"Klopapier braucht man immer": G. Werner, Eigentümer der dm-Kette im Interview

Der Eigentümer der dm-Kette Götz Werner über Leben und Handel in der Krise, die Bescheidenheit der Super-reichen und Waldorf-Prinzipien für Investmentbanker.

profil: Herr Werner, deutsche Medien schätzen Ihr Vermögen auf über eine Milliarde Euro. Wie viel davon haben Sie in der Krise verloren?
Werner: Gar nichts. Vielen Wirtschaftsjournalisten fehlt offenbar jegliches Grundverständnis. Mein Vermögen steckt in meinem Unternehmen. Ich habe bei null angefangen, hatte Glück, das Vertrauen der Kunden, und jetzt prosperiert das Unternehmen. Eventuell würde jemand eine Milliarde Euro zahlen, um mein Unternehmen zu übernehmen. Ich würde aber nicht verkaufen.

profil: Sie haben ja ein Privatvermögen auch außerhalb Ihres Unternehmens.
Werner: Nichts Nennenswertes, ein Haus.

profil: Keine Yacht, kein Chalet in St. Moritz?
Werner: Nein. Man muss als Unternehmer im Erfolg bescheiden bleiben. Verantwortungsvolle Manager und Unternehmer erkennt man daran, dass sie niemals verschwenderisch sind.

profil: Sie waren nicht nur nicht verschwenderisch, weil Sie Schwabe sind?
Werner: Nein, ein guter Unternehmer ist nicht verschwenderisch, auch nicht privat.

profil: Was fahren Sie denn für ein Auto?
Werner: Einen Mercedes Kombi E-Klasse.

profil: In Deutschland sind ein paar Paradeunternehmer tragisch gescheitert. Der Pharmaindustrielle Adolf Merckle nahm sich aufgrund finanzieller Schwierigkeiten seines Unternehmens das Leben. In der Autozulieferer-Sparte hat sich die Schaeffler-Gruppe beim Versuch, den wesentlich größeren Mitbewerber Continental zu kaufen, übernommen und steht am Abgrund. Wie konnte das passieren?
Werner: Auch Unternehmer machen Fehler. Wer zu erfolgreich ist, läuft Gefahr, übermütig zu werden. Mir würde es nie einfallen, einen Milliardenkredit aufzunehmen und zu versuchen, Billa zu kaufen. Unternehmer sind allerdings oft keine durch und durch rationalen, sondern auch schöpferische Menschen. Das verleitet vielleicht dazu, zu viel zu wagen. Das sieht man jetzt auch bei Porsches Versuch, VW zu übernehmen.

profil: Unternehmerische Visionen können also gefährlich sein.
Werner: Sie können zu Draufgängertum verleiten. Andererseits kann man ohne Visionen kein Unternehmen aufbauen. Man muss seine Mitte finden zwischen Kreativität und Kontinuität.

profil: Ihre Mitte verloren hat die Bundesrepublik Deutschland. Die Wirtschaftsleistung bricht ein, die Arbeitslosigkeit steigt. Politiker warnen vor sozialen Unruhen. Es herrscht Endzeitstimmung.
Werner: Wir haben ein Mentalitätsproblem. In Deutschland gehen wir manchmal ernster an die Dinge heran, als es notwendig ist. Natürlich ist die Situation ernst, aber oft lassen wir uns von tatsächlich vorhandenen Problemen zu sehr beeindrucken und sind pessimistischer als notwendig. Dabei bestehen reale Werte: die Unternehmen, die Güter, die Dienstleistungen. Bei uns wird alles sehr gründlich gemacht, auch beim Sich-Sorgen-Machen.

profil: Es gibt offene Aggressionen gegen Manager, insbesondere gegen Banker.
Werner: Dass die Manager derzeit so ein schlechtes Image haben, müssen sie sich selbst zuschreiben. Es ist da teilweise eine Neo-Aristokratie entstanden, die glaubte, sich alles erlauben zu können.

profil: Das Handelsgeschäft scheint allerdings krisenresistent zu sein. Ihr Unternehmer verzeichnete zuletzt Umsatzzuwächse.
Werner: Das Konsumverhalten im Handel ist natürlich an gewisse Notwendigkeiten gebunden. Klopapier braucht man immer. Auf den Handel schlägt die Krise noch nicht durch.

profil: Die Leute werden in der Krise allerdings weniger zum dm-Friseur gehen, kein Shampoo kaufen oder auf das Parfum verzichten.
Werner: Unsere Aufgabe ist es dann, dafür zu sorgen, dass die, die trotzdem ein Shampoo kaufen, das bei uns kaufen. Dabei geht es allerdings nicht um Kundenbindung, wie die meisten im Handel glauben. Es geht ­darum, dass sich der Kunde gern mit uns verbindet.

profil: Wie schaffen Sie diese Verbindung?
Werner: Durch Werbung, durch Sponsoring, durch das Auftreten unserer Mitarbeiter. Das Wichtigste ist die Mund-zu-Mund-Propaganda. Die eigenen Mitarbeiter müssen am Stammtisch gut über das Unternehmen reden. Viele Unternehmensführer unterschätzen, dass die wichtigsten Werbeträger die eigenen Mitarbeiter sind. So, wie wir unsere Mitarbeiter behandeln, behandeln sie dann unsere Kunden.

profil: Warum lassen denn andere Handelsunternehmen ihre Mitarbeiter bespitzeln?
Werner: Das liegt an deren Welt- und Menschenbild. Leider glauben zu viele an das Prinzip „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Egal, ob es sich um Mitarbeiter oder die eigene Ehefrau handelt. Unsere Gesellschaft aber funktioniert nur deswegen, weil wir Leuten vertrauen. Sonst könnten Sie ja nicht einmal in einen Fahrstuhl einsteigen.

profil: Auch in einem ethisch anspruchsvollen Unternehmen wie dm gibt es Kameras in den Geschäften. In manchen Handelsketten werden so Mitarbeiter überwacht.
Werner: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Bei uns haben ­Filialmitarbeiter mehr Verantwortung. Wir wollen sie nicht kontrollieren, sondern ­ihnen helfen, ihre Aufgabe besser auszu­führen.

profil: Werden in der Krise bei dm einzelne Artikel besser verkauft wie zum Beispiel Taschentücher?
Werner: Auf das bin ich auch schon gespannt. Wir kennen die Geschichte aus den USA aus der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahren. Damals stieg der Konsum von Lippenstift an. Man gönnte sich kleine Freuden.

profil: Und diese Konsumenten-Tendenz zu kleinen Freuden könnte dem Handel durch die Krise helfen?
Werner: Das wird nicht allen Händlern helfen. Im modernen Handelsgeschäft reicht es nicht mehr, die richtige Ware zum richtigen Preis am richtigen Ort zu verkaufen. Was zählt, ist die vierte Dimension des Handels. Die Kunden orientieren sich nicht nur am Preis, sondern überlegen sich, ob ein Unternehmen nachhaltig wirtschaftet und gewisse ökologische und ethische Standards einhält. Gerade im Handel ist das wichtig.

profil: Ist diese vierte Dimension nicht ein Schönwetterprogramm und in der Krise irrelevant?
Werner: Umgekehrt. Jetzt wird diese Dimension entscheidend. Gerade in der Krise wollen Menschen ihr Geld vernünftig ausgeben und Signale setzen.

profil: Was war aus Ihrer Sicht die wahre Ursache der jetzigen Lage?
Werner: Als Kind haben wir das Lied gesungen „Taler, Taler, du musst wandern, von der einen Hand zur andern“. So ähnlich war das bei der Finanzkrise. Es ist eine virtuelle Geldschöpfungskette mit nicht nachvollziehbaren Finanzinstrumenten entstanden. Eigentlich ist die Finanzkrise ein Kreditbetrug made in USA.

profil: Seit Jahren kämpfen Sie für Ihre Ideen eines bedingungslosen Grundeinkommens und dafür, dass jeder einer Arbeit nachgeht, die ihn erfüllt. Aus heutiger Sicht klingt das zynisch. Viele hätten gern irgendeinen Job.
Werner: Das ist genau das Problem. Wir definieren Arbeit falsch. Wenn sich eine Mutter oder ein Vater um die Kinder kümmert, ist das auch Arbeit. Laut Statistik werden in Deutschland 60 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr bezahlt geleistet, aber 90 Milliarden unbezahlt. Unbezahlt wird nur jemand arbeiten, der in seiner Tätigkeit Sinn sieht. Und weil er ein Einkommen aus anderen Quellen, etwa aus einem Grundeinkommen, bezieht. Man muss Arbeit und Einkommen entkoppeln. Früher hatten wir die Idiotie, dass man Leute in ein Bergwerk schickt, um Kohle zu fördern, die keiner kauft. Nur damit die Bergarbeiter ein Einkommen hatten. Heute lassen wir Autos zusammenbauen, die keiner kaufen will. Das ist Ressourcenvergeudung. Nach diesem Modell wäre es ja am klügsten, neue Autos wieder zu zerlegen und dann wieder zusammenzubauen, nur um künstlich Arbeit zu schaffen. Erwerbsarbeitsdenken ist eine beschäftigungstherapeutische Veranstaltung.

profil: Statt Opel zu retten, würden Sie also was tun?
Werner: Den Opel-Arbeitern ein Grundeinkommen geben und ihnen damit die Sorgen nehmen.

profil: Der Kumpel in der Grube und der Opel-Arbeiter, denen Sie ausrichten, ihre Jobs seien nichts wert, werden mit Ihren Ideen nichts anfangen können.
Werner: Sie verstehen mich eher als jemand, der Betriebswirtschaft oder Volkswirtschaft studiert hat. Der Arbeiter steht mit beiden Beinen auf der Erde.

profil: Was würde der Arbeiter mit seinem Grundeinkommen tun?
Werner: Was er für sinnvoll hält.

profil: Sein Auto waschen oder mit Freunden kegeln gehen?
Werner: Oder mit seinen Kindern spielen. Oder er könnte arbeiten zu anderen Be­dingungen als heute. Mit dem Grundeinkommen subventionieren wir ja seine ­Tätigkeit.

profil: Vom Gedanken, dass jeder mit seiner Arbeit etwas für das Gemeinwohl leisten soll, halten Sie nichts.
Werner: Jeder, der behauptet, Menschen würden bei einem Grundeinkommen nichts mehr leisten, sollte sich selbst fragen, was er tun würde. Ich habe in diesem Zusammenhang noch nie einen getroffen, der dann sagt, ich würde faulenzen.

profil: Sie unterrichten auch an einer Universität. Wenn Sie nur Professor wären, würde man über Ihre Thesen schmunzeln. Als erfolgreicher Unternehmer genießen Sie so etwas wie die Glaubwürdigkeit des Multimillionärs.
Werner: Kleider machen Leute.

profil: Sie sind bekennender Anthroposoph und Anhänger von Rudolf Steiner und der Idee der Waldorfschule. Wie hilft Ihnen das durch die Krise?
Werner: Es geht immer um die Menschen. Auch beim Wirtschaften. Wenn ich tätig werde, orientiere ich mich nur am Menschen. Das ist Anthroposophie.

profil: Zugespitzt: Wenn mehr Investmentbanker und Fondsmanager in Waldorfschulen gegangen wären, hätte es dann keine Finanzkrise gegeben?
Werner: So einfach ist es wohl nicht. Wenn sich aber mehr Beteiligte am Menschen und den möglichen Folgen ihres Handelns orientiert hätten, wäre uns vieles erspart geblieben.