Klestils Irrglaube an Österreich

Wie man aus den anständigsten Motiven scheitert – und mit zynischer Strategie Erfolg hat.

Dass es ihm sehr schlecht ging, war seit langem nicht zu übersehen. Selbst via Bildschirm verriet sein Gesicht die riesigen Mengen des verabreichten Cortisons, seine Sprache die Mühe des Atmens. Die meisten, die ihn persönlich trafen, tippten auf Krebs, manche auf Aids, einige seltsamerweise auf einen Vorgang, der dem tatsächlichen Krankheitsgeschehen recht nahe kommt: „Man könnte glauben, dass ihn etwas von innen auffrisst.“

Es fraß nicht nur die Krankheit. Thomas Klestil war nicht der Mann, dem es leicht gefallen wäre, seine erste Frau zu verlassen und zu verletzen, sondern einer, der sich das vorwarf. Und Edith Klestil war nicht die Frau, der es leicht gefallen wäre, ihm irgendwann zu verzeihen.

Klestils Gesicht war nicht nur von seiner Krankheit, es war auch vom „Rosenkrieg“ gezeichnet.

Das „Staatsoberhaupt“ war ein Mensch, der litt.

Eugene O’Neill hätte daraus ein Drama gemacht – der Boulevard machte daraus Storys.

Wenn die Betroffenheit der Bevölkerung dafür ein Gradmesser ist, dann hat das Amt des Bundespräsidenten durch Klestil dennoch an Gewicht gewonnen. „Das war ein trauriger Tagesbeginn“, begrüßte mich Mittwoch Früh der junge Tischler, der eine Küche in unserem Büro montieren sollte, „Politik ist sonst nicht gerade meins, aber der Klestil war o. k. – viel jünger und moderner.“

Etwas von dem, was er sein wollte – „aktiv“ und „dynamisch“ –, ist also doch herübergekommen.

Gleichzeitig hat sein privates Leiden ihm ausgerechnet bei vielen Frauen auch Sympathien eingebracht: „Ich hätte ihm gewünscht, dass er sein Leben jetzt endlich in Ruhe genießen kann“, sagte mir eine, „wer es so schwer gehabt hat, hat irgendwann ein bisschen Glück verdient.“

Die ihn mochten, können nur hoffen, dass diese Rechnung irgendwann gestimmt hat.

Natürlich demonstrieren auch jene tiefe Betroffenheit, die ihn aus der Politik kannten. Jemand hat mich gefragt, ob die Erschütterung Heinz Fischers, wie man sie im Fernsehen erlebt hat, echt gewesen sei, und ich habe geantwortet: „Ja – den kenne ich.“

Die anderen kenne ich nicht und enthalte mich also der Meinung.

Politische Freunde hatte Klestil jedenfalls wenig. Er war immer ein Einzelgänger – stolz darauf, es aus eigener Kraft vom Sohn eines Straßenbahners zum Staatsoberhaupt geschafft zu haben. Den Sozialisten, die solche Karrieren für sich usurpieren, stand er am fernsten: einer, der Österreich aus der Neutralität in die NATO führen wollte und den „kapitalistischen“ USA unverbrüchlich die Treue hielt. Dieselbe Haltung machte ihn auch den Grünen suspekt, obwohl ihnen seine Gegnerschaft zur FPÖ zuletzt einen gewissen Respekt abrang. Doch gleichzeitig entfremdete sie ihn der ÖVP, die sich unbedankt und herausgefordert fühlte.
Thomas Klestil – insofern war er ein idealer Bundespräsident – gehörte zuletzt keinem Lager mehr an, sondern war nur von allen Lagern geduldet.
Und von der FPÖ gehasst.
Das zeichnet ihn bleibend aus.

Er habe „zu viel gewollt und zu wenig bewirkt“, analysierte Christoph Kotanko im „Kurier“ Klestils Amtszeit: Sein entscheidendes politisches Unterfangen – die bis an die Grenze der Staatskrise betriebene Weigerung, die schwarz- blaue Regierung anzugeloben – sei nicht geeignet gewesen, diese Regierung zu verhindern.

Er sei bis zuletzt dem tradierten schwarz–roten Koalitionsdenken verhaftet gewesen, ortet Kotanko die Motive für Klestils Widerstand. Ich sehe das anders: Klestil wollte keine Partei am Ruder, deren Führer ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS besondere Charakterstärke attestiert, weil sie ihrer Gesinnung treu geblieben sind, und deren „Historiker“ die Befreiung Österreichs von den Nazis mit „Besetzung“ assoziieren.

Klestil beurteilte Haiders FPÖ, wie die gesamte zivilisierte Welt sie beurteilt.
Dass viele Österreicher sie anders sehen, ist nicht sein Versagen, sondern das Versagen Österreichs.

Ich schreibe das als einer, der aus dem Wissen um das Wesen der FPÖ das Gegenteil Klestils geschlossen hat: Man müsse sie in die Regierung aufnehmen, damit sich wenigstens erweist, wie regierungsunfähig sie ist.
Politisch habe ich mit dieser zynischen Überlegung Recht behalten: Nie war der Niedergang der FPÖ so offensichtlich wie in diesen Tagen.

Thomas Klestil, wenn er sich durchgesetzt hätte, hätte genau diesen, von ihm so sehr gewollten Absturz der FPÖ verhindert.

Insofern bin ich politisch froh, dass er zu viel gewollt, aber zu wenig gekonnt hat.
Menschlich hat es mir Klestil bleibend sympathisch gemacht: Er wollte Haiders FPÖ nicht zynisch in eine Falle locken, sondern ehrlich zurückweisen.

Klestil ist gescheitert, weil er fälschlich überzeugt war, dass es in einer auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges errichteten Republik gelingen müsse, die FPÖ mit der richtigen Begründung – der Begründung ihrer unerträglichen Geisteshaltung – von der Macht fern zu halten. Er war der irrigen Ansicht, in seinem Widerstand gegen ihre Regierungsbeteiligung letztlich die Mehrheit der Österreicher wie der ÖVP hinter sich zu haben.

Klestil hat, im Gegensatz zu mir, an Österreich geglaubt.
Das kann man einem Bundespräsidenten schwer verübeln.