<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Im Zeichen des Drachenkopfs

Wiener Restaurant-Urgesteine (I): der Fisch-Pionier „Bodulo“.

Mit vielen Jugo-Lokalen ist es in den vergangenen Jahren abwärtsgegangen. Ajvar, Cevapcici und die anderen dalmatinischen, bosnischen, serbischen (Allerwelts-)Gerichte mit Pommes frites sind der Generation der schicken Feinschmecker fad geworden … Halt, Stopp, Moment! Was für eine Schlamperei hier, wir lesen die beiden Sätze noch einmal, und zwar zwischen Gänsefüßchen. Sie stammen nämlich aus dem österreichischen Kleinformat des Jahres 1994, in dem der Herr „Feinspitz“ einen kulinarischen Paradigmenwechsel bejubelte – jenen nämlich, der das Restaurant „Bodulo“ weit draußen in Wien-Hernals Jahre zuvor zum ersten satisfaktionsfähigen Fischrestaurant der Hauptstadt gemacht hatte.

Ich bin damals auch hingepilgert; man hatte gehört, dass dort so unfassbar exotisches Zeug wie Wolfsbarsch und Goldbrasse, Petersfisch und Drachenkopf gegrillt würden, und zuvor könne man sogar einen Oktopus-Salat essen. Die Bestattung von derlei Köstlichkeiten, daran kann ich mich auch erinnern, unter einer öligen, mit Knoblauch und Petersilie versetzten Flüssigkeit wurde allerdings ohne Nachfrage, ob’s genehm sei, vorgenommen. Aber zum Glück war das dann auch nicht mehr lange so.
Das „Bodulo“ gibt es, darüber sind sich die Quellen nicht exakt einig, seit 1980 oder 1981. Es ist gastronomisches Urgestein in der Stadt, keine Frage, und deshalb zahlt es sich wohl auch aus, wieder einmal nachzusehen, ob der Ruf eher Geschichte oder noch intakt ist.

Die Hernalser Hauptstraße wirkt in der Dunkelheit der Nacht, zumal einer winterlichen, wie ein evakuierter Boulevard. Um 19.30 Uhr sollte man seinen Parkplatz gefunden haben, scheinen die Anrainer zu wissen. Ab und zu rumpelt die 43er-Straßenbahn vorbei. Das „Bodulo“ ist mittlerweile leicht zu finden: Die auffällige Leuchtreklame gab es früher nicht. Nun, die neue Besitzerin, Tamara Jurasic aus Istrien, eine studierte Tourismusfachfrau, hat vor zehn Jahren einiges geändert – Fischernetze und Plastikmeeresfrüchte abmontiert zum Beispiel. Die Karte aber, die ist weitgehend so wie noch vor 15 Jahren: Oktopus-Salat, Sarde in saor, Matrosenteller und eben die große Meeres-Oper mit den im Ganzen zubereiteten Fischen. Ich möchte nicht falsch verstanden werden und dem „Bodulo“ um jeden Preis neue Überlegungen ans Herz legen, aber die Konkurrenz ist, auch was die Palette der Gerichte betrifft, schon reichlich groß geworden: „Umar“, „Kornat“, „Lubin“, „Aurelius“, „Cortese“, „Süd Länder“ … i mnogi drugi auf Kroatisch, oder wie wir hier bei uns sagen: you name it.

Und dann habe ich noch ein kleines anderes Problem mit der lebenden Legende. Denn diese stimmungsaufhellende Atmosphäre aus Lebensfreude und Ambiente bringen von den gerade Genannten einige viel schöner auf den Punkt. Im „Bodulo“ bekomme ich meinen zweifelsfrei wunderbar frischen und behutsam zubereiteten Drachenkopf in einer Einrichtung serviert, die mich an die unverlangten Broschüren der Möbeldiskonter an meiner Türklinke erinnert.

Was viele andere dem Pionier allerdings erst einmal nachhüpfen sollen, ist die gar nicht so große, aber feine Auswahl an Weinen, auch glasweise: Den GV Schütt vom Knoll oder Tements Morillon Zieregg um deutlich weniger als zehn Euro herzugeben ist ziemlich sympathisch.

Bodulo
Hernalser Hauptstraße 204, 1170 Wien
Tel.: 01/486 43 11
Montag geschlossen
Hauptgerichte: 12,10 bis 38,75 Euro
www.bodulo.at

klaus.kamolz@profil.at