Kommentar: Der „Messias“ spielt keine Rolle

Wie das Judentum heute über seinen berühmtesten Sohn denkt.

Jesus war Jude, hieß eigentlich Jeschua und starb auch als Jude. Er wurde verurteilt und hingerichtet von den Römern. Diese schlichte Wahrheit muss leider immer wieder betont werden.

Ebenso verhält es sich mit einem anderen Faktum: Der „Messias Jesus“ spielt im Judentum keine Rolle. Weder in den Riten noch im Festtagskalender hat Jesus oder gar das „Neue Testament“ irgendeine Bedeutung. Das mag zwar für Christen erschreckend sein, aber auf der anderen Seite ist es ja immer noch nicht zu allen Christen vorgedrungen, dass die Thora mit den so genannten „fünf Büchern Mose“ identisch ist. Natürlich haben sich vereinzelt Juden im Laufe der Zeit ihre Gedanken zu Jesus gemacht, obwohl es wenig reizvoll war, sich mit einer Gestalt zu befassen, deren grausame Hinrichtung und qualvoller Tod den Juden als Kollektiv bis heute zur Last gelegt wird.

Die Kreuzigung Jesu, wie sie in den Evangelien berichtet wird, ist leider der zentrale Hintergrund für den christlichen Antijudaismus und damit die Wurzel des modernen Antisemitismus. Selbst in dem bedeutenden Vatikanischen Konzil von 1965 heißt es nur: „Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.“ Damit wurde wenigstens – und selbst das musste unter heftigem Widerstand errungen werden – die Kollektivschuld ad acta gelegt.

Die Studie „Der Prozess und Tod Jesu aus jüdischer Sicht“ des israelischen Juristen und Rechtshistorikers Chaim Cohn wurde leider bislang kaum wahrgenommen. Nach der Staatsgründung Israels 1948 gingen wiederholt Petitionen (meist von protestantischen Geistlichen) ein, dass der neue oberste Gerichtshof den Prozess Jesu wieder aufnehmen solle, „um den tragischen Justizirrtum zu bereinigen, den unser unmittelbarer Vorgänger, der Sanhedrin, an Jesu begangen habe“.

Cohn wurde mit dem „Fall“ betraut und zeigte, wie widersprüchlich die Passionsberichte sind und welche Ziele sich hinter der These von den „jüdischen Gottesmördern“ verbergen: Die Evangelisten wollten zeigen, dass die Juden an der Ermordung Jesu schuld seien und als Strafe dafür der Jerusalemer Tempel im Jahre 70 n. d. Z. von den Römern zerstört worden sei.

Erst seit rund 100 Jahren setzen sich auch jüdische Denker zunehmend mit Jesus auseinander.

Die jüdischen Brückenbauer wie Martin Buber, Schalom Ben-Chorin oder Pinchas Lapide sind leider mittlerweile alle verstorben. Sie versuchten, auf zuweilen eher plakative als besonders vielschichtige Weise, den „großen Bruder Jesus“ wieder ins Judentum zurückzuholen. Ihre Arbeiten dienen immer noch als Fundus vieler Reden und Diskussionen im jüdisch-christlichen Dialog.

In den älteren wissenschaftlichen Arbeiten jüdischer Historiker zu Jesus – von Joseph Klausner bis zu David Flusser – dominiert vor allem die Tendenz, Jesus mit dem rabbinischen Judentum in Zusammenhang zu bringen, was nicht unproblematisch ist. Die großen Texte des rabbinischen Judentums sind schließlich erst viel später entstanden. Neue Ansätze zum historischen Jesus sind dagegen bei dem britischen Historiker Geza Vermes (Jesus der Jude, 1993) zu finden, der Jesus im historischen Kontext betrachtet. So zeigt er interessante Parallelen zwischen Jesus und anderen „Wundertätern“ jener Zeit.

Abseits von den wissenschaftlichen Diskursen und festsitzenden Vorurteilen sollten Juden und Christen in Österreich verstärkt in Dialog treten, da wir in einer vom Christentum und Judentum geprägten Kultur leben.