Kleine Kriege

Mehr als bloßer Drill: Im Heer greift Mobbing rasant um sich. Nun wird im Verteidigungsministerium nach Gegenstrategien gesucht.

Die Handschrift ist zittrig, die Rechtschreibung experimentell. Der Inhalt des drei Seiten langen Manuskripts aber macht die orthografischen Schwächen vergessen. Es ist ein stiller Hilferuf. „Ich kann schon seit Monaten keine Nacht mehr durchschlafen. Oft habe ich Angst vor der Nacht und meinen schlimmen Träumen. In meinen Träumen ist alles so wie am Tag im Dienst.“

Seit 17 Jahren arbeitet Johann Löbl in der Wiener Militärbibliothek. Er kennt den Stellplatz jedes Buchs. Der 41-Jährige macht seine Arbeit gewissenhaft, wenn auch manchmal etwas langsamer als seine Kollegen: Löbl ist behindert – sein Körper ist kleinwüchsig, sein Geist auf dem Stand eines 16-Jährigen. Seit ein paar Jahren hat er eine neue Vorgesetzte.
„Schon in der Früh, wenn ich die Zeitungen hole und bei Frau D.* abgebe, beschimpft sie mich ohne Grund. Frau D. hat schon oft zu mir gesagt, dass ich der dümmste Krüppel bin und sie nicht versteht, wieso so eine dumme Missgeburt überhaupt in einer Bibliothek arbeiten darf. Eigentlich gehöre ich zu den anderen Idioten gesperrt und nicht hierher.“

Laut aktueller Studie der Technischen Universität Wien wird im Heer dreimal öfter gemobbt als in normalen Unternehmen. Insider berichten von einer starken Zunahme in den vergangenen Jahren – nicht nur quantitativ, auch qualitativ. „Mobbing ist Teil unserer Arbeitswelt“, lautet der nüchterne Befund im Verteidigungsministerium. Mit militärischem Drill hat der raue Umgangston im Heer tatsächlich meist nichts mehr gemein. In manchen Abteilungen werden Mitarbeiter scharenweise hinausgedrängt, in bestimmten Referaten Minderheiten systematisch gemobbt. In anderen drangsalieren Vorgesetzte einzelne Personen so lange, bis jene zusammenbrechen oder gar den Tod ihrem Arbeitsumfeld vorziehen. „Es ist eine Kettenreaktion, die vor allem die Schwächsten oder jene, die sich schützend vor sie stellen, trifft“, sagt Sabine Köszegi, Professorin für Arbeitswissenschaft und Organisation an der TU Wien und eine der drei Autoren der Heeres-­Studie. Mittlerweile ist das Problem derart groß, dass im Verteidigungsministerium nach Gegenstrategien gesucht wird.

Die Allgemeinen Dienstvorschriften lassen keinen Zweifel: „Alle Soldaten haben ihren Kameraden mit Achtung zu begegnen.“ Und zwar nicht nur den rund 16.000 Uniformierten, erklärt Ressortsprecher Michael Bauer, auch den 9200 Vertragsbediensteten des Heeres: „Im Gegensatz zu anderen Ministerien haben wir Disziplinarbehörden, um Mobbing zu ahnden.“ Zudem werden seit Jahren an der Militärakademie Seminare zu Konflikt- und Führungsverhalten abgehalten.

Mit mäßigem Erfolg, wie die Studie der TU Wien jüngst zeigte. 6,7 Prozent aller Heeresmitarbeiter werden gemobbt, weitere zehn Prozent sind gefährdet (siehe Grafik) – schon das liegt weit über dem Durchschnitt privater Unternehmen, wo von etwas mehr als zwei Prozent Mobbingopfern ausgegangen wird. Vor allem Minderheiten sind im Heer betroffen. Etwa Frauen. Seit 1998 können sie Soldatinnen werden, mehr als die Hälfte der Kameradinnen brach die Militärkarriere aber vorzeitig ab.

Sie heben sich von der Mehrheit der Berufssoldaten ab: Sie haben eigene Leistungskriterien, dürfen ihre langen Haare behalten und werden, so unken viele ihrer männlichen Kollegen, von Vorgesetzten bevorzugt behandelt. All das macht sie zu Außenseiterinnen.

Initiationsrituale.
Wer in die Kameradschaft will, muss in den Augen der Gruppenzugehörigen minderwertige, weiblich konnotierte Dienste wie Putzen verrichten. „Erst dann dürften sie bei männlichen Initiationsritualen wie dem gemeinsamen Betrinken teilnehmen“, sagt Eva Zedlacher, Co-Autorin der TU-Studie. An diesen Hürden scheitern nicht nur Frauen. „Jeder, der nicht der Norm entspricht, ist gefährdet, ausgeschlossen und gemobbt zu werden“, meint Arbeitswissenschafterin Köszegi.

Einerseits wurde Brigitte Sob vorgeworfen, nicht ausreichend zu arbeiten, andererseits untersagte man der Sub-auspiciis-Philosophin, die seit 2002 an der Landesverteidigungsakademie tätig war, an der Universitätsbibliothek Bücher für ihre Forschungsarbeit zu entlehnen. Dies war nur eine Schikane von vielen: Zu wenig Gehalt, Probleme bei der Urlaubsbewilligung, Verbote und Verbalinjurien hätten jahrelang ihren Arbeitsalltag geprägt, sagt die Wienerin. „Die wollten mich loswerden.“ Vor zwei Jahren wurde sie mit recht abenteuerlich anmutenden Begründungen gekündigt, schließlich einigte man sich vor dem Arbeits- und Sozialgericht: „Ich war psychisch und körperlich an meinen Grenzen“, sagt Sob. Mittlerweile ist sie arbeitslos.

Sob ist kein Einzelfall.
profil sprach mit mehreren Soldaten, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten (aus Angst, gegen das Dienstrecht zu verstoßen, wollen sie nicht namentlich genannt werden). Sie alle hatten Missstände gemeldet und wurden fortan systematisch drangsaliert: „Versetzungen sind besonders beliebt. Man muss monatelang ein Gipfelkreuz bewachen. Da wird man irre.“

Michael Neuweg war ein beliebter wie fähiger Offizier. 2001 wurde er wegen Personalmangels von Wien nach Tirol delegiert, erzählt er. Dort sei er so lange mit Wochenenddiensten zugepflastert worden, dass seine Ehe schließlich in die Brüche ging. 2007 jagte er sich eine Kugel durch den Kopf. Er überlebte, wurde aber nach einer Beförderung wegen Dienstunfähigkeit in den vorzeitigen Ruhestand geschickt: „Geschieden und Frührentner mit 35 Jahren – danke Militär.“

An der Militärakademie versuchte ein Jahrgang, alle weiblichen Soldaten aus dem Lehrgang zu ekeln – mit Duldung der Vorgesetzten, erzählt ein Offizier. Nach einem halben Jahr hatte auch die letzte Frau die Uniform abgelegt.

Personalverschleiß.
In der Redaktion der Militärzeitschrift „Truppendienst“ stieg mit einem Wechsel an der Spitze der Personalverschleiß auf 20 Mitarbeiter in sechs Jahren. Der neue Leiter soll vor allem Frauen regelrecht aus der Redaktion geekelt haben – laut Beschwerde eines Mitarbeiters etwa mit den Worten: „Ich will keine Weiber mehr im Sekretariat, nur noch Schwanzträger.“ Männer, die ihre Kolleginnen verteidigten, seien von dem Oberst alsbald des „Negeraufstands“ bezichtigt und selbst unter Druck gesetzt worden, erzählen Mitarbeiter der betroffenen Sektion 2. Der Oberst verneint dies vehement.

Auch das ist ein Ergebnis der TU-Studie: Wer den Mobbingopfern hilft, läuft Gefahr, selbst eines zu werden. Mobbingopfer ihrerseits schikanieren wiederum Untergebene, zum Schluss trifft es die Schwächsten, wie Behinderte oder Lehrlinge.

Im Verteidigungsministerium wird als Folge der TU-Studie nun an Gegenstrategien gefeilt: Einer der Studienautoren, der Berufssoldat René Hudribusch, will in einem zweiten Teil konkrete Handlungsanweisungen erarbeiten, wie Mobbing zu erkennen und damit umzugehen sei. Gleichzeitig sollen erstmals systematisch Zahlen erhoben – und in weiterer Folge ein „Täterprofil“ von mobbenden Personen angelegt – werden.

All das wird noch Jahre dauern.
In der Zwischenzeit sind die Opfer auf eigene Überlebensstrategien angewiesen. Frauen etwa neigen dazu, sich männliches Verhalten anzueignen, Mobbing kleinzureden und zum Teil selbst frauenfeindliche Witze zu erzählen – kurz: Sie wollen sich der Mehrheit anpassen.

Auch Johann Löbl träumt davon: „Ich würde gerne so sein wie meine Kollegen. Ich bin behindert, das weiß ich. Ich wünsche mir so, dass es anders wäre, aber ich kann es nicht ändern. Ich hoffe, Sie können mir helfen, denn so wie jetzt hat das Leben für mich keinen Sinn mehr.“

Lesen Sie im profil 45/2010 ein Interview mit Studienautorin Sabine Köszegi, Leiterin des Fachbereichs ­Arbeitswissenschaft und Organisation an der TU Wien, über Dicke, Durchsetzungsvermögen sowie Diplomatie im Heer und wie Kameradschaft Familie ersetzt.