<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Die Urstrumpftant‘ im Rotlicht

"Plachuttas Gasthaus zur Oper“: effizient, gut geheizt und seelenlos.

Ich bin mit ihnen aufgewachsen. In den siebziger Jahren kam Vater mit so einem Ding nach Hause, bohrte und schraubte eine Weile im Badezimmer, und dann durfte ich mich auf die Zehenspitzen stellen und am Schnürchen ziehen. Sekunden später wurde der erste Heizstrahler meines Lebens feuerrot; fortan hatte ich beim Zähneputzen kalte Füße und einen glühenden Kopf. Seit Jahren gehören Heizstrahler auch zum Inventar jeder italienischen Bar, wo sich dann alle draußen unter den Leuchtpilzen Ende November schnell eine Muratti reinziehen. Und von der Brüsseler Rue des Bouchers, einer der weltgrößten Ballungen von Touristenfallen, rede ich erst gar nicht: Hunderte Heizstrahler, man kann die Moules dort roh servieren, und sie garen unter den Markisen.

Jetzt ist auch die Wiener Gastronomie in neue Dimensionen der Heizbestrahlung vorgedrungen. In "Plachuttas Gasthaus zur Oper“, dem jüngsten, ähem, Hotspot der Stadt, ist der Schanigarten von den vielen Wärmequellen in jenes Rotlicht getaucht, das jeder kennt, der damals nebenan das "Moulin Rouge“ frequentierte, als es noch so ein richtiges "Moulin Rouge“ war. An den Nebentischen dieses brandneuen Offizierskasinos der Nobelbezirksregimenter erröten die Urstrumpftanten ohne verbal unanständiges Zutun ihrer Erbneffen, Japanerinnen fächeln sich gut geheizte Wiener Luft ins Gesicht, aber ab dort, wo man auch von Armin Wolf in der "ZiB 2“ nichts mehr sieht, kriecht schon hungrig die Kälte auf der Suche nach den letzten warmen Füßen. Eines ist allen Gästen gemeinsam: der Teint eines Briten nach dem ersten Urlaubstag an der Costa Blanca.

Mir fällt am Anfang nicht auf, wie rot auch mein Essen strahlt, denn es ist ein Beef Tatar, allerdings ein seltsames unter einer Schicht aus weißem, unter Heizstrahlerlicht besehen jedoch eher rosafarbenem Frischkäse, der laut Karte mit Chili abgeschmeckt sein soll. Nur will man es hier offenbar auch jenen recht machen, die schon beim Anblick einer Schote selbst zum Heizstrahler werden. Gefälligkeit ist generell das Motto der Küche. Vieles findet sich nur in Andeutungen, weil niemand verschreckt werden soll: der Majoran im etwas kleisterhaften Majoransaft zur gerösteten Kalbsleber oder die Kapern in der Sauce zu der schon vor geraumer Zeit schick schräg halbierten Rindsroulade. Manches hätte hingegen lieber Andeutung oder noch weniger bleiben sollen - etwa das betagte Fett, mit dem sich die Croûtons über dem Frischkäse über dem Tatar vollgesogen haben. Zur Ehrenrettung muss man jetzt aber auch sagen: Rindsuppe, die Plachutta’sche Kernkompetenz seit jeher, und Wiener Schnitzel können sie hier durchaus.

Dennoch, ich spüre kein Wirtshaus-Feeling, ich spüre nur Konfektion, Rationalität und Effizienz. Und was bei Erfüllung dieser kühl ökonomischen Tugenden herauskommen kann, wirkt eher unprofessionell, unpersönlich und seelenlos. Wie in einem chaotischen Studentenbeisl steht, während ich noch Tatar und Frischkäse trenne, der Kellner mit der Rindsroulade neben mir. "Na, dann werma’s noch ein bisserl warm stellen“, sagt er als Antwort auf meinen befremdeten Blick und verschwindet mit dem Teller. Ach, hätte er die Roulade einfach auf den Tisch gestellt. Wärmer als hier, in diesem gut geheizten Schanigarten, ist es drinnen unter dem Salamander sicher auch nicht.

Plachuttas Gasthaus zur Oper

Walfischgasse 5-7, 1010 Wien
Tel.: 01/512 22 51
Täglich geöffnet
www.plachutta.at
Hauptgerichte: 8,90 bis 21,80 Euro

klaus.kamolz@profil.at