Kino: Teenagerkomödie mit weiblichen Witz

Kino. Eine schwangere 16-Jährige verfügt über sich selbst: Die überraschend charmante Teenager-Comedy „Juno“ hat der US-Filmindustrie ein paar gewichtige Lektionen zu erteilen.

Die Disziplin Komödie wird in Hollywood traditionell von einem Männerbund geregelt. Regie, Drehbuch, Stars: Alles liegt in der Hand männlicher Spaßmacher. Sacha Baron Cohen, Will Ferrell, Adam Sandler, Jim Carrey, Steve Carell, Ben Stiller, Jack Black, Eddie Murphy: Die Liste der populären funny men in der US-Unterhaltungsindustrie ist endlos. Begnadete Komödiantinnen wie Lisa Kudrow oder Whoopi Goldberg sind rar – auch mangels Nachfrage: Amerikas Comedy tendiert zum nerdism, zu einem Kino, das auf die Bedürfnisse seines jungen männlichen Zielpublikums zugeschnitten ist. Männer sind darin geistreich, anarchisch oder durchgedreht, Frauen dagegen eher witzlos – ansehnlich, aber schwer erreichbar: Objekte ferner Verehrung.

Schlagfertig. Mit solchen Zwangsvorstellungen räumt nun ein kleines Lustspiel namens ­„Juno“ auf, das dieser Tage gefeiert wird, als gäbe es einen neuen Lubitsch zu bestaunen. Die 16-jährige Juno, fabelhaft dargestellt von der (vier Jahre älteren) Kanadierin Ellen Page, ist immerhin eine Figur, wie man sie im Kino bislang noch nicht gesehen zu haben meint: ein Mädchen von äußerst schlagfertiger Natur, ein wenig planlos, aber völlig autonom, sichtlich noch ein Kind, aber abgeklärt, als hätte es die Midlife-Crisis bereits erfolgreich hinter sich gebracht. Um dieses einnehmende Wesen kreist das gleichnamige Filmlustspiel, das in eine Kleinstadt in Minnesota führt – und in eine kurzfristige Ratlosigkeit: Juno stellt fest, dass sie schwanger ist. Sie hat, aus Interesse und Sympathie, ohne groß nachzudenken, ihren Klassenkollegen verführt; für ein Kind zu sorgen traut sie sich und ihm nicht zu. Weil ihr im Augenblick aber schlicht die Lust dazu fehlt, eine Abtreibung vorzunehmen, fasst sie nüchtern eine andere Option ins Auge. Sie sucht und findet ein adoptionswilliges, gut situiertes Paar, dem sie das Baby vertraglich überschreibt.

In „Juno“ wird nicht moralisiert und nicht gepredigt, werden nicht bloß vorgefasste Meinungen bestätigt. Teenager-Schwangerschaften hält Drehbuchautorin Diablo Cody (siehe Kasten) sehr entschieden nicht für Katastrophen, und von unversehens sich einstellenden Muttergefühlen wird Juno auch nicht geplagt. Es spricht für diesen Film, dass er weder von Abtreibungsgegnern noch von Adoptionsskeptikern ernstlich vereinnahmt werden kann. Mit ihren überpointierten Dialogen droht Cody die Erzählung anfangs zwar zu überfrachten, aber das Understatement des Spiels und der Inszenierung siegt früh über den Narzissmus der Gagschreiberin. Ganz nebenbei behandelt „Juno“ soziale Zeiterscheinungen: die Pers­pektivenlosigkeit des suburbanen Kleinbürgertums, aber auch den Typus des Upper-Class-­Berufsjugendlichen um die 40. Der zweite Film des jungen Regisseurs Jason Reitman („Thank You For Smoking“) ist jedenfalls ein Welterfolg: Kaum mehr als sieben Millionen Dollar hat „Juno“ gekostet – und in den vergangenen 100 Tagen an die 200 Millionen Dollar eingespielt. Reitmans zurückhaltende Inszenierung legt alle Qualitäten frei, die seinem Film zur Verfügung stehen: die sprachliche Gewandtheit, die Ambivalenz der Figurenzeichnung und den Stoizismus, hinter dem sich seine Hauptfigur verschanzt. „Juno“, geprägt von der massiven weiblichen Doppelpräsenz Pages und Codys, mündet folgerichtig in eine Geste der Frauensolidarität. Dass man mit ihr nicht rechnet, führt nur noch einmal vor, wie sehr die Zumutungen der US-Bubenfilmindustrie den Blick bereits deformiert haben.

Von Stefan Grissemann