Kino: Zwischen Hammer und Amboss

32 Jahre lang hielt „Shoah“-Regisseur Claude Lanzmann Filmmaterial zur Wiener NS-Geschichte unter Verschluss. profil gewährte der Regisseur dazu das einzige ausführliche Interview.

Ein älterer Herr mit dicker Brille, fein gekleidet, sitzt auf einer römischen Hotelterrasse. Er bewegt seine Lippen, lächelt ein wenig, schiebt nervös seine dritten Zähne im Mund auf und ab. Man kann nicht hören, was er sagt, die Tonaufnahme läuft noch nicht, die Filmaufzeichnung ist stumm. Der Kameramann sucht einen passenden Bildausschnitt, schärft die Einstellung nach. Eine Filmklappe schiebt sich ins Bild, plötzlich ist der Ton da, es kracht und knistert, der Kameraassistent klopft mit einem Stück Karton auf das Mikrofon. Der Mann vor dem Objektiv wartet auf seinen Einsatz. Er wird erzählen, wovon er nicht erzählen wollte: von seinen Jahren als Zwangsfunktionär der Nationalsozialisten in Wien und später als „Judenältester“ in Theresienstadt; von seinen Diensten für die SS-Männer Adolf Eichmann und Alois Brunner in der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“.

Der Mann heißt Benjamin Murmelstein und ist 1975, zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen, 70 Jahre alt. Er war Rabbiner in Wien, als im März 1938 der „Anschluss“ an Nazideutschland stattfand; die neuen Machthaber zogen ihn dazu heran, im Rahmen der Israelitischen Kultusgemeinde die „Judenauswanderung“ zu administrieren. Murmelstein kooperierte: Er ließ sich, obwohl er hätte emigrieren können, auf die wahnwitzige Logik des Nationalsozialismus ein, um den Abtransport zigtausender österreichischer Juden zu organisieren – und, so gut es eben ging, Kinder und alte Menschen davon zu befreien, für Ausnahmen zu sorgen.

Regisseur Claude Lanzmann, damals 49 Jahre alt, hatte Murmelstein mit einigem Nachdruck zur Mitwirkung überreden können. Die Aufnahmen sollten dem Dokumentarfilm „Shoah“ zugutekommen, an dem Lanzmann gerade zu arbeiten begonnen hatte. Es dauerte zehn weitere Jahre, ehe der Film 1985, in epischer Länge von annähernd neuneinhalb Stunden, fertig gestellt war. Das Murmelstein-Interview fehlte in der Endfassung jedoch, da es, wie Lanzmann sagt, nicht mehr zu Tonfall und Stil seines Films gepasst habe. Wie viele Stunden Material er zwischen 1974 und 1981 drehte, um daraus die 566 Minuten seines Hauptwerks zu destillieren, weiß er nicht mehr so genau. „Keine Ahnung“, sagt Lanzmann mit wegwerfender Handbewegung. „300 Stunden, vielleicht auch 350. Jedenfalls eine Menge.“

Unverdrossenheit. 32 Jahre nach dem Murmelstein-Interview – der Porträtierte starb 1989 – hat Claude Lanzmann nun erstmals Einblicke in das Material gewährt. Unter dem von Benjamin Murmelstein selbst geliehenen Titel „Der letzte der Ungerechten“ wurden im Österreichischen Filmmuseum am Sonntag vorvergangener Woche fünf der insgesamt elf Stunden gezeigt – in Anwesenheit des Regisseurs. Murmelstein erweist sich darin als glänzender Erzähler, dessen „eigentümliche Unverdrossenheit“, wie es der Historiker und Schriftsteller Doron Rabinovici treffend genannt hat, überrascht. Der Generalverdacht des Überlebenden traf Murmelstein nach dem Krieg unmittelbar: „Wieso leben Sie?“, wurde er 1945 in einem Verhör gefragt. Der „Judenälteste“ sei stets „zwischen Hammer und Amboss“ gewesen, stellt Murmelstein lakonisch fest: „Kein Schlag bleibt ihm erspart.“

Knappe 20 Stunden verbringt Claude Lanzmann, heute 81, in Wien. Als er am Samstagabend ankommt, besteht er darauf, das für ihn geplante Dinner in ein irisches Pub zu verlegen, weil er Dringenderes vorhat, als sich mit seinen Gastgebern zu unterhalten: Er muss das Halbfinale der Rugby-Weltmeisterschaft in Paris sehen – Frankreich gegen England. Die fettigen Zwiebelringe, die er stoisch mit ein paar Gläsern Zweigelt zu neutralisieren versucht, nimmt er dafür gern in Kauf. Mit Blick auf den Großbildschirm verscheucht er mit herrischer Handbewegung noch die Kellnerin aus seinem Sichtfeld. Der Franzose, der auch in dieser Hinsicht seinem Widerspruchsgeist gerecht wird, hält zu Großbritannien. Das Spiel geht auf: Es endet 14:9 für England. „God save the queen!“, tönt Lanzmann applaudierend in seinem französisch getönten Englisch halb-laut in den Raum. Zwei Minuten später fragt er freundlich, aber bestimmt, ob man ihn ins Hotel bringen könne. Er sei müde.

Kein Organisationsgenie. Zum Gespräch mit profil erscheint Lanzmann am Sonntagvormittag ein paar Minuten später als vereinbart. In der Bar des Hotel Ambassador ist ihm erst das Licht zu stark, dann der Zug der Klimaanlage zu kühl. Wien sei ein guter Ort, um sein Filmrohmaterial erstmals zu präsentieren, meint er. Dass es nebenbei auch das historische Eichmann-Bild entscheidend korrigiert, weiß er selbst. Der Deportationsspezialist Eichmann sei ein lausiger Organisator gewesen, der alles von ihm gelernt habe, sagt Murmelstein im Filminterview mit Lanzmann: „Er hat bei mir Auswanderung studiert.“ Eichmann sei alles andere als ein Organisationsgenie gewesen, meint auch Lanzmann: „Aber die Geschichtsschreiber betonen bis heute, dass Eichmann ein pures Produkt der Bürokratie gewesen sei, dass ihm die Juden sogar herzlich egal gewesen seien. Das ist falsch: Eichmann war glühender Antisemit.“ In der Kristallnacht habe er persönlich Eichmann dabei zugesehen, wie er in der Kultusgemeinde die Einrichtung zertrümmerte, hält Murmelstein vor Lanzmanns Kamera fest. Der Einschätzung Hannah Arendts, die, auf Eichmann gemünzt, den Begriff „Banalität des Bösen“ prägte, tritt er harsch entgegen: „Der banale Eichmann“, das sei „zum Lachen“; er sei vielmehr korrupt gewesen und gewalttätig – „ein Dämon“.

Die Diskussion im ausverkauften Filmmuseum absolviert Lanzmann kühl; er bleibt gelassen, auch als Raimund Fastenbauer, Generalsekretär der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), das Misstrauen vieler IKG-Mitglieder anspricht, die schon im Vorfeld gegen die Beteiligung der Kultusgemeinde an dieser Veranstaltung protestiert haben: Er stelle einen unverbrüchlichen Hass vieler Juden auf Murmelstein fest, sagt Fastenbauer. Rudolf Gelbard, ein Überlebender aus dem KZ Theresienstadt, wendet ein, dass Murmelstein keineswegs von allen Häftlingen gehasst worden sei; es sei etwa zu verstehen gewesen, dass er als „Judenältester“ Zornausbrüche auch inszenieren musste, um seine Arbeit glaubhaft fortzusetzen, durch die er unzählige Häftlinge vor der Deportation bewahren konnte.

Ehe Lanzmann zurück nach Paris fliegt, wo er gerade an seiner Autobiografie schreibt, stellt er noch in Aussicht, dass er sein Murmelstein-Gespräch ja „möglicherweise“ zu einem eigenen Film machen werde. Dazu müsse er aber erst einiges drehen, in Theresienstadt vor allem. Die Frage, wann und ob das jemals geschehen werde, beantwortet er nicht. Festlegen lässt sich Claude Lanzmann auf nichts mehr. Er wird tun, was er kann.

Von Stefan Grissemann