeit fashionable Bond-Label nicht zur Verfügung, wenig mehr als ein konservativer, mitreißend gestalteter Actionfilm, in dessen Zentrum ein Strategie- und Nervenspiel, eine Pokerpartie steht – und eben nicht die bloße Explosionslust und Zentrifugalkraftmeierei der Post-Seventies-Bondiaden. Ein kleiner Schritt für die Filmkunst, aber ein gewaltiger für die britische Doppelnull: Geistreicher als derzeit wird 007 nicht mehr werden.

Blutwäsche. Campbell und sein Drehbuchteam (mit dabei: „L. A. Crash“-Autor Paul Haggis) sind darum bemüht, einem gefährlich ausgelaugten Genre die überfällige Blutwäsche zu verpassen. Manche der Bond-Girls sehen inzwischen sogar so aus, als entstammten sie nicht der Gentechnologieabteilung eines durchgedrehten plastischen Chirurgen: Das Talent der Französin Eva Green, die in „Casino Royale“ dem Superspion assistiert, ist – wie Manohla Dargis in der „New York Times“ ironisch anmerkt – „tatsächlich größer als ihre Brüste“.

Dennoch: Hässlichkeit steht in der Welt, die der berühmteste Geheimagent der Geschichte belebt, seit je unter Strafe. Wer schlecht aussieht, fliegt raus – mit Kugel im Kopf, von Granaten zerrissen oder wilden Tieren zerfleischt. Die James-Bond-Serie gefällt sich seit 1962 als Feier der äußeren Werte, zu der sich ganz folgerichtig stets die Dämonisierung der Entstellung gesellt hat: von Donald Pleasance, der sich als Schurke in „Man lebt nur zweimal“ (1967) eine Narbe quer übers Gesicht ziehen ließ, bis zum Eisenbeißer Jaws, den Richard Kiel 1979 in „Moonraker“ mit Stahlgebiss mehr als ein bisschen frankensteinhaft anlegte. Ehrensache, dass nun auch der kühle Däne Mads Mikkelsen, der in „Casino Royale“ den Terror-Financier Le Chiffre spielt, nicht ohne äußere Monstrosität ins Bild treten durfte: Er geht mit Hitlerscheitel, gebrochenem Auge und blutigen Tränen ans Werk.

Auch wenn die Figur des James Bond in Daniel Craigs wenig blasierter Darstellung sich nun überraschenderweise von der Upper Class in die Unterschicht verschoben hat: Mit den guten alten Markenzeichen ist nicht zu brechen. Bonds Dolce Vita, zu dem offenbar auch die serielle Erlegung amoralischer Weltzerstörer gehört, findet nach wie vor in Luxushotels und Villen mit Seeblick statt, mit Martini, Kaviar und Aston Martin. Die geheimdienstlichen Geschäftsreisen, die Bond in „Casino Royale“ unternimmt, führen unter anderem nach Montenegro, auf die Bahamas und in die Serenissima.

Man wäre schlecht beraten, die touristischen Generallinien und die ideologische Basis der Serie zu ändern: Die 007-Reihe ist ein weitgehend unerschütterliches System, in dem gute Ideen gut sind und schlechte auch gut – weil hier selbst Sexismus, Zynismus und Kryptofaschismus als stets „bewusst“ gesetzte Signale fungieren, die einem Massenpublikum das Gefühl vermitteln, bereits als intime Kenner einer sehr speziellen Populär- und Trash-Kultur zu agieren. Insofern stellt die verhältnismäßig hohe Qualität, die vergleichsweise stilistische Genauigkeit der Inszenierung Campbells, die – nur um Missverständnisse zu vermeiden – selbstverständlich auch sexistisch, zynisch und kryptofaschistisch ist, genau jenen Luxus dar, der dem Dekadenzprodukt Bond zuletzt so schmerzlich fehlte.

Rang 67. Ob die am längsten laufende Kinoserie aller Zeiten im 45. Jahr ihres Bestehens von der neuen Kreativität ihrer Macher auch ökonomisch profitieren können wird, bleibt abzuwarten. Ganz vorn konnte sie trotz anhaltenden Erfolgs bislang nicht mitspielen: In die Top-100-Liste der weltweit lukrativsten Filme aller Zeiten hat es bislang nur ein einziges Bond-Abenteuer geschafft – das letzte, „Stirb an einem anderen Tag“, das mit 425 Millionen Dollar Einspielergebnis gegenwärtig Rang 67 besetzt.

Die ausgedehnte Pokerpartie unter Superreichen, um die „Casino Royale“ sich dreht, scheint solche Überlegungen bereits verinnerlicht zu haben: Die 100 Millionen Dollar plus, die als Gesamteinsatz dort auf dem Spiel stehen, um entweder dem internationalen Terrorismus zugutezukommen oder in die Geheimdienstkasse Ihrer Majestät zu gelangen, entsprechen ziemlich genau dem Produktionsbudget dieses Films selbst. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn Daniel Craig am Spieltisch souverän Millionenbeträge in Höhe seiner eigenen Gage verschiebt, verliert und wiedergewinnt. Man sieht ihm an, dass er längst gesiegt hat – genau wie die Bond-Serie an sich, die als Selbstläufer etabliert ist. Sie setzt sich jedes Mal wieder aufs Spiel, in dem sicheren Wissen, dass Verlieren nicht infrage kommt.

Vielleicht liegt das auch an der Coolness des britischen Humors, die dem Unternehmen 007 so sehr eingeschrieben ist. Ian Fleming entschuldigte sich beim Ornithologen Bond, dessen Namen er kühn entwendet hatte, seinerzeit mit dem charmanten Argument, dass der Wissenschafter von nun an im Gegenzug „unbegrenzten Gebrauch“ des Namens Ian Fleming machen – und ja eventuell eine besonders ekelerregende Vogelart nach ihm benennen könne.

Von Stefan Grissemann