Knapp vorbei ist auch daneben

Warum unsereins Jörg Haider wieder einmal voreilig am Ende wähnte.

Es war ja nicht das erste Mal. Schon im Februar 1989 hatte ich gemeinsam mit meinen damaligen Kollegen Alfred Worm und Andreas Weber – der eine ist heute „News“-Herausgeber, der andere Chefredakteur von „Format“ – einen profil-Cover mit dem Titel „Saubermann Haider: Der Lack ist ab“ verfasst. Wir hatten herausgefunden, dass Haider Parteiangestellte absolut steuerschonend „bar aufs Handerl“ bezahlte. Es war uns auch zu Ohren gekommen, dass er mehrmals den Lucona-Versenker Udo Proksch getroffen hatte, was nicht ganz zur diesbezüglichen FPÖ-Kampagne gegen rote Proksch-Freunde passte. Obendrein gelang der Nachweis, wie ausgefuchst Haider die Steuern auf die Erträge seines Bärentals auf ein paar Schilling reduziert hatte.

Der Lack war dennoch nicht ab.

Wir wurden später oft für diesen Titel verspottet. Dennoch war er nicht leichtfertig gewählt: Jeden anderen hätten solche Enthüllungen binnen weniger Tage ins politische Jenseits befördert.

Auch in den folgenden Jahren gab es so manche Fehleinschätzung: Wer hätte etwa gedacht, dass Haider nach seiner Abfuhr bei der EU-Volksabstimmung im Juni 1994 noch einmal zurückkommen werde? Unter zehn Prozent lag danach seine Partei in den Umfragen. Als vier Monate später gewählt wurde, errang die FPÖ 22 Prozent, das beste Ergebnis seit der Parteigründung.

Sein Publikum ließ sich durch nichts abschrecken: Das Lob für Hitlers „Beschäftigungspolitik“, das Hurra für die SS-Greise in Krumpendorf, die Anti-Ausländer-Agitation, die Plakatkampagne gegen Künstler und Intellektuelle – das alles schien plötzlich sogar identitätsstiftend zu sein. Zunehmend wurde das Vokabel „Ausgrenzer“ zum Prügel für jene, die solche Politik für widerwärtig hielten.

27 Prozent errang Haiders FPÖ im Triumphjahr 1999.
Auch das hatte man nicht für möglich gehalten.

Mit dem Regierungseintritt schien der Aufstieg beendet. Natürlich konnte die FPÖ in der praktischen Politik nicht das einhalten, was sie in der Opposition versprochen hatte (das könnten übrigens auch SPÖ und Grüne nicht).

Haider reagierte panisch und versuchte es im Wiener Landtagswahlkampf 2001, erfreulicherweise erfolglos, mit antisemitischen „Witzen“ über den SPÖ-Wahlkampf-Berater: „Der Herr Greeeenberg von der Ostküste …“

Wenig später irrlichterte er zu Saddam Hussein, um mit diesem den Zionismus zu geißeln.

Nicht, dass seine Anhängerschaft solche Eskapaden schätzte. Haider selbst hatte schließlich stets vor Fremdländischem gewarnt. Aber virtuos lenkte er die Aufmerksamkeit auf näher liegende Feinde. Laibach statt Ljubljana hieß es jetzt auf den Wegweisern am Kärntner Abschnitt der Südautobahn. Als das Verfassungsgericht die Aufstellung weiterer zweisprachiger Ortstafeln verfügte, gab Haider den Abwehrkämpfer gegen die slawische Bedrohung: „Hat der Herr Adamovich eigentlich eine Aufenthaltsberechtigung?“

Am meisten schien ihn aber zu stören, dass sich seine Regierungsfraktion unter der Führung von Susanne Riess-Passer zunehmend emanzipierte und andeutete, wie eine „bürgerliche“ Variante der FPÖ aussehen könnte.

Nichts konnte er weniger wollen. In Knittelfeld beendete er das Projekt durch Zertrümmerung seiner Partei. Bei den folgenden Nationalratswahlen fiel die FPÖ auf zehn Prozent zurück. Das sei nun wohl das Ende, glaubte man.
Abermals gefehlt.

Den Sieg vom vorvergangenen Wochenende fuhr er als Widerstandskämpfer gegen die da „draußen in Wien“ ein: Wien, wo die herzlose Bundesregierung sitzt, wo der Nationalrat die unbarmherzigen Gesetze beschließt. Mit den Stimmen der von Haider gesteuerten Kärntner FPÖ-Abgeordneten übrigens.

Denn das ist – trotz ihrer Stimmengewinne – das größte Versäumnis der SPÖ in Kärnten: Haider nicht die Oppositionsrolle gegen die Bundesregierung verwehrt zu haben.

Gleichwohl. 42 Prozent der Kärntner haben seine Amtsführung für gut befunden, und sie sind in einer Demokratie die größere Autorität als Journalisten. Daher wird Jörg Haider zum Landeshauptmann gewählt werden. Aus dem Wahlergebnis ist kein anderer Wunsch abzulesen.

Ist er also „unbesiegbar“, wie es am vorwöchigen profil-Cover provokant und nicht prophezeiend hieß?

Fest steht, dass Haider seine Stärke nicht aus konstanter Arbeit, sondern aus Konflikt und Disharmonie bezieht, mögen auch ihm Nahestehende behaupten, er sei persönlich geradezu süchtig nach Harmonie.

Deshalb ist es auch eine Illusion anzunehmen, er werde sich jetzt ausschließlich der Übergabe von Spritzenhäusern im hinteren Gailtal widmen.

Das nächste Exerzierfeld ist bereits abgesteckt: Die groß gewordene EU mit ihren Problemen bietet sich dem Zugriff durch den großen Vereinfacher geradezu an.

Schwierig wird es dann wieder für die FPÖ-Regierungsfraktion. Aber so weit waren wir ja schon einmal.