Kinokonventionen statt Politrealismus: Das Migrationsdrama 'Ein Augenblick Freiheit'

Die Lage ist ernst, die Bilder künden davon: Eine Exekution eröffnet diesen Film. Vor solchen Zuständen läuft, wer kann, davon. „Ein Augenblick Freiheit“ berichtet von den lebensgefährlichen Fluchten dreier Migrantengruppen aus dem Irak und dem Iran in die Türkei.

Aber das „große Kino“ fordert seinen Tribut: Die Politik tritt in den Hintergrund, wird zur vagen Folie, vor der die menschliche Tragödie sich ereignet – die Geschichte gestrandeter Männer, Frauen und Kinder zwischen inhumanen Asylgesetzen, üblen Profiteuren, kleinen Denunzianten und sadistischen Folterern. Man wartet auf Ausreiseerlaubnis oder Abschiebung. Der junge Wiener Regisseur und Autor Arash T. Riahi, bislang eher als Dokumentarist („Exile Family Movie“) bekannt, inszeniert sein Spielfilmdebüt allzu pittoresk, taucht es in vollblütige, exotisch-manipulative Musik.

Sein gutes Gespür für dramatische Zuspitzung und zupackendes Erzählen nutzt er weidlich; so wird die Erfahrung der Emigration zum Stoff, aus dem die Abenteuerfilme sind: ein Reality-Thriller auf Leben und Tod und Teufel komm raus. „Ein Augenblick Freiheit“ gefällt sich als Visitenkarte für Hollywood besser denn als sozialrealistisches Politpanorama: Der offene Konventionalismus der Regie führt zu großer Thesenhaftigkeit, zu sozialromantischen Nebenhandlungen und übererfüllten Migrationsklischees. So stellt diese Arbeit am Ende ein Paradebeispiel paradoxer filmischer Konstruktion dar: ein Stück Mainstream, das vom Leben am äußersten Rand erzählt.

Von Stefan Grissemann