Du bist nie allein

Im Burgtheater verarbeitet ­Hippiekind Thomas Vinterberg sein Kommunentrauma in ­einem Stück. Prominente Ex-Kommunarden wie Rainer Langhans und Terese Schulmeister erzählen, woran ihre ­Lebensutopie gescheitert ist. Dennoch prognostizieren ­Soziologen und Städteforscher ein Revival der Wohngemeinschaft – nur diesmal frei von Ideologie und im Zeichen des Hedonismus.

Ein wunderschöner Morgen, so gegen halb zwölf. Vierzig frische Semmeln und achtzehn Liter Kaffee duften auf dem Gemeinschaftstisch, eben bringt ein Mitbewohner die notwendigen 48 Eier aus dem Hühnerstall im Garten. Jemand trällert: „Frühstück!“ Und plötzlich kommen aus allen Zimmern „sexwillige, tolerante, nackte, kluge, politisch aktive Menschen“, die noch dazu „herzlich und offen sind und ein gutes Karma ausstrahlen“.

So stellen sich Thomas Vinterbergs Kommunarden im Stück „Die Kommune“, der Eröffnungspremiere der Burg-Saison, den gesellschaftlichen Idealzustand vor. Aber nur sehr kurz. Denn bald fahren „Schwanzfaschisten“ und „Bierkassen-Sprenger“ die gesellschaftliche Utopie eines friedvollen, gemeinschaftlichen Miteinanders, in dem Besitzdenken und Monogamie außer Kraft gesetzt wurden, mit vollem Karacho an die Wand. Und statt des voll empathischen „Du, ich versteh dich total“-Grundsatzgesprächs setzt das Gemetzel ein.

Der 42-jährige dänische Regisseur Thomas Vinterberg verarbeitet in dem im Probenprozess entstehenden Stück die traumatisierenden WG-Erfahrungen, die er als Hippiekind im Kopenhagen der siebziger Jahre gemacht hat: „Ich habe es gehasst, dass wir nicht zwei gleiche Gläser hatten. Die Kehrseite aller Freiheit ist, dass man in dieser Vielzahl von Menschen leicht verschwinden kann.“

Die Kinder fraßen wie so oft die Revolution; das Geschirr erwies sich, im Rückblick betrachtet, meist schmutziger als der Sex im freien Liebeskonzept.

Das Kommunenmodell
, das in Österreich mit Otto Muehls Experiment „Friedrichshof“ seine radikalste und skandal­trächtigste Ausformung und 1990 ein Ende fand, wurde auf dem Friedhof der gescheiterten Utopien weitgehend entsorgt. Wohngemeinschaften fungierten bestenfalls als zeitlich begrenztes Lebensmodell für Studenten und Rest-Hippies, die in der Leistungsgesellschaft nicht Fuß fassen konnten. Und selbst in diesen ­zeitlich begrenzten gemeinschaftlichen ­Lebensräumen flogen stets verlässlich die Funken.

„Frieden gibt’s nur im Himmelreich und im Kopf von Barack Obama“, schreibt ein im Absprung begriffener WG-Bewohner in der „Süddeutschen Zeitung“, „wer ihn in einer WG sucht, muss Eremit oder ein angefressenes Joghurt werden. Beide werden selten belästigt. Denn in einer WG fühlt sich immer nie jemand für den Abwasch zuständig.“

Doch die zunehmende Brüchigkeit von Beziehungen, eine Wirtschaftslage, die den Mittelstand hart in die Mangel nimmt, eine Jugend, die den Lebensstandard ihrer Eltern längst nicht mehr zu finanzieren in der Lage ist, und die demografische Überalterung haben die gesellschaftliche Bedürfnislage entscheidend verändert.

Die galoppierende Versingelung der ­Gesellschaft – die Anzahl der Einpersonenhaushalte stieg in Österreich in den vergangenen zwanzig Jahren um über sechzig Prozent auf rund 1,3 Millionen – produziert auch soziale Defizite, die in neuen Wohnkonzepten langsam ihren Niederschlag finden.

Das Familienministerium registrierte in seinem jüngsten Familienbericht den gesellschaftlichen Wandel: „(Studentische) Wohngemeinschaften sind mittlerweile zu einer verbreiteten Form (studentischen) Wohnens geworden. Es wäre daher wünschenswert, eine eigene Mietrechtsform zu schaffen, die dem Tatbestand raschen Wechselns einzelner Bewohner/-innen bei aufrechtem Bestehen der gesamten Wohngemeinschaft gerecht wird.“ Wie verbreitet WGs tatsächlich sind, kann der Bericht allerdings nicht klären: „Leider liegen keine empirischen Daten für diese Wohnform vor.“

Die Daten der Statistik Austria legen nahe, dass derzeit rund zwei Prozent aller österreichischen Haushalte Wohngemeinschaften sind. Das wären etwa 70.000.

Der Wiener Kultursoziologe Peter Stoeckl, der an der Universität für angewandte Kunst unterrichtet, ist überzeugt davon, „dass dieser Trend sich in den nächsten Jahren verstärken wird“. Stoeckl, der sich vor einigen Jahren in seinem Buch „Kommune und Ritual“ (bei Campus, derzeit vergriffen) intensiv mit der Muehl-Kommune beschäftigte, definiert den WG-Typus des 21. Jahrhunderts als „völlig anders als den der ­68er-Generation – ideologiefrei und ohne Anspruch auf freie Liebe. Es werden pragmatische Gemeinschaften entstehen, die darauf ausgerichtet sind, den Alltag miteinander zu teilen, und sich so einen Lebensstandard ermöglichen können, den sie sich im Alleingang nicht leisten könnten.“

Sogar im öffentlichen Wohnbau wird die alte Utopie vom gemeinschaftlichen Leben immer öfter Wirklichkeit. Wenn auch mit Abstrichen – der geförderte Wohnbau ist noch nicht auf dem Stand von 1968. Im Dezember 2009 wurde in Wien-Donaustadt das Frauenwohnprojekt ro*sa 22 eröffnet, das auf eine Initiative der Architekturprofessorin Sabine Pollak zurückgeht. In einem städtischen Wohnbau sollten Frauen aller Altersgruppen – von der jungen Alleinerzieherin bis zur Pensionistin – zusammenleben, mit ausreichend privaten Rückzugsmöglichkeiten und sehr viel gemeinsamem Raum. Vieles davon wurde – nach über sieben Jahren Planung – verwirklicht, einiges aber auch nicht, wie Liesl Fritsch vom Trägerverein erzählt: „Die ursprünglich geplanten WGs neuen Typs mit drei Wohnungen und Gemeinschaftsküche konnten wir nicht umsetzen. Das ging sich vertragsrechtlich nicht aus, da wir ja auch Baukostenzuschüsse zahlen und bei WGs nicht klar wäre, wer dafür geradestehen müsste.“ Auch die überbreiten Gänge, die als gemeinschaftlicher Lebensraum dienen („unsere Dorfstraßen“), mussten von der Architektin gegen Sparzwänge verteidigt werden: „Damit wird ja, zumindest auf dem Papier, der Wohnraum beschränkt.“ Auch die Zusammensetzung der Hausgemeinschaft wäre noch verbesserungsfähig: Da ein Drittel der Wohnungen automatisch vom Wohnservice Wien vergeben wird, sind unter den knapp 100 Bewohnerinnen des Johanna-Dohnal-Hauses auch etliche, die sich mit der Grundidee des Projekts nur wenig identifizieren und eigentlich lieber ihre Ruhe haben. „Trotzdem war es uns wichtig, das Projekt im Rahmen des geförderten Wohnbaus zu machen“, sagt Dagmar Fischer, eine der ro*sa-Vorständinnen. „Gerade Frauen kommen – zum Beispiel nach einer Trennung – häufig in Situationen, in denen sie sich am freien Markt schlicht keine Wohnung leisten können.“

In solch einer Situation fand sich die Wiener Modedesignerin Birgit Indra, die nach einer Scheidung ihrem Ex-Mann das gemeinsame Haus überließ und mit ihren zwei halbwüchsigen Kindern vor eineinhalb Jahren bei einer Freundin Unterschlupf fand: „Ich hatte damals nicht die finanziellen Mittel zu einem Neustart in einer eigenen Wohnung, dazu stehe ich ganz offen, dafür geniere ich mich nicht.“ Im Gegenzug betreute sie den Teenagersohn ihrer Freundin, deren Mann aus beruflichen Gründen nach Belgien gegangen war und für die auf die Dauer eine Fernbeziehung nicht lebbar schien: „Es war eine spannende Zeit. Natürlich gab es immer wieder Meinungsverschiedenheiten, denn meine Freundin war ja auch wochenweise immer wieder da. Wenn zwei Frauen gemeinsam einen Haushalt führen, fliegen eben öfter die Funken. Die Kunst ist, zusammenzuhalten, aber auch zum richtigen Zeitpunkt Abstand zu bewahren und sich nicht in die familieninternen Debatten der Mitbewohner einzumischen.“ Indra wird zwar demnächst in eine eigene Wohnung ziehen, hält es aber für möglich, „es irgendwann wieder in gemeinschaftlicher Konstellation zu probieren: Ich bin überzeugt davon, dass sich das System durchsetzen wird. Angesichts der Wirtschaftslage und der wachsenden Zahl der Alleinerzieherinnen, die so die Betreuung gemeinschaftlich regeln können, erscheint mir das auch logisch.“

Dass die „boomende Sehnsucht nach dem Land, dieses seltsame neue Phänomen“, so Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff, in Kombination mit „Co-Housing“, so der moderne Terminus für ideologiefreies Wohnen im Rudel mit Möglichkeiten zur Privatsphäre, dauerhaft funktionieren kann, sieht man am „Lebensraum Niederhof“ in Niederösterreich, wo man mit echter Bullerbü-Romantik konfrontiert wird.

Ein Ensemble verwitterter, aber liebevoll restaurierter Landvillen in Schönbrunner Gelb steht da in einem abgeschieden Tal in den niederösterreichischen Voralpen, rundum sattes Waldgrün, rechts die Ziegen, links ein Badeteich, oben Kühe, hinten Gemüsebeete und in der Mitte: Kinder. Sie spielen Ball und mit den frei laufenden Hühnern, fahren Rad, schreien, schaukeln, springen am Trampolin. In einer ehemaligen Industriellenvilla mit vier Nebengebäuden, die in ihrer bewegten Geschichte schon als Weltkriegslazarett, Sanatorium und Asylantenheim fungierte, praktizieren die Bewohner des Niederhofs seit fünfzehn Jahren ihr Wohnprojekt in der ländlichen Einsiedleridylle. Vier befreundete Familien standen am Anfang, „ohne jede Kommunenideologie“, wie Markus Wenth, einer der Mitbegründer, erzählt: „Wir wollten einfach gemeinsam am Land leben. Und dann ist das irgendwie gewachsen.“ Heute leben 47 Menschen hier (darunter 24 Kinder), einige von ihnen als Hauseigentümer, einige als Mieter, manche als Untermieter, jeweils in eigenen Haus- und Wohneinheiten mit allem, was zu einem Haus oder einer Wohnung dazugehört: Küche, Bad, Privatsphäre. Und jeder Menge gemeinsamer Fläche dazwischen, einer selbst verwalteten Alternativschule für die Sechs- bis 15-Jährigen, einem Gemeinschaftsraum, einer Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftsgärten. Ingrid Lindner strahlt, wenn sie über ihr Leben auf dem Lindenhof erzählt. Vor ein paar Wochen ist die Mittvierzigerin mit ihrem Mann Helmut und den beiden jüngeren Söhnen Maximilian und Felix hierhergezogen: „Das ist der ideale Lebensraum für uns. Hierherzuziehen war auch ein Neubeginn. Wir sind jetzt in einer Lebensphase, in der man sich mehr und mehr aufs Wesentliche konzentriert: auf Beziehungen und aufs Zusammenleben.“

Rainer Langhans
, Posterboy und Wortführer der Berliner Kommune 1, zweifelt keine Sekunde lang daran, dass sich das Projekt, das er mit sieben Genossinnen und Genossen im Jahr 1967 begonnen hat, trotz aller Rückschläge durchsetzen wird. Vor allem in Form der „demografisch erzwungenen Altenkommune“: „Es gibt sehr viel mehr Frauen, ältere, als Männer. Und es gibt das Bedürfnis und die Erfahrung, dass es besser ist, in einer Gruppe als einsam alt zu werden.“ Tatsächlich sehen das inzwischen nicht nur Altachtundsechziger so: Das Konzept der Senioren-WG blüht längst nicht mehr nur in Privatinitiativen; auch das Österreichische Hilfswerk betreibt bereits mehrere einschlägige Einrichtungen.

„Wir sind im Begriff, uns von einer Versorgungsgesellschaft zu einer Partizipationsgesellschaft zu wandeln“, erzählt der Soziologe Peter Stoeckl, der gerade mit mehreren Freunden auf Grundstückssuche für ein solches Modell ist, „immer mehr Ältere machen sich Gedanken, wie sie die nächsten zwanzig, dreißig Jahre gestalten werden. In Norddeutschland hat sich dieses Phänomen bereits lawinenartig entwickelt.“

Über sein langjähriges Forschungsobjekt, den Friedrichshof, sagt Stoeckl heute: „Jede Utopie, auch die spektakulär gescheiterte, verdient es, studiert zu werden, denn sie ist auch immer eine Absage an die vorherrschenden Lebensformen der Epoche.“

Die heute 61-jährige Künstlerin Terese Schulmeister hat die Aufhebung jeglichen Privatbesitzes, die radikale Zertrümmerung der Zweierbeziehung zugunsten der freien Liebe, die Trennung der Mütter von ihren Kindern und die „körpertherapeutischen“ Inszenierungen auf der Basis von Wilhelm Reich über zwanzig Jahre an vorderster Front gelebt: Als Medizinstudentin ist sie 1972 in Muehls erste Kommune in der Wiener Praterstraße gekommen, im selben Jahr übersiedelte die Gruppe um den Aktionisten auf den burgenländischen Friedrichshof: „Ich habe damals nach etwas gesucht, ohne genau zu wissen, wonach. Als ich das erste Mal in meinem bürgerlichen Outfit in der Tür stand, hat mich der Otto mit den Worten ‚Na, jetzt mach einmal deine Blus’n auf!‘ reingeholt. Es herrschte dort so eine lockere Unbeschwertheit, ich habe überhaupt einmal begreifen gelernt, was künstlerischer Ausdruck ist, wie man seine eigene Kreativität zum Fließen bringt. Wir haben uns die Haare geschoren, weil wir alle Eitelkeiten ablegen wollten, uns mit einer Nähmaschine aus umgedrehten Pyamas Kleider genäht, Wilhelm Reich und Sigmund Freud studiert. Die Atmosphäre hatte etwas von Warhols Factory.“ Die Schwarz-Weiß-Fotos einer kahl geschorenen jungen, schönen Frau in sackartigen Gewändern, die sich schreiend auf dem Boden wälzt, sind Teil der österreichischen Kulturgeschichte. Die Tatsache, dass Terese Schulmeister als Tochter des verstorbenen „Presse“-Herausgebers aus bekanntem konservativem Wiener Großbürgertum entstammte, verlieh ihrem radikalen Befreiungsmarathon von allen gesellschaftlichen Zwängen eine zusätzliche Schockwirkung. Die Filmerin und Malerin war 40 Jahre alt, ihre beiden Töchter fünf und fünfzehn, als Muehl 1990 als Oberkommunarde abgesetzt wurde und der Friedrichshof sich langsam auflöste. Das Experiment endete mit dem größten Vaterschaftstest in der österreichischen Geschichte: „Es waren ja über hundert Kinder da, wir wussten ja nicht so genau, wer die biologischen Väter waren, es hatte auch in unserem Konzept keine Bedeutung, denn die Kinder waren Teil der Gemeinschaft.“ „Sehr bewusst“ hatte sie dann eine völlige Trennung von Muehl vollzogen; über seine Verurteilung zu einer siebenjährigen Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen sagt sie nur: „Wir haben das dann doch alle irgendwie überlebt. Der Künstler Otto Muehl war faszinierend, als Pädagogen hätten wir ihm nicht so lange zuschauen dürfen. Könnte ich noch einmal wählen, würde ich meinen Töchtern eine solche Kindheit nicht mehr zumuten.“

Inzwischen lebt Terese Schulmeister wieder in der großbürgerlichen Wohnung ihrer Kindheit. Und zwar zu zweit: „Mit einem sehr guten Freund.“ Auf dem heute sehr gepflegt wirkenden Friedrichshof, der als alternative Wohnsiedlung geführt wird und außerdem noch ein Seminarhotel und ein Landgasthof beherbergt, besitzt sie noch ein Atelier, in dem sich großflächige, bunte Ölgemälde voller Ironie, mit vielen nackten tanzenden Frauen und kopulierenden Paaren, stapeln: „Inzwischen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass das Kostbarste, was ich habe, die Zeit mit mir allein ist.“