<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Küche & Keller 2011

Tops und Flops des kulinarischen Jahres.

Restauranterlebnis des Jahres

Scampi, Muscheln und Branzino - all das gibt es in der boomenden istrischen Gastronomie reichlich, in erfreulicher Qualität und überall. Danilo Skoko geht in seinem winzigen Restaurant "Batelina“ (Cimulje 25, 52100 Pula, Tel.: 00385/52/57 37 67) andere Wege und pfeift auf den adriatischen Kanon: Es war für den Autor das Abendessen des Jahres - mit Mousse von der Seeteufelleber, confiertem Bonito, roh marinierten Meerbarben, Zahnbrassen-Ceviche, Seezunge mit Sesam und Brennnesseln und noch einem Dutzend weiterer origineller Trouvaillen aus dem Tagesfang von Skokos Vater, dem Fischer.

Weingegend des Jahres

Ein Verkostungsabend, neulich im Schützener Weingut Prieler: mit einem fantastisch mineralischen Pinot blanc und einem hocheleganten Blaufränkisch, gelabelt als Leithaberg DAC. Vater Engelbert und Tochter Silvia Prieler gehören lange schon zu den renommiertesten Betrieben entlang der pannonischen Hügelkette. Als aber heuer im Frühjahr beim profil-DAC-Test erstmals die Leithaberg-Weine eingeschenkt wurden, gewann kein Starwinzer. Was bedeutet: Die Spitze der zweifellos qualitätvollsten DAC-Region wird immer breiter, und damit auch die Auswahl an zeitgemäßen, regionstypischen und feingliedrigen Weinen.

Affäre des Jahres

Man könnte die Sache so erzählen: Im November waren die Sterneköche Björn Frantzén und Daniel Lindeberg aus Stockholm im Salzburger Restaurant "Ikarus“ Gastköche. Gekocht haben sie so wie Walter Eselböck im "Taubenkobel“ schon zu Beginn des Jahres. Man kann aber auch sagen: Eselböck war lange vorher in Stockholm zu Gast und verliebte sich so in das einzigartige schwedische Konzept, dass er es in manchen Details unverändert und ohne Quellenangabe übernahm. Herausgekommen ist jedenfalls ein viel diskutiertes Gastro-Skandälchen, das noch dazu zeitlich an die deutsche Guttenberg-Affäre anschloss. Und aus der Diskussion über die Plagiate sickerte letztlich die Erkenntnis, dass auch in der internationalen Spitzengastronomie die Küche nur noch von ganz wenigen (Adrià, Redzepi) neu erfunden wird.

Raucherrefugium des Jahres

Wer’s unbedingt braucht, hier kriegt man’s noch: italienische Küche (toskanisch und zeitgemäß gemüselastig) und Nikotin. In Alberto Stefanellis Wiener Vinothek "Bacco“ ( www.bacco.at) gelten, weil das Lokal auch als Zigarrenclub geführt wird, andere Rauchergesetze; praktisch "vietato di non fumare“. Das Essen aber ist köstlich, die Weinauswahl opulent - und wer hingeht, weiß zumindest, auf was er sich einlässt.

Behinderte Aussicht des Jahres

Ein Cocktail hoch über den Dächern von Wien. Davon hat heuer nicht nur der Autor dieser Zeilen geträumt. Nein, auch der Sternekoch aus Wien, der seinen Starkochfreund aus Tirol auf einen atemberaubenden Blick einladen wollte; oder der Ex-Werbeguru, der mit internationalen Gästen kommen wollte. Aber an der Lifttür auf dem Weg in den 18. Stock des "Le Loft“ im Sofitel Vienna Stephansdom ist reichlich oft Schluss. Doormen von der Statur der Klitschko-Brüder und der Freundlichkeit der Leibwache des aserbaidschanischen Staatschefs betreiben ungehindert eine, gelinde gesagt, eigenwillige Einlasspolitik für Gäste, die bloß einen Drink nehmen möchten und keine Tischreservierung haben. Immerhin, Unterschiede zwischen Nobodys und Halbpromis machen sie nicht.

Weinbar des Jahres

Seit fünf Jahren gibt es das kleine Lokal in Wien nun; heuer im Herbst wurde mit einer Magnum-Party Geburtstag gefeiert. Aber mit was für Magnums. Hier gibt es ein Portfolio, auch an älteren Jahrgängen, das manches önophile Spitzenrestaurant vor Neid erblassen lassen müsste. Deshalb diesmal als beste Weinbar 2011 vor den Vorhang: Robert Brandhofers "Pub Klemo“ ( www.pubklemo.at).

Abgang des Jahres

Über Jahre hinweg lieferten sich die beiden Nobelitaliener "Novelli“ und "fabios“ ein bloß hinter vorgehaltener Hand zugegebenes Match um die mediterrane Küchenhegemonie. Und bis Konstantin Filippou im "Novelli“ den Job des Küchenchefs in den Griff bekam, lag Fabio Giacobellos Laufsteg auch kulinarisch vorne. Dann aber startete der gebürtige Grieche durch: drei Hauben, ein Michelin-Stern - und weitere ehrgeizige Ankündigungen. Im Spätsommer ging Filippou ziemlich plötzlich; warum, darüber wird geschwiegen. Im "Novelli“ wurde ein Downgrading der Küchenlinie mit moderateren Preisen angekündigt. Das Match am Herd ist deshalb aber noch lange nicht zugunsten von "fabios“ entschieden: Dort ging nämlich heuer die zweite Gault-Millau-Haube verloren.

Comeback des Jahres

War da noch Platz neben dem "Steirereck“, ganz oben an der Spitze der Wiener Gastronomie? Nun ja, einige haben große Dinge angekündigt, wie etwa die Shangri-La-Kette, die mit Ex-Meinl-Koch Joachim Gradwohl durchstarten wollte und dann das große Essen kurzfristig absagte. Das "Palais Coburg“ hat Wort gehalten und Wien den aus Deutschland stammenden Ausnahmekoch Silvio Nickol beschert: ganz große Küche, anfangs noch ein wenig verkrampft perfektionistisch (vor allem, was die Gestaltung der Gerichte betraf), nunmehr originell, mutig und auch geschmacklich verblüffend.

klaus.kamolz@profil.at