<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Supp-radyn forte®

Muss Arznei wirklich bitter schmecken? Hühnersuppe muss nicht.

Machen wir uns nichts vor: Es ist zu warm für diese Jahreszeit, es ist einigermaßen feucht; wir schwitzen in den Daunenjacken und Wintermänteln und fallen um wie die Fliegen - ins Bett. Seltsamerweise aber sind die Warnungen vor der Grippewelle Jahrgang 2012 und die pharmaindustriell gesteuerten und alljährlich wiederkehrenden Aufforderungen, sich doch endlich impfen zu lassen, bisher spärlich geblieben. Ich will an dieser Stelle keine Impfratschläge erteilen, sonst fallen die einschlägigen Institute womöglich über mich her, wie die Viren es eigentlich bereits tun sollten. Ich will nur dezent auf ein Medikament hinweisen, das seit Jahrzehnten als "jüdisches Penicillin“ bezeichnet wird und bisher sämtliche Angriffe gegen die esoterisch angehauchte Naturheilkunde schadlos überstanden hat: die Hühnersuppe. Gerade in diesen Tagen könnte man der Essenz aus gründlich ausgekochtem Gallus gallus domesticus ja wieder unterstellen, ihre klinische Wirkung erwerbe sie durch spezielle Fütterung; die Aufregung über prophylaktische Antibiotikaverabreichung im Hühnerstall schwappt gerade von Deutschland nach Österreich. Die heilende Wirkung des Huhns wird allerdings schon viel länger kolportiert; die ersten Berichte stammen aus der Antike und fassten ab dem Mittelalter vor allem in der jüdischen Tradition nachhaltig Fuß (daher auch das Synonym).

Federführend wurde in den vergangenen Jahren in den USA geforscht, wo es sogar ein Chicken Soup Institute gibt (man sagt kurz CSI dazu) - und zahlreiche Legenden. Der legendäre Quarterback des American Football, Joe Montana, soll 1979 in einem Spiel das dritte Viertel bei einem ordentlichen Teller Hühnersuppe in der Kabine verbracht und dann, dermaßen gedopt, in der Schlussphase den enormen Rückstand seiner Mannschaft in einen hauchdünnen Sieg verwandelt haben. Zwei Jahrzehnte nach diesem Wunder erschien in "CHEST“, dem US-Fachmagazin für Erkrankungen des Respirationstrakts, Stephen Rennards mittlerweile viel zitierte Studie, laut der Hühnersuppe tatsächlich signifikant die neutrophile Chemotaxis einschränkt. Ziemlich vereinfacht heißt das: Eine entzündungshemmende und abschwellende Wirkung ist nachweisbar. Immerhin gesteht Rennard zu, dass vor allem eine deklariert zu therapeutischen Zwecken verabreichte Suppe auch Placeboeffekte erzeugen kann; außerdem ist sie nahrhaft und rehydriert, was bei geschwollenen Schleimhäuten die Genesung beschleunigt. Wie die Suppe im Detail wirkt, weiß aber auch Rennard bis heute nicht; es dürfte sich um ein Zusammenspiel verschiedener noch nicht identifizierter Substanzen handeln, mutmaßt der Internist und Lungenspezialist.

Meine im Rezept beschriebene Hühnersuppe ist eine Modulsuppe; sowohl prophylaktisch wie therapeutisch einsetzbar. Sie hat, wie auch die Weltreligionen, eine gemeinsame Wurzel. Ab einem gewissen Stadium der Zubereitung geht sie allerdings nicht mehr als jüdische und somit koschere Suppe durch. Dann kommt Milchiges zu Fleischigem. Und aus dem milden Antibiotikum wird eine prophylaktische, leicht gebundene Hauptmahlzeit.

Altwiener Hendleinmachsuppe

Für 4 Personen. 1 glückliches Huhn mit etwa 1,3 kg halbieren und mit kaltem Wasser in einem großen Topf langsam aufkochen. Entstehenden Schaum abschöpfen, dann erst mit 1 Lorbeerblatt, 5 Pimentkörnern, einer 1 cm dicken Scheibe Ingwer, 1/2 TL schwarzen Pfefferkörnern würzen. 1/2 Std. köcheln lassen. Je 4 Karotten und Gelbe Rüben, 1 Stange Staudensellerie, 1/4 Knolle Sellerie, 2 Petersilwurzeln, 1/2 Stange Lauch und 5 Zweige Petersilie mit Stängeln in große Stücke schneiden und zur Suppe geben. Jetzt erst salzen und eine weitere 1/2 Std. köcheln lassen. Huhn aus dem Topf nehmen, enthäuten und das Fleisch von Brust und Keule in mundgerechte Stücke schneiden. Bis hierher ist die Suppe, abgesegnete Zutaten vorausgesetzt, koscher und kann klar weiterverarbeitet werden (was bei bereits geschwächtem Organismus ratsam ist); jetzt kommt aber Milchiges zum Fleisch, und die Sache wird ziemlich nahrhaft. Für die Einmachsuppe 3 EL Butter in einem großen Topf aufschäumen, 3 EL Mehl darin verrühren und die Suppe durch ein feines Sieb angießen. Karotten und Gelbe Rüben in Scheiben schneiden und mit dem Fleisch zur Suppe geben. 250 g Cremechampignons vierteln, in Butter anschwitzen und ebenfalls in die Suppe geben. 1 Schuss Obers dazugießen und noch 5 Minuten köcheln lassen. Fertige Suppe abschmecken und mit gehacktem Schnittlauch bestreuen. Als Alternative zu den üblichen Matzeknödeln serviere ich die trefe (unkoscher) gewordene Suppe gerne mit angebratenen Scheiben von Serviettenknödeln, deren Masse tunlichst mit Muskatnuss gewürzt sein sollte.

klaus.kamolz@profil.at