<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Wurzelbrot im Schatten

Was aus Otto Wagners „Schützenhaus“ am Donaukanal wurde.

Mit den Wienern und dem Wasser ist das so eine Sache. Neulich blätterte ich in einem vor Kurzem erschienenen Buch über diesen „unglaublichen Stadtraum“, wie der Architekt Friedrich Achleitner das citynahe Wasserband Donaukanal nannte („Der Donaukanal“, Metroverlag, 2011, 25 Euro), und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Lange vor meiner Zeit lebte Wien schon einmal am Wasser: Fischmärkte und Strombäder prägten das Stadtbild. Dann kamen jene Jahrzehnte, in denen der Kanal etwas war, was man je nach Belieben mit einem perfekten Biotop für Ratten oder einer Mülldeponie unter Wasser assoziieren durfte. Heute kann man in Wien am Wasser wieder alles machen: zum Beispiel gastronomiefreundlich kalkulierte Mojitos servieren, die auch in Kalksburg eine Freigabe kriegen würden. Aber das ist nur eine der Schattenseiten. Als hätte man sich das Baujuwel Otto Wagners, das „Schützenhaus“, als Höhepunkt der Revitalisierung aufgehoben, eröffnete es vor wenigen Wochen als Restaurant. Ich vermute einmal, die Liste der Gastronomen, die daran interessiert waren, die 1908 erbaute, nie in Betrieb gegangene Kaiserbadschleuse unter der Aufsicht von Bundesdenkmalamt und Burghauptmannschaft bewirtschaften zu dürfen, war nicht gerade kurz. Den Zuschlag erhielt Christian Pock, der im Augarten bereits das „Ambrosi“ betreibt. Ich bezweifle nach dem Besuch des „Schützenhauses“, dass rein ästhetische, konzeptuelle oder kulinarische Motive ausschlaggebend für die Vergabe waren; Letzteres geht das Denkmalamt wahrscheinlich sowieso nichts an. All jene, die dort gerne gut und klassisch essen würden, aber schon. Das Konzept Wiener Küche („Schmankerln“ heißt das hier) in einem Otto-Wagner-Bau hat durchaus was, aber da war dieser Herr am Nebentisch des Gartens direkt am Ufer, der unbewusst aussprach, was hier das Problem ist. Er bat den Kellner im döblingerischsten Döblingerisch, den wegen der Pflastersteine wackelnden Tisch doch „ins Niveau“ zu bringen.
Das hätte ich mir auch für andere Belange gewünscht: etwa das lieblos ausgesuchte Konfektionsmobiliar, die karge Weinauswahl von elaborierter Irrelevanz, die dazu führt, dass offenbar nicht allzu viel ausgeschenkt wird, sonst würde es nicht oxidativ und überaltert aus dem Glas riechen. Und die Küche. Es gibt Wurzelbrot bis zum Abwinken: Wurzelbrotcroutons in der etwas fetten Fischsuppe, Wurzelbrot zum Wildkräuteraufstrich in den Aluschüsselchen von Ikea (ach, armer Otto …), Wurzelbrot als staubtrockenen Serviettenknödel zum Eierschwammerlgulasch, in dem Pilze der C-Kategorie in einer Art Würstelsaft dümpeln – und Wurzelbrot als Serviettenknödel, oha, zum gleichen Gulasch, das über ein graues (medium rare bestelltes) Beiried gekippt wurde, was hier Eierschwammerlrostbraten heißt. Einziger Lichtblick: ein Welsfilet mit einem kleinen Stück Gänseleber und Kerbelpüree.

Um halb zehn Uhr abends ist das „Schützenhaus“ leer, während rundherum der Spaß erst richtig losgeht. Nein, nicht ganz. Da kommen noch welche, wollen was essen, kriegen die Speisekarte und knipsen die Taschenlampen-Apps ihrer iPhones an, um die Speisekarte zu lesen. Wie gesagt, das neue Leben am Donaukanal hat auch Schattenseiten.

klaus.kamolz@profil.at