Kirche: Kein starker Abgang

Er war ein Medienprofi und Polarisierer, charmanter Plauderer und unduldsamer Kirchenfürst. Gescheitert ist Kurt Krenn an Grapschereien im St. Pöltener Priesterseminar und an seiner Unfähigkeit, mit dem Skandal klug umzugehen.

Als Kurt Krenn vergangenen Freitag in Rom das mondäne Büro von Kardinal Giovanni Battista Re, dem Vorsitzenden der vatikanischen Bischofskongregation, verließ, wirkte er deprimiert. Doch Tränen, wie sie in den vergangenen Monaten und Jahren immer öfter bei Krenn beobachtet worden waren, hatte er keine in den Augen. Die Realität schmeckt meist anders als die Angst davor.

Spätabends, nach seiner Ankunft aus Rom, bedachte der sonst um keine griffigen Statements verlegene Selbstdarsteller nur mit Einsilbigkeiten. Er habe in Rom einige Gespräche geführt. „Ich werde mich jetzt einmal ausschlafen“, erklärte er ungewohnt prosaisch. Eine Entscheidung über seine Zukunft als St. Pöltener Diözesanbischof werde „frühestens übermorgen fallen“.

Gekämpft hat er bis zuletzt: Immer wieder hatte Krenn verschiedenen Medien trotz Interviewverbotes ausrichten lassen, er werde „sicher nicht“ zurücktreten, es gebe keine Probleme in seiner Diözese, und beim so genannten Sex-Skandal in seinem Priesterseminar handle es sich um böswillige Kampagnen seiner Gegner. „Bischof Kurt“ entferne sich zunehmend von der Realität, konstatierten Beobachter.

Aber nun ist Schluss.

Eineinhalb Jahrzehnte lang hatte der Vatikan dem Treiben des Hirten im tiefkatholischen Niederösterreich scheinbar ungerührt zugesehen, hatte die Beschwerden der Äbte ebenso ignoriert wie das Aufbegehren weiter Teile des Kirchenvolks.

Dann hatte man es plötzlich sehr eilig. Nicht einmal das Ende der „Visitation“ des Vorarlberger Bischofs Klaus Küng wurde nun abgewartet. Im unmittelbaren Umfeld des Papstes wusste man längst genug. Bischof Küng, der „eiserne Besen“, hatte die im Zuge seiner Mission gewonnenen Erkenntnisse nach Rom übermittelt. Krenns Vorgesetzter Giovanni Battista Re legte dem St. Pöltener Bischof am Freitag vergangener Woche schließlich den Rücktritt „aus gesundheitlichen Gründen“ nahe.

Krenn ist schwer krank. Er leidet an fortgeschrittener Diabetes und senilem Tremor, einer Vorstufe von Parkinson. Er hat schlechte Blut- und Leberwerte und erhebliches Übergewicht – aber es haben schon kränkere Bischöfe ausgeharrt.

Proteste. Prof. Dr. Kurt Krenn, 67, hat lange durchgehalten. Vor exakt 13 Jahren, am 15. September 1991, wurde der damalige Wiener Weihbischof für Kunst, Kultur und Medien als St. Pöltener Diözesanbischof inthronisiert und sah sich vom ersten Tag an mit einem Widerstand konfrontiert, der in der österreichischen Kirchengeschichte bis dahin unbekannt war. An der Protestkundgebung gegen seine Berufung nahmen mehr Menschen teil als an der Weihe selbst. Wenig später standen Äbte, Priester und Laien mit Kerzen in den Händen vor dem bischöflichen Palais, um gegen den von Krenn forcierten Import konservativer Priesterschüler aus dem Ausland zu protestieren. Über keinen Kirchenmann wurde derart intensiv gestritten, gestaunt und gewitzelt, praktisch keine Person der österreichischen Öffentlichkeit verzeichnete schlechtere Imagewerte als der hochgebildete theologische Fundi. Aus kircheninternen Umfragen ging der Mühlviertler schon im zweiten Jahr seines Wirkens als unbeliebtester Bischof hervor. Gerade drei Prozent der Österreicher beurteilten das St. Pöltener Oberhaupt positiv. Im Jahr seines Dienstantrittes stieg die Zahl der Kirchenaustritte um 30 Prozent.

Gleichzeitig erregte kein zweiter Würdenträger der heimischen katholischen Kirche so viel anhaltende Aufmerksamkeit. Krenn war der medientauglichste aller Bischöfe, einer, der selbst seinen schärfsten journalistischen Kritikern Rede und Antwort stand und dabei eine seltsam unwiderstehliche Art von Charme ausspielte.

Für einen pointierten „Sager“ war Kurt Krenn jedenfalls immer gut. Dass die Reaktion der Öffentlichkeit auf diese Sager meist negativ bis empört ausfiel, wurde im Vatikan mit stetig wachsendem Argwohn registriert. Zustimmung erhielt Krenn praktisch nur von seinen engsten Gesinnungsgenossen, zu denen etwa „Pornojäger“ Martin Humer, das ultrakonservative Katholiken-Organ „Der 13.“ oder kirchliche Hardcore-Fundamentalisten zählten.

Für einige der Kinder des erzkatholischen FPÖ-Ideologen und Volksanwalts Ewald Stadler war Krenn Taufvater. Inzwischen ist Stadler Anhänger der noch konservativeren Pius-Bruderschaft und verweigert die Zahlung der Kirchensteuer. Als die Kirche Krenn Anfang des Jahres ausschickte, um Stadler heimzuholen, versagte ihm auch dieser die Gefolgschaft.

Krenn-Freunde wetterten stets hysterisch gegen die Anti-Krenn-Front: Mehr als 50 Jahre sei es her, dass „brauner Pöbel gewaltsam das Erzbischöfliche Palais in Wien stürmte und plünderte. Heute sind wir wieder so weit“, hieß es etwa auf einem Transparent bei einer Demonstration der Krenn-Freunde. Die Krenn-Feinde seien „verwirrte Emanzen, ewiggestrige Linksextremisten und Anarchisten“.

Krenn erweckte stets den Anschein, die Ablehnung zu genießen, als eine ihm aufgetragene Prüfung Gottes: „Ich habe die Spitzenposition beim Minusmann“, frohlockte er bei einer Talkshow im Radio. „Aber das ist ein notwendiger Preis.“

Obskure Vereine. Krenn förderte obskure Vereine in seiner Diözese, drohte Kritikern mit Amtsenthebung, schloss Mädchen vom Ministrantendienst aus, ließ Frauen-Diskussionsrunden bespitzeln, wetterte gegen Homosexuelle, Verhütung und Abtreibung und weihte ultratraditionalistische Gesinnungsfreunde zu Priestern, die ihre Messen wieder auf Latein und mit dem Rücken zu den Gläubigen zelebrieren wollten – wie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Krenn spaltete sein Diözese. „Er hat alles zerstört“, sagten hohe St. Pöltener Würdenträger, als Krenns Felle schon davonzuschwimmen begannen.

Von Askese hielt der ehemalige Regensburger Philosophieprofessor allerdings nicht viel. Krenn ließ sich gern von den Haubenköchen in St. Pölten und Umgebung verwöhnen. Er kenne die Speisekarten der Restaurants in seinem Einzugsgebiet so gut wie das Vaterunser, spöttelten Gegner.

Mitte Dezember vergangenen Jahres wandte sich das Schicksal jedoch jäh gegen Krenn: Nach zahlreichen fruchtlosen Versuchen seriöser Würdenträger, dem Diözesanbischof die katastrophalen Zustände in „seinem“ St. Pöltener Priesterseminar vor Augen zu führen, reifte der Entschluss einer Gruppe von Geistlichen, die Sache ohne jede Rücksichtnahme zu einem Ende zu bringen. Eine Aktennotiz an Krenn hielt fest, dass von einem Computer des Priesterseminars wiederholt Kinderpornoseiten abgerufen worden waren. Da es sich dabei um einen strafbaren Tatbestand handelte, zwang man Krenn, den Sachverhalt zur Anzeige zu bringen. Der Computer wurde beschlagnahmt, doch die polizeilichen Ermittlungen kamen nicht vom Fleck.

Am 12. Juli dieses Jahres ging die Affäre um das St. Pöltener Priesterseminar mit voller Wucht hoch, als profil Fotos veröffentlichte, auf denen der mittlerweile zurückgetretene Regens und sein Subregens mit Priesterschülern zu sehen waren – einmal beim intensiven „Weihnachtskuss“, einmal dem Untergebenen ans Genital fassend. Die an sich harmlosen Fotos erzeugten weltweites mediales Interesse.

Dann beging Krenn, der ausgebuffte Medienprofi, den Fehler seines Lebens: Er wollte nicht verstehen, dass Abwiegeln in diesem Fall keine kluge Taktik war. Er sprach von „Lausbubenstreichen“ und „Weihnachtsküssen“, die mit Homosexualität „nichts zu tun“ hätten – und heizte den Skandal damit erst recht weiter an.

Das österreichische Kirchenvolk reagierte darauf wütend wie seit der Groer-Affäre Mitte der neunziger Jahre nicht mehr: Die Kirchenaustritte in der Krenn-Diözese schnellten laut der – keineswegs kirchenfeindlichen – Tageszeitung „Die Presse“ um 185 Prozent in die Höhe, bundesweit um etwa 30 Prozent.

Was Krenn nicht realisierte, wurde im Vatikan, der alles genau beobachtet hatte, blitzschnell erkannt: Jetzt blieb nur noch die Flucht nach vorn. Rom war ohnehin am Ende seiner Geduld mit dem störrischen Krenn und entsandte den Visitator Klaus Küng – auch er ein Konservativer mit starker Affinität zum Opus Dei.

Realitätsverlust. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte Kurt Krenn erkennen müssen, dass seine Zeit abgelaufen war. Radio Vatikan hatte zwei Tage nach Veröffentlichung der Fotos in profil vermeldet, dass jeweils der Bischof für die Zustände in seiner Diözese verantwortlich sei. Insider deuteten diese Meldung als erstes Indiz für die bevorstehende „Kündigung“ Krenns.

Krenn war nur mehr ein Schatten seiner selbst. Entkräftet sprach er von „Kampagnen“, trotz des vom Visitator verhängten Interviewverbotes hielt er laufend Kontakt zu den Medien und erklärte: „Ich darf alles.“ Schließlich tauchte er ab und suchte Erholung bei seiner Schwester in Oberösterreich. Vor kurzem ließ der Bischof wieder mit einem für die Kirche heiklen Vorhaben aufhorchen: Er wollte gemeinsam mit dem Papst am 3. Oktober die Seligsprechung Kaiser Karls in Rom feiern.

Doch bei seinem letzten Besuch als Bischof im Vatikan vergangenen Freitag gab es für Kurt Krenn nichts mehr zu feiern. Sein Vorgesetzter empfahl ihm, seinen Rücktritt anzubieten. Früher pflegte er zu behaupten, bevor er das Feld räume, müsse wohl „Gott zurücktreten“.

Jetzt geht er selbst. Vielleicht mit Gott.