Kirche: Eine halbe Stunde für die Ewigkeit

Abt Gregor Henckel-Donnersmarck hat den Papst überredet, im Herbst auch im Stift Heiligenkreuz vorbeizuschauen. Erzbischof Schönborn schäumte. Machtpolitische Winkelzüge im Vorfeld des Besuchs von Benedikt XVI.

Der Coup war seit Monaten vorbereitet. Nach intensiven Gesprächen mit der Nuntiatur in Wien und zuständigen Organen im Vatikan sowie nach mehreren Briefen an den Papst begann die „Einladungsstrategie“ von Abt Gregor Henckel-Donnersmarck aufzugehen. Der Papst sagte zu, bei seinem Österreich-Besuch vom 7. bis 9. September dieses Jahres auch Henckel-Donnersmarck in seinem Stift in Heiligenkreuz im Wienerwald für eine halbe Stunde zu besuchen. Und das, obwohl der offizielle Gastgeber des Papstes, die österreichische Bischofskonferenz und deren Vorsitzender, Erzbischof Christoph Schönborn, nicht daran gedacht hatten, auch Henckel-Donnersmarck zum Zug kommen zu lassen.

Als der Abt seinen persönlichen Erfolg auch noch öffentlich verkünden ließ, bevor die Bischofskonferenz das offizielle Besuchsprogramm veröffentlichen konnte, riss den Bischöfen die Geduld: Um den peinlichen Eifersüchteleien um Benedikt XVI. ein Ende zu setzen, verordneten sie sofortige „Einigkeit“. Zwei Sprecher sind seither autorisiert, unverfängliche Kommentare abzugeben. Alle anderen schweigen.

Die Erfolgsmeldungen von der Homepage des Klosters sind wieder verschwunden. Jetzt heißt es dort etwas unbeholfen, der Papst komme „auf eigenen Wunsch“ nach Heiligenkreuz. Und der Abt will mit Hinweis auf eine in dieser Woche stattfindende Pressekonferenz der „Veranstalter“ keinen Kommentar mehr abgeben. Nur so viel: „Es ist wegen der Einigkeit.“

Die kirchenintern bekannten persönlichen Harmonieprobleme der beiden blaublütigen Herren Schönborn und Henckel-Donnersmarck sind nur die Hülle des Problems. Die Hintergründe gehen tiefer und betreffen die Zukunft der österreichischen Kirche. Dabei spielt die im Stift Heiligenkreuz untergebrachte theologische Hochschule eine entscheidende Rolle. Denn mit der „Päpstlich Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“ arbeitet Henckel-Donnersmarck an der Schaffung einer „päpstlichen Enklave“ innerhalb Österreichs, die die Kompetenzen für die Priesterausbildung zunehmend an sich ziehen und somit den Einfluss des Wiener Kardinals auf den Nachwuchsbereich ausdünnen könnte. Bislang war die Hochschule Heiligenkreuz der Theologischen Fakultät der Wiener Uni unterstellt gewesen.

Im vergangenen Jänner wurde die Heiligenkreuzer Theologie aus der Wiener Universität ausgegliedert, zur „päpstlichen Hochschule“ erklärt, der Glaubenskongregation im Vatikan unterstellt und mit der Kompetenz ausgestattet, selbst akademische Titel zu vergeben, was bisher nur die staatliche Universität in Wien durfte.

Dieser Schritt dürfte weniger mit der persönlichen Freundschaft zwischen Abt Gregor und dem Nachfolger Christi zusammenhängen, sondern vielmehr damit, was der Abt in den vergangenen Jahren aus seiner Philosophisch-Theologischen Hochschule gemacht hat. Sie glänzt vor Treue zum Papst: Die lateinische Liturgie, die Benennung der Schule nach dem Papst persönlich und vor allem die Tatsache, dass sich unter den 180 derzeit Studierenden 110 Ordensleute und Priesterkandidaten befinden, machte in Rom Eindruck. In Zeiten bedrohlichen Priestermangels und fast leerer Priesterseminare träumen der Papst und seine Getreuen – wie allerdings auch Schönborn – von einer „klerikaleren Kirche“. Schließlich finden sich selbst in den Lehrkörpern der heimischen theologischen Hochschulen kaum noch Vorlesende im Talar, sondern fast nur noch Laien, die objektiv meist bessere Qualifikationen aufweisen. Für die Nachfolge des pensionierten Leiters des Institutes für Moraltheologie in Wien wurde sogar eine Frau erstgereiht, was einiges Kopfschütteln im Vatikan ausgelöst haben soll. In dieser Situation steht über Heiligenkreuz ein päpstlicher Hoffnungsschimmer. Abt Henckel-Donnersmarck in einer Meldung der Austria Presse Agentur von vorvergangener Woche über die Gründe, warum der Papst gerade ihn besuchen wird: „Unser Kloster verwirklicht das, was vom Heiligen Vater geschätzt wird.“

Henckel-Donnersmarck ist ein „Spätberufener“. Er kennt die Welt und das Weltliche und war als Manager jahrelang in der Wirtschaft tätig, bevor ihn der Ruf ereilte. Er wird als hochintelligent beschrieben, und Kenner wundern sich nicht, dass es ihm mittels seiner „Einladungsstrategie und Überredungskunst bei Gesprächen und in Briefen gelungen ist, den Papst nach Heiligenkreuz zu locken“, obwohl Schönborn gerade das nicht geplant habe.

Die halbe Stunde, die der Papst für Heiligenkreuz „auf eigenen Wunsch“ reserviert hat, wird genug für die Ewigkeit sein: Denn die bloße Anwesenheit des Kirchenoberhauptes in der nach ihm selbst benannten Theologen-Schmiede wird diese praktisch heiligsprechen, und die Worte des Papstes bei seinem noch so kurzen Besuch werden auf Jahre und Jahrzehnte akademische Vorgaben bilden. Abt Henckel- Donnersmarck hat es vor zwei Wochen noch deutlicher gesagt: „Seine Worte werden sicherlich wegweisend sein für unser Haus auf Jahrhunderte.“

Auch der Grazer Bischof Egon Kapellari habe über Henckel-Donnersmarck „gemurrt“, heißt es. Kardinal Christoph Schönborn soll dem Vernehmen nach „etwas gelitten“ haben. Doch jetzt herrsche wieder Einigkeit. Erich Leitenberger, der Sprecher Schönborns, sieht in den angeblichen Eifersüchteleien überhaupt nur „klerikales Geschwätz“. Der Papst besuche Heiligenkreuz ja nur stellvertretend für alle Stifte Österreichs.

Von Emil Bobi