Klau, schau, wem!

Kriminalität. Spionage, Diebstahl, Untreue – in Österreichs Unternehmen wird gestohlen und betrogen wie nie zuvor. Der Schaden geht in die Milliarden. Meist sitzen die Täter im eigenen Haus.

Die Dame aus der Weißwarenabteilung war eine ausgezeichnete Verkäuferin: Kühlschränke, Waschmaschinen und Mikrowellenherde gingen bei ihr weg, als wäre das ganze Jahr über Sommerschlussverkauf. War es irgendwie auch – nur dass ihr Arbeitgeber, das Elektrohandelshaus MakroMarkt, von den tollen Umsätzen nicht viel hatte. Die mittlerweile entlassene Abteilungsleiterin agierte auf eigene Rechnung. Über ein Jahr lang schaffte sie es, Waren an der Buchhaltung vorbei an ahnungslose Kunden zu verhökern und das Geld selbst einzustecken. Die Affäre flog nur durch einen Zufall auf.

Noch mehr Kreativität bewies der stellvertretende Leiter der Einkaufsabteilung einer oberösterreichischen Maschinenfabrik. Er erfand eine Firma, die regelmäßig größere Warenmengen anlieferte. Korrespondenz, Stempel, Logo und Bankverbindung – alles einwandfrei erlogen. Die Rechnungen beglich der Prokurist der Einfachheit halber selbst: an sein eigenes Konto. Er stolperte erst nach Monaten über eine von der Geschäftsführung veranlasste Sonderprüfung durch externe Berater.
Lasche Sicherheitsvorkehrungen, mangelnde Kontrollmechanismen und Lücken in der EDV – in Österreichs Unternehmen wird geklaut, betrogen und veruntreut wie nie zuvor. Und zwar auf allen Hierarchieebenen: der Lagerarbeiter, der systematisch Baumaterial abzweigt; die Sekretärin, die ihre Kinder mit Schulbedarf aus der Schreibtischlade versorgt; der Bankfilialleiter, der für hochriskante Privatspekulationen Kundengelder zweckentfremdet; der Vorstandsvorsitzende, der mittels Bilanzmanipulation Investoren, Financiers und Geschäftspartner ausnimmt. So geschehen bei Libro, bei der Bank Burgenland, beim Handydienstleister EMTS, beim Freizeitmöbelhersteller Steiner Industries und nicht zuletzt beim skandalumwitterten Softwarehaus YLine. In allen Fällen waren dem Zusammenbruch mehr oder weniger odiose Praktiken des Managements vorausgegangen.
Die Statistik verheißt nichts Gutes. Laut einer Studie der renommierten Wirtschaftsprüfungskanzlei KPMG wurde in den vergangenen fünf Jahren fast die Hälfte der österreichischen Unternehmen Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen. Bei Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern waren es sogar zwei Drittel. Zu den anfälligsten Branchen zählen laut KPMG die Elektronikindustrie, das Nahrungs- und Genussmittelgewerbe, Energieversorger, Telekommunikationsanbieter, Banken und Versicherungen.
Der Schaden ist beträchtlich. Verlässliche Zahlen liegen zwar keine vor, doch Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl sprach jüngst von bis zu 15 Milliarden Euro jährlich. Martin Goworek, Geschäftsführer des auf Sicherheitsfragen spezialisierten Beratungsunternehmens Ernst & Young Risk Advisory Services, rechnet eher mit 1,2 Milliarden. Besonders alarmierend: Zwei Drittel des Schadens gehen auf das Konto von Tätern aus dem eigenen Haus. „Das Hauptrisiko kommt von innen, nicht von außen“, konstatiert Goworek.

Motiv: Wirtschaftsflaute. Für die große Gier gibt es viele Gründe: Erfolgszwang, Privatschulden, Zukunftsängste – allesamt mitverursacht durch die anhaltende Wirtschaftsflaute. Rudolf Unterköfler, Leiter des Büros für Wirtschafts- und Finanzermittlungen im Bundeskriminalamt: „Der Leistungsdruck steigt, und damit entsteht vermehrt auch das Gefühl, ausgenutzt und zu schlecht bezahlt zu sein. Dadurch glauben viele, sich selbst nehmen zu müssen, was ihnen zusteht.“
„Wenn die Wirtschaft stagniert“, analysiert Gert Weidinger, Leiter der Forensikabteilung der KPMG, „erleiden Führungskräfte, deren Gehalt auch von Prämien abhängt, oft empfindliche finanzielle Einbußen. Dadurch steigt die Bereitschaft, diese Verluste auf illegale Art und Weise auszugleichen.“ Der Fisch beginnt bekanntlich am Kopf zu stinken. Martin Goworek: „Wenn im Spitzenmanagement abgezockt wird, folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die zweite und dritte Reihe diesem Beispiel“ – und greift heimlich zu.
Begünstigt werden die Übergriffe, ein wenig kriminelle Grundenergie vorausgesetzt, oft durch mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen. Zwar halten laut einer Umfrage von KPMG 57 Prozent der österreichischen Unternehmer Wirtschaftskriminalität für ein „ernsthaftes Problem“. 61 Prozent glauben gar, dass sie weiter ansteigen wird. Gleichzeitig schätzen aber nur fünf Prozent die Wahrscheinlichkeit, davon selbst betroffen zu sein, als „hoch“ ein.
Eine möglicherweise fatale Fehleinschätzung. Dieter Herbst, Sprecher des Sicherheitsanbieters Österreichischer Wachdienst (ÖWD): „Die Unternehmen müssen sich der Tatsache bewusst sein, dass es überall sensible Bereiche gibt – ganz egal, ob Maschinenbauer oder Dienstleister.“
MakroMarkt-Eigentümer Branko Mihajlov hat das im Fall seiner umtriebigen Weißwarenverkäuferin leidvoll erfahren müssen: „Wir hatten Schwachstellen bei internen Abläufen. Das hat die Mitarbeiterin für ihre Betrügereien schamlos ausgenützt.“
Bei einem profil namentlich bekannten Wiener MakroMarkt-Mitbewerber benötigte die Geschäftsleitung mehr als ein Jahr, um einer Clique in der Computerabteilung auf die Schliche zu kommen. Der fidele Männerbund hatte sich darauf verlegt, aus Computern neuwertige Komponenten auszubauen und privat zu verscherbeln. Die Originalteile wurden durch gebrauchtes oder auch schadhaftes Material ersetzt. Erst nach gehäuften Kundenreklamationen ließ die Geschäftsleitung die Abteilung durch Video überwachen. Mit Erfolg.

Big Brother. Auch an den vier Wiener Standorten der Spedition Gebrüder Weiss kontrollieren neuerdings Kameras – gleich 160 Stück –Lagerhallen, Laderampen und Frachthöfe. Der Grund: In den vergangenen Monaten sind mehr als einmal Ladungen verschwunden. Palettenweise. Unternehmenssprecher Johannes Angerer: „Das passierte schon in einem spürbaren Ausmaß. Da wir als Spedition mit fremden Waren agieren, war das doppelt unangenehm.“ Seit der Inbetriebnahme des Überwachungssystems sei der Schwund „gleich null“.
Derart drakonische Maßnahmen dürften den Angestellten eines Wiener Neustädter Möbelhauses noch bevorstehen. Nach profil vorliegenden Informationen untersucht die Geschäftsleitung derzeit gröbere Ungereimtheiten im hauseigenen Lager. Eine Gruppe von Mitarbeitern steht im Verdacht, seit Monaten Einrichtungsgegenstände auf eigene Rechnung zu verklopfen – in einem nahe gelegenen Wirtshaus.
Der mit Abstand anfälligste Bereich aber bleibt die EDV. Firewalls, Zugriffsberechtigungen, Datensicherheit hin oder her – gegen Missbrauch ist kaum ein Computernetz gefeit, zumal dann, wenn die Attacken von innen kommen. Da werden ganze Kundendateien heruntergeladen und zur Konkurrenz getragen, hochgeheime Entwicklungspläne via Internet außer Haus geschafft oder – besonders beliebt – Geldströme elektronisch umgeleitet.
Vor allem die Banken werden gehäuft mit den unliebsamen Aspekten des Computerzeitalters konfrontiert. Ein paar Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: Ein Filialleiter der oberösterreichischen Volkskreditbank eröffnete über mehrere Jahre nicht weniger als 100 falsche Kreditkonten und transferierte fünf Millionen Euro zur eigenen Verfügung darauf. Bei der Tiroler Raiffeisen Landesbank zweigte eine Betreuerin ebenfalls fünf Millionen Euro ab, um einem Bekannten „aus der Patsche zu helfen“. Die RLB benötigte mehr als fünf Jahre, um dem Betrug auf die Spur zu kommen. Und in der Bregenzer Filiale der Bank für Tirol und Vorarlberg gingen jüngst drei Millionen Euro flöten: Ein leitender Angestellter hatte mit den Einlagen seiner Klientel private Spekulationen durchgeführt – und alles verspielt.
An die Öffentlichkeit – etwa durch Einschaltung der Behörden – dringt freilich nur ein Bruchteil der Delikte. Die Unternehmen ziehen es immer noch vor, die Affären still und leise aus der Welt zu schaffen, um unangenehme Schlagzeilen zu verhindern. Das wiederum beschert Wirtschaftsprüfern, Berufsdetektiven und Sicherheitsfachleuten einen veritablen Boom. „Neunzig Prozent unserer Aufträge haben mittlerweile wirtschaftskriminelle Hintergründe“, sagt Markus Schwaiger, Chef des Wiener Detektivunternehmens MSI und Sekretär des Österreichischen Detektivverbandes (ÖDV). „Die wenigsten Fälle kommen auch tatsächlich zur Anzeige. Der Rest wird diskret geregelt.“
Auch international etablierte Berater kommen hierzulande immer besser ins Geschäft, unter ihnen KPMG, Ernst & Young oder die vom früheren britischen Elitesoldaten Stuart Poole-Robb gegründete Merchant International Group. Allein Ernst & Young verzeichnet nach eigenen Angaben inzwischen ein bis zwei einschlägige Anfragen pro Woche.
Kriminalität kennt eben keine Grenzen. Nicht nur in der Privatwirtschaft. Ende Juli wurden am Landesgericht Eisenstadt zwei Bedienstete einer burgenländischen Gemeinde zu bedingten Haftstrafen verurteilt. Der Oberamtmann und sein Sekretär hatten sich über vier Jahre hinweg „nicht konsumierten Urlaub“ aus der Gemeindekasse mit immerhin 30.000 Euro bar abgelöst. Blöd nur: Das Beamtendienstrecht sieht keine Entschädigung für verfallenen Urlaub vor.