<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Die mörderische Frage

Pleite in die neuen Zeiten: (k)ein Nachruf auf das "Novelli“.

Man kann der Mittelmeer-Kathedrale "Novelli“ keineswegs den Vorwurf machen, nicht alles zu tun, um in die Schlagzeilen zu geraten; zumindest in jenen Zirkeln, denen Gedeih und Verderb des prominenten Wiener Restaurants wichtiger sind als ein umgefallener Sack Vialone-Reis in der Po-Ebene. Was war da nicht schon alles? Das ewige Duell mit dem Laufsteg "fabios“; dann die anfangs noch stotternde, später aber fulminante Performance des jungen Konstantin Fillipou, der wenigstens in den Augen der Kritiker die "fabios“-Küche mit links wegputzte und in denen der Betreiber das große Michelinsternleuchten entfachte (immerhin holte Fillipou auch einen dieser internationalen Küchenorden ins Haus); und vergangenes Jahr im Herbst: der ziemlich rasche Abgang des Küchenchefs, der es bezeichnenderweise in jeden kulinarischen Jahresrückblick schaffte. Letzteres Ereignis, so stellte sich nun heraus, könnte auch in Zusammenhang mit der jüngsten "Novelli“-Schlagzeile stehen: Das Haus ist, salopp gesagt, pleite. Die Betreiberfirma HCF-Gastronomie GmbH brachte einen Insolvenzantrag ein; es fehlt, rechnet man Aktiva und Passiva auf, eine knappe Million Euro. Miteigentümer Franz Haslauer führt diesen Schuldenstand auf die Wirtschaftskrise zurück, die das "Novelli“ unter Beibehaltung des hohen und somit auch kostenintensiven Niveaus aussitzen wollte - offenbar zu lange.

Ich könnte aber auch andere Gründe ins Treffen führen. Das "Novelli“ traf einfach den Geist dessen nicht mehr, was in Frankreich neuerdings als "Fooding“ bezeichnet wird, womit gemeint ist, dass Essen, Aura und Stimmung mehr denn je in Harmonie koexistieren müssen. Es fiel zunehmend schwer, sich hier wohlzufühlen, weil man nie genau wusste, wo man gelandet war. Im gehobenen Bacaro, wie Barhocker und Käsevitrine im Eingangsbereich suggerieren? In der quirligen Italo-Brasserie, wie das tempelartige Ambiente erwarten lässt? (In so einer Atmosphäre fallen leere Tische besonders unangenehm auf.) Oder im von Chichi dominierten Luxusrestaurant inklusive zu ausführlicher Proseminare der Servicebrigade über die Herkunft diverser Olivenöle? Dass eine bestimmte Klientel sich hier durchaus wohlfühlte und von der Leitung des Hauses auch eilfertig hofiert wurde, mag dem Image des "Novelli“ in letzter Zeit auch nicht gerade förderlich gewesen sein; die Dichte der Stammgäste, die derzeit mit der Unschuldsvermutung konfrontiert sind, war und ist beeindruckend. Aber für ordentliches Wirtschaften ist diese Kaste selbst in Österreich zu klein, und der hedonistische Wutbürger rümpft halt in Anwesenheit von Graf Ali, KHG und dem "Of course“-Lobbyisten neuerdings schnell die Nase.

Jedenfalls will das Restaurant weitermachen - mit einer angeblich bereits vereinfachten und preislich reduzierten Mittelmeerküche.

Ein Abend kurz nach Weihnachten. Dass in diesen Tagen nicht viel los ist, muss nicht verwundern. Auch drüben im "fabios“ könnten sie jetzt einen Kellner abstellen, um draußen auf der Tuchlauben mit der Speisekarte in der Hand Gäste hineinzulocken für die vielen noch freien Tische. Im spärlich gebuchten "Novelli“ singt Umberto Tozzi viel zu laut "Buona Domenica“. Die Küchenlinie schlängelt zwischen mediterranen Standards wie einem recht deftigen Kalbscarpaccio und filigran angerichteten Überbleibseln der ambitionierten Fillipou-Küche (kleinen Entenleberzylindern oder - das Beste des Abends - in Olivenöl pochiertem Kaninchenrücken mit verschiedenen Erbsentexturen und geräuchertem Rettich). Die Calamaretti-Vorspeise zu 22 Euro allerdings legt den Verdacht nahe, dass neuerdings auch beim Frittieröl gespart werden muss (das gilt im Übrigen auch für ein sagenhaft fetttriefendes Petersilbrot zu einer Art Buzara aus Shrimps und Muscheln). Trotzdem: Ein Abend zu zweit schlägt auch auf herabgestuftem Preisniveau und bei bedachtsamer Weinwahl schnell mit 200 Euro zu Buche (natürlich inklusive Gedeck à 4,50 Euro pro Person). Ob das zum wirtschaftlichen Überleben reicht, wird für das "Novelli“ die mörderische Frage des Jahres 2012.

klaus.kamolz@profil.at