<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Kreide trinken

Wein und Terroir (I) - eine Spurensuche im Steinbruch.

Im Kreidesteinbruch Müllendorf bei Eisenstadt hat die widerspenstige Borstigkeit der Disteln ihren spätsommerlichen Höhepunkt erreicht; an einer Geländekante trotzt ein Büschel Cosmea-Blumen in Rosa und Purpur der vermeintlichen Unfruchtbarkeit des Bodens. Mittendrin steht ein schlanker, groß gewachsener Mann in knallroter Hose; er wirkt, als sei ihm sehr wohl bewusst, dass die Farbe Rot in diesem weißen kargen Land am besten zur Geltung kommt. Stuart Pigott gehört zu den Stars in der internationalen Weinkritikerszene. Kaum jemand erklärt Wein so originell, witzig und gescheit wie der Brite. "Wein spricht deutsch“ heißt eines seiner Bücher, in dem viel von Österreich die Rede ist. Pigott kennt heimische Lagen, Böden und das, was sie hervorbringen, ungleich besser als so mancher Weinversteher. Er ist Gast bei einem ungewöhnlichen Symposium im Burgenland. Es geht vordergründig um Kreide, in Wahrheit aber um all die Begriffe, die dem trinkenden Publikum derzeit um die Ohren fliegen. Es geht also um Terroir, um Mineralität, um Spontanvergärung - das gesamte Vokabular, das gegenwärtig in ein Gespräch über Wein eingestreut werden sollte, will man verständig wirken.

Die Künstlergruppe AO& hat die Veranstaltung gemeinsam mit dem international renommierten Winzer Roland Velich und dem Journalisten Christian Seiler choreografiert: essen, trinken, reden. Terroir? Was ist das überhaupt? Roland Velich zum Beispiel mag den Begriff nicht mehr hören; er kriegt dabei ein Gesicht, als hätte man ihm ein Glas Retsina in eine Blindverkostung himmlischer Burgunder geschmuggelt. Das Wort sei zum Marketinggag verkommen, findet er: "Es ist ein Lippenbekenntnis, das oft zu Unrecht auf Etiketten gedruckt wird.“ Dennoch blickt er fasziniert auf das Steinbruch-Terroir, pardon: in die weiße Gegend. Hier müsste man die abgebauten Areale renaturieren und Wein anpflanzen. "Kreide“, sagt er, "ist ein spannender Boden für Wein, aber das hat sich hier noch nicht durchgesetzt.“

"Ich bin ein Kind der Kreide“, sagt Pigott. Schon als Kind übergab er sich, von Schwindelneigung nicht verschont, an den Kreideklippen von Dover. Und seit der Schule weiß er auch, dass Albion, ein alter Name für England, weißes Land bedeutet. Warum er das sagt? Weil die kreidigen britischen Böden als so genanntes Champagner-Terroir immer beliebter werden - französische Champagnerhäuser erwerben neuerdings gerne Insellagen, auch weil es in der Champagne wegen des Klimawandels vielleicht bald zu heiß und trocken wird. Vor allem aber, glaubt Pigott, ist Frankreich hellhörig geworden, weil britische Schaumweine nach der Champagner-Methode sich bei Blindverkostungen aus französischer Sicht bedenklich gut gegen die Originale durchsetzen konnten. "Aber hallo“, fragt Pigott in seinem formidablen Deutsch, "strengt man sich ein ganzes Leben an, bloß um eine Sache zu kopieren?“ Die Antwort glänzt blassgelb in seinem Glas: Breaky Bottom 2006 vom Winzer Peter Hall aus Sussex. Terroir ist demnach mehr als Boden. Terroir ist auch, was jemand daraus macht. Hall hat eine eigenständige Variante kreidegeprägter Schaumweine erschaffen. Wie das geht? Darüber kann und soll geredet werden.

Nächste Woche: Wie sehr kann Terroir einen Wein beeinflussen?

klaus.kamolz@profil.at