"Ich will ja gar nicht prüfen“

Waltraud Klasnic, Chefin der Opferschutzkommission für sexuellen Missbrauch in der Kirche, über ihre Zwischenbilanz, ihre Unabhängigkeit und Christoph Schönborn.

Interview: Emil Bobi

profil: Frau Klasnic, seit einem Jahr sind Sie mit Hunderten Missbrauchsopfern der Kirche konfrontiert. Hat sich seither Ihr Bild von der katholischen Kirche geändert?
Klasnic: Nicht das Bild von der Kirche. Es hat sich mein Bild von Menschen geändert, weil ich in diesem Ausmaß nicht gewusst habe, was alles möglich ist. Aber wenn ich die Gesamtbilanz von Menschen nehme, die unter Missbrauch und Gewalt gelitten haben, dann ist die Kirche ein kleiner Prozentsatz. 80 Prozent passieren in der Familie.

profil: Wussten Sie davor, was in der Kirche alles passiert?
Klasnic: Ich glaube, das Wissen ist es nicht. Wenn ich mit Opfern rede, sehe ich, dass jeder für sich geglaubt hat, dass er allein war, weil es nur ihm oder ihr geschehen ist. Die haben sich untereinander nicht ausgetauscht, haben sich nicht getraut, es zu Hause zu erzählen. Erst als die Ersten sich meldeten, schlossen andere sich an, weil ihnen bewusst wurde, dass sie kein Einzelfall und damit auch nicht schuld sind. Wenn ich das alles gewusst hätte, müssten Sie mich fragen: "Warum haben Sie nichts getan?“

profil: Haben Sie das Gefühl, geholfen zu haben?
Klasnic: Wir sind ja noch mitten drinnen. Ich habe das Gefühl, dass es wichtig und richtig ist. Man muss sich vorstellen, da spaziert jemand herein, der mich nie im Leben gesehen hat, spricht über ganz persönliche Lebenssituationen, über die er vielleicht noch nie gesprochen hat. Viele haben großes Vertrauen zu mir und haben mir die Kraft gegeben, das gut weiter zu tragen. Wir sind eine ehrenamtliche Gruppe, und ich habe in der Kommission kein Stimmrecht …

profil: Kein Stimmrecht? Was wollen Sie damit suggerieren?
Klasnic: Zu Beginn, als der Kardinal (Christoph Schönborn, Anm.) mich fragte, ob ich es mache, hieß es, ich sei von der Kirche eingesetzt, ich sei zu katholisch und sehr kirchennahe.

profil: Sie sind doch von der Kirche eingesetzt.
Klasnic: Ich bin weder von der Kirche eingesetzt noch sonst was.

profil: Gegen das Prädikat "kirchennahe“ können Sie doch nichts haben.
Klasnic: Aber wenn Sie nachlesen, was im April des Vorjahres veröffentlicht wurde, da hat das Grundvertrauen gefehlt. Es gibt Einzelne, auch Gruppen, die sagen: "Geht dort nicht hin.“

profil: Wie unabhängig ist die Kommission wirklich?
Klasnic: Der Herr Kardinal hat mich angerufen und gefragt, ob ich Opferschutzanwältin sein könnte. Ich sagte, ich mache das, wenn ich keine Weisung bekomme und frei arbeiten kann. Ich war ja bis kurz davor Vorsitzende des Kuratoriums des Zukunftsfonds, und von daher wusste ich, wie man so was aufziehen könnte. Der Kardinal hat nichts davon gewusst, dass ich eine Kommission machen würde.

profil: Und Sie sagen, Sie sind nicht eingesetzt worden?
Klasnic: Ich bin gefragt worden, aber nicht eingesetzt. Mich kann man nicht mehr einsetzen in meinem Alter. Wenn ich glaube, helfen zu können, bin ich zu haben.

profil: Was hat sich der Kardinal denn vorgestellt?
Klasnic: Nichts. Er hat mich ersucht, die Opferschutzanwältin zu sein. Sonst nichts.

profil: Sie haben ihn auch nicht gefragt, wie er sich das vorstellt?
Klasnic: Nein. So weit sind wir nicht gekommen. Entschuldigen Sie, man traut mir noch etwas zu in Österreich. Er hat mir einfach etwas zugetraut. Ohne Vorgaben.

profil: Schönborn hatte keine Ahnung, wie das ausschauen würde?
Klasnic: Nein.

profil: Aber über sein Geld dürfen Sie verfügen?
Klasnic: Die Vertreter der Kirche waren bereit, unsere Beschlüsse umzusetzen. Sie sagten nur, die Mittel dürfen nicht aus der Kirchensteuer kommen, sondern über Immobilienverkäufe und anderes.

profil: Wie ist Schönborn mit dem Verlauf zufrieden?
Klasnic: Wenn Sie glauben, dass wir da jetzt ständig darüber reden …

profil: Wie oft treffen Sie den Kardinal?
Klasnic: Ich hab ihn einmal im Jänner getroffen, weil ich ihm etwas Grundsätzliches sagen wollte, und ich hab in der Karwoche einmal mit ihm telefoniert.

profil: Meiden Sie ihn?
Klasnic: Nein, nein. Entschuldigung. Ich will nur meinen Auftrag erfüllen und nicht ständig fragen, was ich machen soll. Ich würde bei ihm einen Termin bekommen, aber ich habe Arbeit genug.

profil: Was ist denn das Ziel der Kommission?
Klasnic: Sie kann für Menschen eine Erleichterung bringen, die ihr ganzes Leben gelitten haben. Man kann Würde geben, indem man zuhört und ernst nimmt. Und wir wollen am Ende mithelfen, dass alles getan wird, dass so etwas in der Zukunft nicht mehr vorkommt und dass man sagen kann, es war ein dunkles Kapitel, das man aufzuarbeiten versucht hat, und dass man den betroffenen Menschen entgegengeht und sie begleitet.

profil: Sie können die Fälle nicht prüfen. Die meisten liegen Jahrzehnte zurück und sind nicht mehr nachweisbar …
Klasnic: Ich will ja gar nicht prüfen. Im Zweifel für das Opfer.

profil: Angeblich gibt es Fälle, in denen Entschädigung zuerkannt wurde, obwohl nachweisbar ist, dass da nichts stattgefunden hat.
Klasnic: Es ist besser, man hat einem zu viel geholfen als einem zu wenig.

profil: Ist das nicht ungerecht gegenüber dem echten Opfer?
Klasnic: Noch einmal: Es ist mir lieber, einem zu Unrecht geholfen zu haben, als einem nicht zu helfen, der es verdient hätte. Restlos werden wir das nie klären.

profil: Mit den Tätern reden Sie nie?
Klasnic: Mit den Tätern rede ich eigentlich nicht.

profil: In der Vorwoche hat die Staatsanwaltschaft Wien Ihre 28 Anzeigen alle eingestellt.
Klasnic: Wir haben Sachverhaltsdarstellungen übermittelt. Wir machen grundsätzlich das, was das Opfer wünscht. Es war irgendwo zu erwarten, dass eingestellt wird, weil alles so lange her ist.

profil: Viele der eingebrachten Anzeigen betreffen Beschuldigte, die längst verstorben sind. Wussten Sie das nicht?
Klasnic: Doch. Wenn das Opfer sagt, ich möchte, dass es angezeigt wird, dann tun wir es. Teilweise wusste man auch nicht, ob die Beschuldigten leben oder nicht.

profil: Es gibt Vorwürfe, die Kommission habe vorzüglich Fälle angezeigt, die ohnehin eingestellt werden mussten - um zu signalisieren, dass Sie etwas unternehmen, aber an den Fällen nichts dran ist.
Klasnic: Wir haben jedes Opfer gefragt: "Wollen Sie Therapiestunden, Entschädigung, Entschuldigung, Meldung an die Staatsanwaltschaft?“ Bei Wunsch ist es ausnahmslos geschehen.

profil: Soll es eine staatliche Kommission geben, die die kirchlichen Fälle untersucht?
Klasnic: Das ist eine Entscheidung, die der Staat treffen muss, aber die Kirche hat darauf gar nicht gewartet. Da hätten wir jetzt noch nichts. Die Kirche ist zwei Schritte vorgegangen.

profil: Es gibt Vorwürfe, bei den bis zu zehn Stunden dauernden Psychologengesprächen der Kommission gehe es darum, den Opfern die Wut zu nehmen, um der Kirche allzu hohe Forderungen zu ersparen.
Klasnic: Ein Clearing ist was anderes als eine Therapie. Ein Clearing ist eine klare Fragestellung, und das ist Aufgabe der Psychologen. Da gibt es von uns keine Weisungen, und sie würden sich das auch nicht bieten lassen, weil sie auch eine berufliche Verantwortung haben.