Kirche & Sex! Die Moral des Vatikans: Vertuschte Skandale

Mittelalterliche Sexualmoral, hemmungslose Kleriker und zwanghafter Korpsgeist haben das Vertrauen in die Amtskirche nachhaltig erschüttert. Vor vierzig Jahren wollte der Vatikan sexuellen Missbrauch ahnden. Doch nur die Pflicht zur Verschwiegenheit wurde befolgt.

Am 16. März 1962 setzt der konservative Leiter des Heiligen Offiziums im Vatikan, Kardinal Alfredo Ottaviani, seine Unterschrift unter eine streng vertrauliche Instruktion. Die Bischöfe der katholischen Kirche werden hiermit verpflichtet, sexuelle Verfehlungen eines Geistlichen in einer Beichtsituation streng zu ahnden. Homosexualität, Sodomie und Missbrauch von Minderjährigen sind auch außerhalb der Beichte zu verfolgen. Alle Beteiligten in diesem innerkirchlichen Verfahren, Täter und Opfer, Zeugen und Richter, werden zu strengstem Stillschweigen verpflichtet.
Dieses Dokument wurde erst vor wenigen Tagen durch eine britische Zeitung der Öffentlichkeit bekannt.

Zur selben Zeit in den sechziger Jahren, fernab von Rom, wird im erzbischöflichen Knabenseminar von Hollabrunn ein 13-jähriger Schüler von seinem Religionslehrer Hans Groer in eine Duschkabine gedrängt, wo sich der Priester unter dem Vorwand von Hygieneunterweisungen an dessen Genitalien zu schaffen macht.

Tausende Erwachsene aus allen Teilen der Welt klagen heute die katholische Kirche an, weil sie als Kinder von Priestern vergewaltigt, zum Oralverkehr gezwungen oder als Sexgespiele benutzt worden sind. Dass ihre traumatischen Erfahrungen überhaupt an die Öffentlichkeit kamen, ist nicht das Verdienst der Kirche. Couragierte Opfer, selbstbewusste Mütter und die Medien haben eine Lawine ins Rollen gebracht.

Sexuelle Revolution. Was könnte der Anlass gewesen sein, dass sich die römische Glaubenskongregation und oberste Sittenwächterin am Vorabend des Zweiten Vatikanischen Konzils zumindest auf dem Papier diesem Problem widmete? – Die ersten Vorboten der sexuellen Revolution machten sich bemerkbar: Frauen und Schwule begannen sich zu organisieren, Pille und Abtreibung wurden ein Thema. Der alte Papst Pius XII., der in den Jahren des Nationalsozialismus und Faschismus kaum den Schein der Neutralität gewahrt hatte, stattdessen aber mit wahrem Feuereifer den Kommunismus bekämpfte, war 1958 gestorben. Sein Nachfolger Johannes XXIII. ließ sich nicht mehr ausschließlich in einer Sänfte durch den Vatikan tragen, sondern spazierte zum Entsetzen des römischen Bürgertums in seiner weißen Soutane mitten unter ihnen, fuhr stehend in seinem Papamobile vor und tauchte unerwartet an den unwahrscheinlichsten Orten auf.

In den Hollywood-Filmen der Zeit spiegelt sich das gewandelte Image der Geistlichkeit. Aus den „Teufelskerlen“ (1938 mit Spencer Tracy in der Hauptrolle) – furchtlosen, starken und einfühlsamen Priestern – waren krisengeschüttelte, gegen sexuelle Verlockungen kämpfende Männer geworden. Homosexualität war noch kein öffentliches Thema, jedoch die Verführung durch das sündige Weib.

Absolute Verschwiegenheit. Der Beichtstuhl war ein Ort, an dem die Gefahr lauerte. Selbst auf dem Lande mischte sich Hochwürden nicht ohne weiteres unter seine Gemeinde. Doch die Beichte schuf eine intime Situation, in der über allzu Menschliches geredet wurde.

Ein Beichtspiegel aus den fünfziger und sechziger Jahren, anhand dessen die Gläubigen in sich gehen sollten, gab folgendes Fragenraster vor: „Habe ich freiwillig unkeusche Wünsche gehegt. (Begierde?) … an meinem Körper Unkeusches getan? … Blicke und Berührungen zugelassen? … freche Berührungen an anderen vorgenommen? … Habe ich mich ohne Grund dem Ehegatten versagt? … durch aufreizende Mode, unschickliche Tänze … gesündigt?“ – Die Erörterung solcher Fragen, die vertrauliche Situation, die Weltfremdheit des Klerus, war in den Augen der Kirchenoberen eine tückische Falle, um in schlüpfrige Gespräche oder Schlimmeres abzugleiten.

Die österreichische Kirche reagierte denn auch noch heute peinlich berührt auf das bisher verschwiegene Dokument „Crimen Sollicitationis“ und will es nur unter dem Aspekt des Beichtgeheimnisses diskutiert wissen. Der Sprecher von Bischof Krenn, Michael Dinhobl, sagt, es komme eben häufig vor, dass in der Beichte über Sexuelles geredet wird. Dass der Beichtende auf absolute Verschwiegenheit rechnen darf, „ist zu seinem eigenen Schutz“. Ähnlich argumentiert Erich Leitenberger, Sprecher der Erzdiözese Wien: „Das Dokument ist für Vorgänge zwischen Erwachsenen gedacht, die dem Strafrecht nicht unterliegen.“ Der Staat bleibt also außen vor.
Bischöfe in den USA und anderen Staaten, in denen Kleriker wegen sexuellen Missbrauchs auf der Anklagebank sitzen, hatten die Aufklärung der Vorfälle mit dem Verweis auf das Beichtgeheimnis jahrelang hintertrieben. Das ändert sich jetzt. Der Vatikan äußerte sich vor kurzem besorgt über die Bereitschaft nationaler Bischofskonferenzen, wonach Missbrauchsfälle künftig an staatliche Stellen weiterzuleiten sind.

Zölibat lockern? Auch in anderen Bereichen gerät die Kirche unter Druck. Am vorläufigen Höhepunkt der Pädophilie-Vorwürfe gegen hunderte nordamerikanische Priester plädierte der Erzbischof von Los Angeles im Vorjahr für ein Überdenken des Eheverbots für Priester. Der mittlerweile zurückgetretene höchste katholische Würdenträger in den USA, der Bostoner Kardinal Bernhard Law, wollte die Angelegenheit in Rom zumindest diskutieren. Als die US-Bischofskonferenz im Frühjahr 2002 zur Kopfwäsche bei Papst Johannes Paul II. antrat, stieß sie auf Ablehnung.

Der Zölibat ist ein Eckpfeiler für Kontrolle und Macht. Der Theologe und Tiefenpsychologe Peter Schellenbaum sieht den Widerstand der Kirchenführung gegen solche Forderungen im „institutionellen Selbsterhaltungstrieb“ begründet, ohne den die Kirche „nach und nach in der Gesellschaft aufgehen“ würde.

Doch der Preis des Machterhalts ist hoch: In den vergangenen Jahrzehnten quittierten zigtausende Priester ihren Dienst um zu heiraten. Eine noch größere Zahl lebt mehr oder weniger geheim im Konkubinat. Allein in Österreich zahlen die kirchlichen Institutionen jährlich Millionen Euro an Alimenten für Frauen und Kinder, um ihre Seelsorger angesichts des Priestermangels im Amt zu halten.

Hubertus Mynarek, ehemaliger Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät in Wien und Ex-Priester, ortet in der sexualrepressiven Atmosphäre einen prächtigen Nährboden für Missbrauch.

Wunibald Müller, anerkannter Therapeut für pädophile Priester, weiß aus seiner Praxis, dass die Verdammung der Sexualität als schmutzige und sündige Angelegenheit gestörte und unreife Seelen produziert. Viele seiner Klienten wüssten zeitlebens nicht, ob sie homo- oder heterosexuell sind. Da die Sünde durch den Akt mit der Frau, durch Vagina und Penis definiert werde, würden körperliche Übergriffe auf Kinder und Jugendliche gleichen Geschlechts oft nicht einmal als Unrecht erkannt.

Den Zölibat gab es nicht immer. Im Jahre 306 wurde die Forderung nach sexueller Enthaltsamkeit für Kleriker erstmals auf einem Konzil erhoben. Es dauerte ein drei viertel Jahrtausend, bis Gregor VII., ein Mönch auf dem Papstthron, die Zölibatsverpflichtung erzwang. Es war übrigens derselbe Papst, der die kirchliche Wiederverheiratung Geschiedener verdammte.

Bis der Zölibat tatsächlich durchgesetzt werden konnte, vergingen weitere 500 Jahre. Erst das Konzil von Trient 1563 disziplinierte den katholischen Klerus, der bis dahin munter in Geheimehen gelebt hatte. Die sexualfeindliche Ideologisierung des priesterlichen Eheverbots, von dem sich im Neuen Testament kein Sterbenswort findet, wird bis in die Gegenwart immer raffinierter formuliert. 1979 erklärte Johannes Paul den Zölibat sogar zur „apostolischen Lehre“. Allein: Die zwölf Apostel waren durchwegs verheiratet.

Verhuschtes Frauenbild. Ein unbefangener Umgang mit Frauen konnte im lebensfremden und lustfeindlichen Klima der Zölibatäre nie entstehen.

Der Reformpapst Johannes XXIII. rühmte sich in seinen „Geistlichen Tagebüchern“ des Vorsatzes, mit „Frauen jeden Standes … jede Vertraulichkeit, jedes Zusammensein und Gespräch wie den Teufel“ gemieden zu haben. Über den heilig gesprochenen Jugendseelsorger Don Bosco berichtet sein Biograf 1951, er habe sich aus Gründen der Keuschheit bei Tisch nur von seiner Mutter bedienen lassen.
Die Verdammung und gleichzeitige Idealisierung der Frau geht auf antike gnostische Strömungen zurück. Im dritten Jahrhundert hatte sich die Anschauung, Lust und Körperlichkeit würden die Seele verunreinigen, durchgesetzt. Die Lehren der Kirchenväter Hieronymus und Augustinus entfalteten besonders fatale Wir-kung. Hieronymus, der allein die Berührung einer Frau als „böse“ qualifizierte, wurde zum Vorkämpfer der Lehre über die immer währende Jungfräulichkeit Mariens.

Die Keuschheit der Jungfrau wurde über die zur Zeugung verdammte Mutter gestellt. Die kirchliche Lehre verkam immer mehr zu einer Junggesellen-Theologie, die ihre Sexualneurosen ungehemmt auf das ungebildete Kirchenvolk entlud.

Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert hinein treiben Spekulationen von sexuell unbefriedigten Kirchenlehrern die wildesten Blüten. Im Zentrum steht der eheliche Akt, der nach Ansicht der Kirche allein zur Zeugung der Nachkommenschaft dient. Jede übrige sexuelle Betätigung wird als schwere Sünde definiert, da sie ausschließlich dem Lustgewinn dient.
Kirchenvater Augustinus hält Onanie wegen der nutzlosen Samenvergeudung für ein schwereres Vergehen als Inzest mit der Mutter.

Auf der Suche nach einem „sündenfreien Eheverkehr“ verfällt der Kardinal und Rechtsgelehrte Huguccio im 13. Jahrhundert auf die Idee der „reservierten Umarmung“: Coitus interruptus ohne anschließenden Orgasmus und Samenerguss. Der Disput unter Moraltheologen über die Erlaubtheit dieser Methode dauerte bis in unsere Tage. Hauptsache: Lust konnte vermieden werden.

Samenvergeudung. Noch 1967 findet sich im Standardwerk des deutschen Moraltheologen Bernhard Häring, nach dem bis Ende der siebziger Jahre gelehrt wurde, die Warnung vor den gesundheitsschädlichen Folgen der Selbstbefriedigung. 1975 erklärt Papst Paul VI., der Masturbierende gehe „Gottes Gnade verlustig“. Der jetzige Papst hat davon nichts zurückgenommen.

Vom Prinzip der totalen Lustverweigerung ist er allerdings ein Stück weit abgerückt. Nach dem neuen Kirchenrecht von 1983 dient die Ehe gleichermaßen dem Wohl der Partnerschaft wie der Kinderzeugung. Mit der Erlaubnis der Temperaturmessmethode 1981 brach Johannes Paul II. mit einer uralten Tradition. Bis dahin war natürliche Empfängnisverhütung als „Zuhältermethode“ diffamiert worden.

Großen Applaus bekam er dafür von den Frauen nicht. Nach der Pillenenzyklika seines Vorgängers Paul VI. ist die künstliche Verhütung „in gleichem Maße zu verdammen wie die Abtreibung“ – und die gilt bis heute als Mord.

Genauso unbarmherzig verfährt Rom mit der Homosexualität. Kardinal Josef Ratzinger, oberster Glaubenswächter, sorgte erst im Juli für Empörung, als er wieder einmal homosexuelle Beziehungen als „gegen das natürliche Sittengesetz“ verstoßend definierte und die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare einer „Vergewaltigung“ gleichsetzte.

Lustknaben. Die feindselige Einstellung gegenüber Homosexualität ist im jüdisch-christlichen Kulturkreis besonders stark verankert. Die kirchliche Verdammung stützt sich in erster Linie auf den Apostel Paulus und sein Zitat: „Weder Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder werden das Reich Gottes erben.“ Ein Bibelspruch, den auch Kardinal Groer gern im Mund führte und der ihm 1995 zum Verhängnis wurde, als sich seine ehemaligen „Lustknaben“ an die Öffentlichkeit wandten.

Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun, seit Jahren einer der eifrigsten Kämpfer gegen den „homosexuellen Zeitgeist“, ist überzeugt, dass „die katholische Kirche die beste Anwältin der Homosexuellen“ sein könnte: Wenn sich die Seelsorger nur den „armen Menschen“ zuwendeten und mit ihnen den Psalm 119 beteten: „Ich bin verirrt wie ein verlorenes Schaf.“ Fazit: Schwule haben ein Plätzchen unterm Herrgottswinkel, solange sie auf Sex verzichten.

Die Homosexualität ist ein blinder Fleck der katholischen Sexualmoral. Aus der Verdrängung entsteht Aversion, die auf schwules Leben außerhalb der Kirche projiziert und nach innen verleugnet wird.

In der Heuchelei haben die Amtsträger reiche Erfahrung: Renaissance-Päpste, die je nach Gusto Mädchen und Jünglinge vernaschten, ein Salzburger Erzbischof, der für seine Lebenspartnerin das Schloss Mirabell erbauen ließ. Auf einer 1563 abgehaltenen Visitation der niederösterreichischen Klöster fand man im Wiener Schottenstift bei den neun Mönchen sieben Konkubinen, zwei Eheweiber und 19 Kinder.

Konsequenzen. Die heutige Kirche muss sich erstmals in der Geschichte dem Widerspruch im Verhältnis von staatlichem und kirchlichem Recht stellen. Das fällt schwer, wenn man nicht einmal mit den eigenen Regeln zurande kommt. „Das Vatikan-Dokument von 1962“, so der österreichische Doyen des Kirchenrechts, Bruno Primetshofer, „wurde offenbar nicht eingehalten. Dass die Praxis so sehr vom Recht abweicht, ist eine Schwachstelle.“

Wie sehr die österreichische Kirche hinten nach ist, zeigen die Richtlinien gegen sexuellen Missbrauch, zu denen sich Bischöfe anderswo bereits durchgerungen haben. In Australien dürfen Geistliche nicht mehr allein mit Kindern zusammen sein. Die irischen, US-amerikanischen, niederländischen und belgischen Bischöfe haben sich verpflichtet, bei Verdacht unverzüglich die Behörden zu informieren. Die betroffenen Priester werden sofort suspendiert. Und in Österreich?

Aus Anlass der Affäre Groer wurde 1996 in Wien eine Ombudsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs eingerichtet. 80 Beschwerden sind eingetroffen, nur wenige Geistliche mussten den Dienst quittieren. Der Leiter Helmut Schüller: „Wir sind überwiegend mit Missbrauch im Graubereich konfrontiert, mit Fällen, die noch nicht strafrechtlich relevant, aber dennoch in moralischem Sinn als Missbrauch zu werten sind.“
Der Innsbrucker Ombudsmann Hans Tauscher macht „nicht immer positive Erfahrungen“, wenn er die betroffenen Priester befragt. Es sei „eher selten“, sagt er, „dass ein Geistlicher seine Schuld einbekennt“.

Weggabelung. Würde die Amtskirche intern jene Maßstäbe an Reuebereitschaft und Schuldbekenntnis anlegen, wie sie es – theoretisch – von den Gläubigen verlangt, hätte sie zwar noch immer das Problem mit einer mittelalterlichen Sexualmoral, aber zumindest ihre Glaubwürdigkeit gewahrt.

In ihren Dogmen wird sie vom engagierten Kirchenvolk ohnehin nicht mehr ernst genommen. Katholiken, die an der Basis arbeiten, erleben das Tag für Tag.

In der weltweiten Krise der katholischen Kirche steht auch die österreichische nun an einer Weggabelung: entweder klein, aber rein. Oder sie wird eine für alle Interessierte offene Glaubensgemeinschaft, die die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Mitglieder respektiert.

Beim bevorstehenden mitteleuropäischen Katholikentag, der im nächsten Frühjahr seinen Höhepunkt in der Völkerwallfahrt nach Mariazell findet, wird sich die Kirche in einem bestimmten Licht präsentieren müssen: im Kerzenschein des Mittelalters oder im Scheinwerfer der modernen Gesellschaft.