Knochenarbeit

Literatur. Gekreuzigte Frauen und abgeschnittene Zungen: Autorinnen wie Patricia Cornwell, Kathy Reichs, Karin Slaughter oder Mo Hayder versorgen den Buchmarkt mit Hardcore-Thrillern, die ihre männlichen Kollegen zimperlich aussehen lassen.

Von Karin Cerny

Ein Hauch von Verwesung liegt in der Luft. Inmitten eines idyllischen Wald-Areals im US-Bundesstaat Tennessee steht eine kleine Farm. Der hohe Zaun, der sie umgibt, ist mit einem Stacheldraht gesichert. Gäste sind unerwünscht. Aber wer um alles in der Welt wollte freiwillig hierherkommen? Im Waldboden modern menschliche Arme und Beine vor sich hin. Unter einem Baum liegt ein halb verwester Schädel mit rosa Zähnen und einem Einschussloch zwischen den Augenhöhlen. In einer Grube werden aufgedunsene Leichen mit Steinblöcken unter Wasser gehalten. Und in einem Cadillac sitzt ein Skelett am Lenkrad – natürlich hält auch der Kofferraum eine übel riechende Überraschung bereit.
Patricia Cornwells 1994 erschienener Roman „The Body Farm“ ist längst ein Klassiker der Hardcore-Thriller-Literatur. Während sich die meisten ihrer schreibenden Kolleginnen und Kollegen anstrengen müssen, möglichst schaurige Szenarien zu erfinden, schöpfte Cornwell, die als Gerichtsreporterin und Computerspezialistin in der forensischen Medizin gearbeitet hatte, einfach aus ihrer Erfahrung: Die oben beschriebene „Body Farm“ (im Fachjargon: Institut für Thanatologie) gibt es tatsächlich. An der Universität von Tennessee werden in der so genannten „Farm der Leichen“ menschliche Verwesungsprozesse studiert, um bei Mordfällen den Todeszeitpunkt und die Todesursache besser ermitteln zu können.
Auch der britische Bestsellerautor Simon Beckett bediente sich in seinem heuer auf Deutsch erschienenen Thriller „Leichenblässe“ der „Body Farm“ als Schauplatz, um Verwesungsprozesse für seine Leserschaft genüsslich auszukosten: „Maden strömten aus der Leiche auf den Boden, und zwar derart viele, dass sie aussahen wie übergekochte Milch.“ Während jedoch Beckett selbst seinen erfahrenen Forensiker klischeehaft erschaudern lässt („Doch so etwas hatte ich noch nie erlebt“), bleibt Patricia Cornwells Serienfigur, die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta, stets betont nüchtern. „In den Ohren eines Gerichtsmediziners wie mir klingt das weder gruselig noch abfällig“, stellt Scarpetta unaufgeregt fest. „Denn niemand hat mehr Respekt vor den Toten als jemand, der mit ihnen arbeitet, sich ihre stillen Geschichten anhört und versucht, jenes geheime Abc der Toten zu entschlüsseln.“

Gehirnflüssigkeit. In den neunziger Jahren wurde die Erforschung des „Abc der Toten“ zum zentralen Gegenstand der Thriller-Literatur. Pragmatische Knochenarbeit löste die abgründige Psycho-Studie ab. Die Pathologin ersetzte den Profiler. Lieferte Bestsellerautor ­Thomas Harris seinen Lesern noch einen „Flirt mit dem Bösen“ („taz“), indem er sie tief in die irritierend kultivierte Psyche von Hannibal Lecter, einem Serienkiller mit eigenwilligen Speise­vorlieben, blicken ließ, verlor der Täter bei den boomenden neuen Thriller-Autorinnen deutlich an Glamour. Sie vertieften sich nicht mehr in den Kopf der meist männlichen Täter, sondern bohrten sich buchstäblich in die Gehirnflüssigkeit und das Knochenmark der oft halb verwesten weiblichen Opfer. Der Begriff Innenleben gewann eine ganz neue Bedeutung: Die Organe begannen zu sprechen.

Laborwerte. Der „medical thriller“ war geboren – er dominiert bis heute die TV-Bildschirme mit Serien wie „CSI“, „Cold Case“ oder „Criminal Intent“, die das Labor als Arbeitsplatz und die DNA als Fetisch inszenieren. Patricia Cornwell, die von der US-Presse gern als „Agatha Christie der DNA“ bezeichnet wird, und Kathy Reichs, Jahrgang 1950, die lange als forensische Anthropologin gearbeitet hatte, bevor sie ihr medizinisches Wissen in Bücher verpackte, sind nicht unschuldig an diesem nicht enden wollenden Boom. Kathy Reichs macht sich mittlerweile selbst über den „CSI“-Effekt lustig: „Alle Geschworenen wollen heutzutage DNA-Beweise – selbst wenn es sich um ­einen banalen Verkehrsunfall handelt.“
Hardcore-Thriller sind längst keine Männerdomäne mehr. Im Gegenteil: Frauen ­schreiben mittlerweile nicht nur brutaler, sondern auch erfolgreicher über Gewalt als ihre männlichen Kollegen. Patricia Cornwell, 1956 in Miami geboren, soll stattliche 150 Millionen Euro durch ihre Thriller eingenommen haben. Bei US-Autorin Karin Slaughter, Jahrgang 1971, ist der Name Programm: Rund 13 Millionen ihrer Krimi-Schocker hat sie bisher weltweit verkauft. Die Zeiten, in denen Hobby-Detektivin Miss Marple den gepflegten Mord in der Nachbarschaft aufklärte, sind endgültig vorbei. Hartgesottene weibliche Serienfiguren sind Verbrechern auf der Spur, die nicht einfach töten, sondern mit großer Lust ihre Opfer vergewaltigen, ausweiden und foltern. Karin Slaughters Romandebüt „Blindsighted“ (auf Deutsch „Belladonna“) löste 2001 in ihrer Heimat USA eine heftige Debatte über Gewalt in der Literatur aus. Ein sadistischer Serienkiller kreuzigt und verstümmelt seine Opfer, um sie dann zu vergewaltigen. Er setzt sie auf Drogen, entfernt ihre Vorderzähne und schlitzt ihnen ein Kreuz in den Bauch. „Viele Sexualtäter schlagen ihren Opfern die Zähne aus, bevor sie zu Oralsex gezwungen werden“, sagt Slaughter, die nicht nur gut recherchiert hat, sondern ihre Serienfigur, die Kinderärztin und Pathologin Sara Linton, raffinierterweise in einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt ermitteln lässt: Gewalt und Verbrechen entwickeln in diesem überschaubaren Kosmos eine viel unmittelbarere Bedrohung als in einer anonymen Metropole. Autorinnen wie Karin Slaughter müssen sich allerdings – anders als ihre männlichen Kollegen – nach wie vor die Frage gefallen lassen, warum sie dermaßen brutal schreiben. Slaughter ist ­dabei um kein Argument verlegen: „Es ist höchste Zeit, dass wir über Gewalt gegen Frauen schreiben. Schließlich sind wir meist die Opfer dieser Verbrechen.“
Nicht nur bei Karin Slaughter, auch in fast allen Thrillern zeichnet sich das ewig gleiche Muster ab: Die Ermittlerin steht zwar auf der richtigen Seite, ist aber mitunter psychisch genauso beschädigt wie der manische Killer. Sie hat Traumatisches erlebt, das sie zeitlebens prägt. Zudem gerät sie bei jedem neuen Fall ins Visier des Täters. Dass ausgerechnet meist unscheinbare Pathologinnen von kaltblütigen Killern gejagt werden, spricht nicht gerade für den Realitätsgehalt der Thriller, die doch größten Wert auf genaue medizinische Beschreibungen legen. Aber auch psychologisch und faktenmäßig hinken manche Thriller gewaltig. So lässt Kathy Reichs ihre Pathologin den Kollegen von der Polizei in „Totenmontag“ den Begriff „Stockholm-Syndrom“ erklären. Jedes Volksschulkind, das Vorabendkrimis schauen darf, ist längst über dieses Verhalten von Entführungsopfern informiert – aber bei Reichs staunen sogar die routinierten polizeilichen Ermittler.
Karin Slaughter versucht in ihren jüngsten Sarah-Linton-Krimis, tief in die zerrüttete Psyche ihrer Ermittlerin, die bei einer sadistischen Vergewaltigung beinahe gestorben wäre, hinabzutauchen. Dabei rücken weniger die neuen Fälle ins Zentrum als die Aufarbeitung ihrer verdrängten Vergangenheit und jene ihrer angeschlagenen Beziehung zu ihrem Ex-Ehemann, dem Polizeikollegen Jeffrey Tolliver. Stilistisch stößt Slaughter dabei allerdings schnell an ihre Grenzen: Sollte es je einen Preis für die schlechtesten Sex-Szenen geben – Karin Slaughter wäre eine sichere Kandidatin.
Ernst zu nehmende Thriller-Konkurrenz kommt aus Großbritannien: Mo Hayder, Jahrgang 1962, ist zurzeit eine der subtilsten, brutalsten, aber auch stilistisch ausgefeiltesten Erzählerinnen ihres Genres. „Ich würde ungern Hausfrauenautorin genannt werden“, meint Hayder. Für ihren Debütroman „Der Vogelmann“ (2000) traf sie sich mit einem Polizeipathologen, um Tatortfotos zu studieren. „Ich war plötzlich stinkwütend auf Ruth Rendell“, erinnert sich Hayder, die einen männlichen Ermittler als Serienfigur entwickelt hat. „Ich habe mich furchtbar aufgeregt, dass sie alles über das Danach erzählt, aber nichts davon, wie grauenvoll das Verbrechen selbst ist.“ Daraufhin habe sie sich vorgenommen, jedes einzelne Detail von Gewalt zu beschreiben. Und Hayder ist verdammt gut darin. In der höchst verstörenden Romanstudie „Die Behandlung“ bringt ein Irrer Familien in seine Gewalt und zwingt den Vater dazu, seine eigenen Kinder zu missbrauchen. Hayders Ermittler Jack Caffery lebt Haus an Haus mit einem Pädophilen, den er im Verdacht hat, seinen als Kind verschwundenen Bruder entführt zu haben. Die beiden liefern einander tagtäglich einen erbitterten Psycho-Krieg.

Fließband. Warum Frauen so gut in der Beschreibung von Gewalt sind, weiß Hayder auch zu benennen: „Weil sie aus der Perspektive der Angst schreiben, Männer eher aus der des Aggressors – was natürlich nicht heißen soll, dass alle Männer Aggressoren sind.“ Mo Hayder ist denn auch skeptisch, ob ihre männliche Serienfigur Jack Caffery tragfähig genug ist, um wie auf dem Fließband einen Fall nach dem anderen zu lösen.
Ihre Kolleginnen Kathy Reichs und Patricia Cornwell dagegen stecken schon längst in der Serienfalle: Die Plots werden von Buch zu Buch abstruser. Reichs verzettelt sich noch immer gern in endlosen Obduktionsbeschreibungen, die sich lesen wie aus dem Lehrbuch abgeschrieben. Cornwells Frühwerk hingegen zählt nach wie vor zum Spannendsten auf diesem Sektor. Mittlerweile ist ihre Serienfigur aber auch in die Jahre gekommen: Jüngst hat Cornwell das 20-jährige Jubiläum ihrer Figur Kay Scarpetta gefeiert.
1997 sorgte Cornwell nicht nur für eines der spektakulärsten Outings aller Zeiten, sondern wurde selbst in einen Überfall verwickelt: Der Ehemann ihrer damals noch geheimen Geliebten, einer ehemaligen FBI-Agentin, nahm seine Frau mit Waffengewalt als Geisel. Cornwell wird seitdem stets von Bodyguards begleitet. Ihre britische Kollegin Mo Hayder ist weitaus entspannter. Anders als manche ihrer Kolleginnen hat sie keine Angst davor, ins Visier eines Killers zu geraten: Ihre Bücher schreibt sie im Schlafanzug im Bett mit einer guten Flasche Wein. Die Öffentlichkeit scheut sie nur deshalb, weil sie als attraktive Frau für den Boulevard spannender ist als ihre Bücher. Für Menschen mit schwachen Nerven hat Hayder nicht viel übrig: „Wer nicht mit Tod und Gewalt klarkommt, soll seine Krimis
in den Müll schmeißen und Jane Austen lesen.“