<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Zur Herknerin: In der Thermen-Region

Das Bobo-Museum der Stefanie Herkner.

Der Name war schon Programm, als der große Wiener Beisl-Boom noch, kalt zugestellt, in Abrahams Burenwurstkessel schwamm. Ich schnappe mir einen uralten "Gault Millau“, den aus 1993, und lese von einer Suppe "mit einem herrlich flaumigen Grießnockerl wie von der sprichwörtlichen Oma“. Ich lese von Tafelspitz, Beuschel, Karpfen mit Mayonnaisesalat. Ja, bei Heinz Herkner in der Dornbacher Straße, draußen in Hernals, gab es das alles in damals selten dargebotener Qualität.

In der Küche - ich hab’ leider nie reingesehen - saß damals ein kleines Mädchen, wie das große Mädchen mittlerweile anekdotisch den antizipativen kleinen Medienhype befeuert, und musste aufpassen, dass es dem gut ausgelasteten Personal nicht im Weg stand. Jetzt hat die Tochter dieses mittlerweile von anderen Betreibern immer noch gut geführten Hauses selbst den Weg in die Gastronomie gefunden. Stefanie Herkner, zuvor im Kulturmanagement tätig, eröffnete auf der Wiedner Hauptstraße ihr Gasthaus "Zur Herknerin“, ein mit akribischer Liebe zum Detail und feinem Marketinggespür für das durchboboisierte Grätzel gestaltetes Etablissement. Dass hier einmal ein Installateurbetrieb residierte (ja, diese Herrscher über unseren wasserrohrbruchbedrohten Alltag residieren), soll auch künftig durch das in gewaltigen Buchstaben geschriebene Firmenschild "Installationen“ sichtbar bleiben; und ein gutes ökonomisches Omen ist das allemal, auch wenn Stefanie Herkner für die Strecke von der Küche zu den Tischen keine Wegzeit berechnet.

Sich selbst stilisiert die Herknerin auf der Speisekarte als dralle Wirtin, die zwei dampfende Knödel vor sich herträgt. Mit der bezopften jungen Dame, die im Service mitarbeitet, wirken die beiden ein bissl wie die Background Vocals des frühen Hubert von Goisern. Drinnen, im zweiten zu demonstrativer Schlichtheit und Nichtperfektion hergerichteten Speisesaal mit einer Thonet-Garderobe, an der hübsch drapiert bunte Küchenschürzen hängen, bleibt der Blick unweigerlich an der dominanten Therme hängen (ja, ja, wir sind bei einem Installateur zu Gast), an aluverkleideten Rohren und frei liegenden Armaturen. Ich sagte es schon: Es gibt in Wien jetzt ein Beisl wie aus dem Katalog für Bobo-Hangouts.

Wenn das Zielpublikum sich allerdings dort künftig wie zu Hause fühlt, möchte ich nicht in seiner Haut stecken - zumindest, wenn’s ums Essen geht. Ins Wirtshaus gehe ich nämlich immer noch, um vernünftig zu essen. Und hier kriege ich zwei Suppen, zwei Vorspeisen (einen doch recht dick geschnittenen kalten Tafelspitz mit Zwiebeln und Kernöl; die andere wäre eine recht ähnliche Sulz gewesen) und drei leicht vorzubereitende warm gehaltene Hauptgerichte: Krautfleckerln, Lasagne und das von mir gewählte Sarma. Leider besteht es vorwiegend aus Kraut und kaum Reisfleischfülle. Die Auswahl der glasweisen Weißen beschränkt sich auf einen Grünen Veltliner aus dem Weinviertel; ach ja, und das Murauer Bier ist sehr fein gezapft.

Mir fällt an dieser Stelle ein vor längerer Zeit hier beschriebener Naschmarktbesuch ein, bei dem ein relativ neues Fischlokal im Mittelpunkt stehen hätte sollen, und ich dann doch lieber wieder bei "Umar“ gelandet bin. Jetzt gehe ich erneut vor der Zeit, zwei Minuten ums Eck ins "Gasthaus Wolf“ ( www.gasthauswolf.at), wo ich einer feinen Weinauswahl zuspreche und mich an einer estragonparfümierten Sulz mit mariniertem Kohlrabi und dem mit Abstand besten gebackenen Hirn der Stadt erfreue.

"Ach, wie lieben wir diese Beisln mit der blankpolierten Schank, dem geölten Parkettboden und der liebevoll arrangierten Unordnung.“ Das steht auch in einem alten "Gault Millau“ (1996) über den Dornbacher Herkner; das gilt heute noch für den Wolf. Auf der Wiedner Hauptstraße erinnert nur eine alte gerahmte, mit Schilling-Preisen versehene Speisekarte an die alten Herkner-Tage. Tja.

Zur Herknerin
Wiedner Hauptstraße 36, 1040 Wien
Tel.: 0699/150 23 622
Sa, So, Mo geschlossen
www.zurherknerin.at

klaus.kamolz@profil.at