<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Wein & Loh

Derzeit toast of the town: das „Sinohouse“ und seine Weinkarte.

Also, wenn ich da noch nicht war, sagt der gut bekannte Gourmetjournalist ein paar Tage nach der Eröffnung, dann ist mir wirklich nicht mehr zu helfen, weil dort sind sie jetzt alle, und er hat unlängst beim Betreten des Restaurants irgendwann das Grüßen und Smalltalken an den anderen Tischen einstellen müssen, weil er nämlich sonst selbst nie zum Essen gekommen wäre. Und den Vogel hat überhaupt der Wirt eines renommierten Asia-Res­taurants abgeschossen, weil der schon seit dem Nachmittag dort gesessen ist und spät am Abend noch immer, so als hätte er gar keine Freude mehr, in seiner eigenen Küche zu stehen, aber wer will ihm das verdenken, weil ja eh alle hier sind, also für wen soll er dort schon groß kochen?

In Wien ist derzeit wieder einmal die Karawane weitergezogen, und zwar ins „Sinohouse“ mitten in der City, dorthin, wo zuvor ein alteingesessener 08/15-Chinese einen auf süßsauer gemacht hat, was die Büromenschen aus der Umgebung mittags immer ohne Umschweife gesättigt hat. Zum „Sinohouse“ ist jetzt Folgendes zu sagen: Version 1.0 des Chinarestaurants von Jin und Fong Loh befand sich in Dornbirn, Version 2.0 in der Wiener Währinger Straße unweit der Universität, wo die Lohs zwar schon viel Kritikerlob einheimsten, mit ihrer Unique Selling Proposition auf der Hauptverkehrsroute der existenzimmanent klammen Studierenden aber nicht wirklich reüssierten; diese USP war damals schon eine in der Tat bemerkenswerte Weinkarte und nicht eine dieser oftmals als bemerkenswert titulierten Asia-Restaurant-Weinkarten, bloß weil drei fette Smaragde und vier zitronengraskompatible Zierfandler aus der Thermenregion auf der Karte stehen.

In Wahrheit handelt es sich um ein ziemlich opulentes Weinbuch (inklusive älterer Jahrgänge!), in dem schon die Smaragde eine ganze DIN-A4-Seite einnehmen; und irgendwo weiter hinten kommt dann auch noch eine Kollektion Domaine de la Romanée-Conti. Das Preisspektrum endet somit bei 8800 Euro. Klingt wie eine Kampfansage gegen das benachbarte Palais Coburg.

Das „Sinohouse“, Version 3.0, ist eine Halle, die sich auch in den großen Chinatowns von London oder New York gut machen würde; dort gäb’s zusätzlich noch ein paarmal im Jahr die große Polonaise, bei der eine meterlange Papierschlange mit Menschenbeinen zwischen den Tischen herumwuselt. Abends ist es hier eher zappenduster, was an den winzigen sternförmigen Öffnungen der bombastischen schwarzen Lampenwürfel liegt, die bedrohlich über den Tischen schweben. Die Atmosphäre ist auf eine sehr angenehme Art geschäftig. Nichts wäre in diesem Rahmen schlimmer als die so genannte tote Hose; das leere Lokal sieht aus, als wäre der Innenarchitekt mit dem Budget geflohen.

Und das Essen? Tatsächlich ist die in vier Gängen gereichte Peking-Ente – von der klassischen Selberbastelrolle bis zur Digestifsuppe – ein guter Grund, das „Sinohouse“ aufzusuchen; und die Dim Sums halten mit den kanonisierten Anbietern („Tsing Tao“, „Lucky Buddha“ et al.) ganz gut mit. Der Rest ist, mit Verlaub, nicht mehr als ordentliche Konfektionsware: Kräutergarnelen, gedämpfter Zander, Froschschenkel mit Jungzwiebeln und Ingwer, kurzum: so eine Art Wok-Modul-Küche. Dass der beneidenswerte Sommelier Robert Stark (wer hat schon solche Software?) in diesem brummenden Tempel nicht überall sein kann, hat anfangs übrigens für etwas Verwirrung gesorgt: nämlich weil es schon mal vorkam, dass sich ungeduldige Gäste eine falsche, in der Mitte des Restaurants außerhalb der Reichweite abgestellte Karaffe zu Tisch holten, weil die Gläser halt schon so lang leer waren. Jetzt gibt es Beistelltische. Ein bisschen Mitarbeit wird man bei dieser Weinkarte doch verlangen dürfen.

klaus.kamolz@profil.at