<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Orpheus & Euro

Wohin beim großen Fußball-EM-Finale mit Griechenland?

Zu den denkwürdigsten Fußballabenden, die ich je erlebt habe, gehört der 20. Juni 2008. Ich habe ihn auf dem Wiener Brunnenmarkt im türkischen Restaurant "Kent“ verbracht, als die Türken sich im Viertelfinale gegen Kroatien zurück in die Partie bombten und im Elferschießen den Einzug ins Semifinale besiegelten. Mein Teller mit Köfte Özel (nicht Özil) war längst kalt geworden, die Kellner standen auf der Theke und versprühten, was ihnen ihre Religion eigentlich nicht zu genießen erlaubt, nämlich Champagner, und die Heimfahrt über den Gürtel dauerte gefühlte drei Stunden, weil ganz Ottakring mit Migrationshintergrund die Fahnen herausgeholt hatte und damit auf den Dächern hupender Autos im Stau jubelte. Das war schön, zumal man damals beim Fußballschauen auch die Hintergrundstrahlung der Diskussion darüber spürte, ob die Türkei EU-tauglich sei oder nicht.

Die Mannschaft, der heuer die Aufgabe zukommt, vor dem Hintergrund politischer Debatten das Wunder der Fußball-EM zu vollbringen, ist eindeutig Griechenland. Aber weil sie im profil für meine Kolumne partout nicht den Erscheinungstermin verschieben wollen, muss ich mich in einer besonders fragilen journalistischen Disziplin versuchen: dem Bericht vor dem Ereignis, und damit meine ich nicht so etwas wie eine Konzertkritik über den angeblich großartigen Wiener Auftritt von George Michael, den der leider gar nicht absolvieren konnte, weil er kurz vor dem musikalischen Anpfiff ins AKH eingeliefert werden musste.

Also muss man das Viertelfinale vom vergangenen Freitag, die bereits kreißsaalreif bedeutungsschwangere Partie Deutschland gegen Griechenland, eben vorproduzieren. Eine kurze Befragung der Götter, die unter drei nicht übel beleumundeten Wiener Griechen, den Tavernen "Irodion“ und "Lefteris“ sowie dem Traditionshellenen "Orpheus“ in der City, wählen durften, ergab als Location: "Orpheus“. Dort haben sie auch einen durchaus tauglichen Fernseher über der Bar hängen.

Die Stimmung ist, ein paar Tage vor dem Viertelfinalsieg der Griechen über Deutschland (einer Neuauflage der legendären Monty-Python‘s-Partie, bei der die griechischen Philosophen die deutschen 1:0 besiegten) noch weit entspannter als die Märkte nach der griechischen Regierungsbildung. Der Kellner im "Orpheus“ hat aus der gleichnamigen Sage seiner Heimat gelernt und wagt lange keinen Blick zu unserem Tisch; vielleicht aus Angst, wir könnten dann vor dem Bestellen wieder verschwinden wie weiland Orpheus’ Gattin Eurydike. Dann tut er’s doch, und schau, wir sind eh noch da.

Was dann auf den Tisch kommt, kann man ruhig kalt werden lassen und sich stattdessen auf die Glanzleistung der Elliniki konzentrieren: Das Thunfischtatar ist eine graue Angelegenheit, Estragon und Zucchinicreme gehen ziemlich unter; der klassische Salat Choriatiki, ein Scheiterhaufen aus Zwiebelringen, Salatblättern und mit reichlich Trockenoregano panierten Feta-Ecken, enthält immerhin ein paar recht knusprige Sprotten; die Scampi aus der Saganaki-Pfanne sind heillos zerkocht, das Perlhuhn trocken wie der letzte verwandelte Elfer der Griechen und die Calamari so schön gummig, wie es sich in mediterranen Touristenfallen gehört (das Knoblauch-Erdäpfel-Püree Skordalia dazu ist allerdings gut). Tröstlich ist die Weinkarte: Sie spiegelt mit ein paar Etiketten die erfreulichen Entwicklungen in Hellas; schade, dass die Alpha Cuvée 2007 (Rebsorten: Syrah, Merlot, Xinomavro) mit Umgebungstemperatur von etwa 28 Grad serviert wird.

Dennoch: Die Stimmung beim Finale wird mit Sicherheit großartig, wenn Griechenland und Spanien unter dem Rettungsschirm der Euro 2012 gegeneinander antreten. Aber dass das tatsächlich so sein wird, weiß ich bloß aus Delphi.

Restaurant Orpheus
Spiegelgasse 10, 1010 Wien
Tel.: 01/512 38 88
www.restaurant-orpheus.at
Hauptgerichte: 9,60 bis 24 Euro

klaus.kamolz@profil.at