Missbrauch: Der Staat weigert sich, das dunkle Kapitel aufzuarbeiten

Obwohl die Klasnic-Kommission keine Aufklärung betreibt, weigert sich der Staat, die dunklen Kapitel massenhaften sexuellen Missbrauchs aufzuarbeiten.

Wenn die "Unabhängige Opferschutzanwaltschaft“, besser bekannt als Klasnic-Kommission, Entschuldigungsbriefe an "anerkannte Opfer“ verschickt, klingt der Inhalt eindeutig: "Das Kuratorium und der Vorstand der Stiftung Opferschutz der katholischen Kirche in Österreich bedauern zutiefst, dass Sie zum Opfer von Mitarbeitern der katholischen Kirche geworden sind. Namens der Kirche wollen wir nochmals um Entschuldigung bitten …“

Gemeint ist das freilich nicht ganz so.

Die Klasnic-Kommission kann den Wahrheitsgehalt des Großteils der bislang 1039 bearbeiteten Fälle gar nicht kennen. Sie versucht auch gar nicht erst, ihn in Erfahrung zu bringen. Geredet wird nur mit den Opfern, nie mit den mutmaßlichen Tätern, und wenn die rund 60 im Auftrag der Kommission tätigen Psychologen einen "Leidensdruck“ konstatieren und den Eindruck gewinnen, "dass da was war“, erfolgt die Anerkennung als Opfer. Dann winken ein paar Therapiestunden, ein "finanzielles Symbol“ zwischen 5000 und 50.000 Euro sowie ein Entschuldigungsschreiben. Jahrzehnte nach den behaupteten Übergriffen eindeutige Beweise zu finden ist nicht die Zielsetzung der Kommission. Was die Kommission kann und will, sagt Waltraud Klasnic: "Man kann Menschen eine Erleichterung bringen, die ihr ganzes Leben gelitten haben. Würde geben, indem man zuhört und ernst nimmt.“

Reinhard Haller, Psychiater, Gerichtsgutachter und Mitglied der Klasnic-Kommission: "Es ist ein Problem, wenn man die Kausalität nicht prüfen kann, die Entscheidung der Kommission aber als wahr betrachtet. Doch in der Kirche hat man viel verbrochen und verdrängt, und jetzt will man halt einfach Signale setzen.“

Die Kirche kann das:
nicht objektivierbare Vorwürfe "glauben“ und finanzielle "Signale“ setzen, auch wenn die behaupteten Taten strafrechtlich verjährt sind. Aber kann das auch der Staat? Viele Experten und Beobachter meinen, es gehe nicht an, dass sich nur die Kirche um die Fälle kümmere, obwohl sie genau genommen dafür keine Zuständigkeit habe, sondern im Gegenteil das Täterumfeld repräsentiere.

Der Ruf nach einer staatlichen Kommission zur Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs ist bislang auf taube Ohren gestoßen. Nur Albert Steinhauser, Justizsprecher der Grünen, plant, in der letzten Parlamentssitzung vor der Sommerpause Anfang Juli einen Entschließungsantrag zur Bildung einer derartigen Kommission einzubringen. Einer der Gründe dafür sei, dass die Klasnic-Kommission von vielen Opfern gemieden werde, weil man sie als nicht unabhängig betrachte. Über die Chancen seines Antrags gibt er sich "keinen Illusionen hin“, denn "der Staat hat kein Interesse an den Schicksalen der Opfer“.

Waltraud Klasnic jedenfalls erweckt Vertrauen.
Bei ihr haben sich auch Missbrauchsopfer nichtkatholischer christlicher Gruppen gemeldet, für die sie ebenfalls verhandelt. Die ehemalige steirische "Landesmutter“ ist kirchennah ("Ich liebe diese Männer-Kirche“), sie wurde vom Papst mit dem "Gregorius-Orden für besonderen Eifer in der Verteidigung der katholischen Religion“ ausgezeichnet. Sie besteht dennoch darauf, "unabhängig“ von der Kirche zu agieren, und weist Vorwürfe zurück, das Ziel ihrer Kommission sei, den Opfern in psychologischen Gesprächen die Wut zu nehmen, um den Schaden für die Kirche möglichst gering zu halten. Tatsächlich wird die Arbeit der Klasnic-Kommission auch von Kritikern als positiver Schritt gesehen. Und zumindest manchen Mitgliedern der Kommission, wie dem früheren Jugendgerichtshofpräsidenten Udo Jesionek oder dem Gerichtspsychiater Reinhard Haller, kann eine kirchliche Voreingenommenheit nicht ernsthaft vorgeworfen werden. Außerdem würde selbst für eine staatliche Kommission die Klasnic-Kommission als - weiterzuentwickelndes - Vorbild dienen müssen.

Das sagt auch Albert Steinhauser. Warum sich der Staat bislang um das Thema gedrückt hat, erklärt der grüne Parlamentarier so: "Bisher war der Staat froh, dass der Fokus der Missbrauchsdiskussion auf die Kirche gerichtet war und man selbst im Schatten stand. Man wollte sich auch nicht mit der Kirche anlegen. Als die Kirche dann von sich aus angefangen hat, etwas zu tun, sagte man sich, es passiert eh schon was.“ Es herrsche auch große Angst vor dem Thema, weil es in staatlichen Heimen keineswegs besser zugegangen sei als in kirchlichen. Aber die Klasnic-Kommission betreibe keine Aufklärung, und der Umgang mit den Tätern sei nicht befriedigend. So manche seien trotz erwiesener und eingestandener Übergriffe noch im Amt.

Trotz schwieriger Beweisbarkeit der Taten müsse eine staatliche Kommission "genauer arbeiten“ als die Klasnic-Kommission und bei Verdacht "aktiv ermitteln wie bei nicht verjährten Offizialdelikten“, so Steinhauser. Am Ende gehe es auch um eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung und um Anerkennung für die Opfer.

Reinhard Haller hält eine staatliche Kommission für begrüßenswert, obwohl die Beweisbarkeit der Missbrauchsvorwürfe ein schwer zu überwindendes Problem sei. Selbst die besten Gutachten könnten dabei nicht weiterhelfen, wie der Prozess gegen den Wetter-Moderator Jörg Kachelmann bewiesen habe. Internationale Erfahrungen zeigten, dass 30 Prozent der angezeigten Fälle sexueller Übergriffe nicht der Realität entsprächen, das treffe wohl auch auf die Fälle der Klasnic-Kommission zu. Ein anderes Problem sei die Bemessung von Schmerzensgeld für psychisches Leid. Haller meint, die aufgedeckten Vorfälle innerhalb der Kirche seien "besonders schlimm“, dennoch müsse man darauf verweisen, dass nach ernst zu nehmenden Schätzungen mehr als 99 Prozent aller sexuellen Übergriffe außerhalb der Kirche stattgefunden hätten: "Es ist wohl kaum zu verstehen, warum das Opfer eines Religionslehrers etwas bekommt, das Opfer eines Reitlehrers aber nicht.“

Klasnic-Kommissionsmitglied Udo Jesionek hält zwar eine staatliche Kommission für kaum sinnvoll, weil sie auch nur "Fälle der Staatsanwaltschaft melden“ könne. Und diese könne bei Verjährung nichts unternehmen. Einen Musterprozess, in dem die katholische Kirche als juristische Person für Taten verantwortlich gemacht würde, die mit ihrem Wissen und unter ihrer Deckung begangen wurden, fände Jesionek allerdings "spannend“. Dafür müsse sich nur ein Opfer finden, das sich für ein derartiges, vielleicht aussichtsarmes Verfahren hergebe. Ein Anwalt müsse sich finden, der sich das antue, und schließlich ein "Oberster Gerichtshof, der über seinen Schatten springt“.