Kraftwerk: Ultrakurzwellenreiter

Pop. Die Düsseldorfer Elektronik-Pioniere Kraftwerk melden sich nach 17 Jahren mit einem neuen Studioalbum zurück. Die Zeit, der sie stets so weit voraus waren, hat sie eingeholt. Doch bis heute zehrt die elektronische Popmusik von der visionären Arbeit der Menschmaschinen-Band.

Das Gefühl, von der Zeit überholt worden zu sein, kann Pop-Avantgardisten psychisch schwer beschädigen - und die Kunst jäh ins Aus führen: Nervenkrisen behindern den kreativen Prozess im Regelfall erheblich. Florian Schneider und Ralf Hütter haben solche Probleme nicht, vor allem wohl, weil sie wissen, dass sie die Zeit, die sie da eingeholt hat, in nicht geringem Maße selbst gestaltet haben. Schneider und Hütter sind nämlich nicht irgendwer, sondern Weltstars: Visionäre der synthetischen Schlagermusik, Demiurgen des Elektro-Pop. Das Pathos solcher Kategorisierungen ist hier ausnahmsweise am Platz: Was Schneider und Hütter, als Masterminds des Unternehmens Kraftwerk, seit knapp dreieinhalb Jahrzehnten auf dem Gebiet der synthetischen Klangerzeugung leisten, füllt längst die Geschichtsbücher der populären Musik.

Das dieser Tage erscheinende zehnte Kraftwerk-Album, genannt "Tour de France Soundtracks", führt vor allem die Gelassenheit vor, mit der diese Band offenbar auch ihre Spätphase zu gestalten plant: Dass die auf den 100. Geburtstag der Tour de France hin angelegte Platte nun doch zu spät, erst nach dem Ende der Tour 2003, erscheint, schmälert das Projekt keineswegs, demonstriert vielmehr den Perfektionismus ihrer Urheber. Aktualitäten verblassen angesichts eines Lebenswerks, das ohnehin stets jenseits des Zeitgeists entwickelt wurde.

Natürlich: Kraftwerk 2003 können nicht mehr Avantgarde sein, können sich ohne Gesichtsverlust nicht noch einmal zu neuen Impulsgebern stilisieren. Die radikale Ausdifferenzierung der elektronischen Popmusik seit 1980, die Kraftwerk selbst wie niemand sonst vorangetrieben haben, hat sich zu einer globalen Kultur entwickelt, zu einem hochkomplexen ästhetischen Feld mit schier unüberblickbarer Variationsbreite. In den "Tour de France Soundtracks" treten Kraftwerk daher den entscheidenden Schritt zur Seite: Gerade indem sich Schneider und Hütter, beide inzwischen dem Sechziger nahe, bewusst aus dem Spiel um die Trendführerschaft in Sachen Techno-Pop nehmen, lösen sie das Versprechen noch einmal ein, das Kraftwerk als unantastbare, quasi mythische Größe der jüngeren Musikgeschichte verankert hat.

Die künstlerische Konsequenz ist unüberhörbar: Das Beharren auf den alten, sehr privaten Obsessionen (Radsport, Robotik, Repetition) klingt weiterhin sanft an in den fast ätherischen, sehr eleganten synthetischen Kompositionen des neuen Albums, das nun annähernd siebzehn Jahre nach der letzten großen Studioarbeit ("Electric Café" von 1986) erscheint. (Das Remix- Doppelalbum von 1991 variierte lediglich bestehendes Material; vereinzelte Singles und Jingles, etwa jenes acht Sekunden lange Klangstück, das Kraftwerk gegen eine Spesenpauschale von 400.000 D-Mark für die Expo 2000 komponierten, ließen auf Größeres jeweils nur hoffen. Kein Album folgte.)

Gesamtkunstwerk. An der Herstellung von Kontakt sind Kraftwerk seit geraumer Zeit nur mehr in sehr eingeschränktem, vermutlich bloß technologischem Sinn interessiert. Interviews nehmen bei Schneider und Hütter schnell den Charakter von Verlautbarungen an: Journalisten werden, so sie überhaupt vorgelassen werden, im Vorfeld angewiesen, Fragen nur zu bestimmten, scharf umrissenen Themen wie etwa Ralf Hütters Fahrradsammlung zu stellen. Seit 1978 haben Kraftwerk keinen Fototermin mehr absolviert, und das legendäre Düsseldorfer Klingklang-Studio, in dem die Band (die offiziell bis heute vier Mitglieder im Line-up anführt) seit den frühen siebziger Jahren ihre Arbeit verrichtet, scheint weder Fax noch Telefon noch eine Adresse zu besitzen, die anzuschreiben Sinn ergäbe. Auch die edel designte, spielerisch aufbereitete Kraftwerk-Homepage (www.kraftwerk.com) weist naturgemäß weder Kontakt-Links noch sonstige Hinweise auf Ansprechpartner oder Produktionshauptquartiere aus. Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk hält sich weiterhin bedeckt.

"Kraftwerk", hat Schneider trocken in einer seiner raren Grundsatzerklärungen festgehalten, "ist keine Band, es ist ein Konzept, das wir Menschmaschine nennen." Das war nicht immer so, auch wenn die Künstlichkeit ästhetisch von Anfang an bestimmend war. Als Kraftwerk Ende der sechziger Jahre die Arbeit aufnehmen, ist die elektronische Musik durchaus kein abwegiger Gedanke mehr: Bands wie Can oder Tangerine Dream experimentieren ebenfalls erfolgreich mit synthetischen Sounds, und ähnlich wie diese setzen auch Kraftwerk (noch) Instrumente wie Flöte, Violine und Orgel ein. Mit einem Mini-Moog, einem (aus heutiger Sicht) primitiven analogen Synthesizer, der um jene Zeit freilich noch die Kosten eines Mittelklassewagens locker übersteigt, spielen Kraftwerk 1974 ihr drittes Album, "Autobahn ", ein; dessen zweiundzwanzigeinhalb Minuten dauernder Titelsong entfacht eine Aufmerksamkeit, die bis nach Amerika reicht, als wäre auch New York nur eine knappe halbe Autostunde von Düsseldorf entfernt. Der düstere, dabei seltsam warme Klang des Moog, der Gleichmut der Maschinenstimme, der Nachvollzug realer Motorengeräusche: "Autobahn" ist nicht nur ein Meilenstein der elektronischen Popmusik, sondern die Formulierung eines Stils.

Was dieser Stil mit der Popmusik seither angestellt hat, ist in seiner Tragweite kaum zu überschätzen: Eine auch nur annähernd repräsentative Rundschau der weit verzweigenden Wirkungskreise von Kraftwerk, die über Elektro-Pop und Techno hinaus bis in die moderne E-Musik reichen, könnte eine mittlere Pop-Bibliothek locker füllen.

Kleinempfänger. Schon 1975, ein Jahr nach "Autobahn", erscheint das nächste Opus magnum der Band - "Radioaktivität". Ein "deutscher Kleinempfänger" schmückt bildfüllend, schwarz und abweisend, Vorderund Rückseite des Plattencovers. Mit dem Titelstück gelingt die nächste Maßnahme auf dem Weg zur endgültigen künstlerischen Liaison von Wissenschaft und Pop. Hütter und Schneider lassen den titelgebenden Begriff doppelt gelten: als Synonym für atomare Strahlung und die demokratische Leistung des Rundfunkwesens. Die eigentümliche Aura der Platte verströmt sich in zeitlosem, dürrem Weltall-Klang und traurigen kleinen Melodien wie dem finalen "Ohm Sweet Ohm". In "Radioaktivität" ist das erste uneingeschränkte Meisterwerk der Ultrakurzwellenreiter Kraftwerk zu sehen - unterwegs mit deutschem Pathos und interstellarer Reiselust: Surfin' UKW.

"Trans Europa Express" führt 1977, zu einer Zeit, in der die Welt im Nihilismus des Punk versinkt, in aller Beiläufigkeit ein im Labor gebasteltes neues Genre vor: den Synthie-Pop. Der Song "Schaufensterpuppen " nimmt, zu gleichen Teilen ironisch und aggressiv, die gesamte Neue Deutsche Welle in wenig mehr als sechs Minuten Laufzeit vorweg. Und im Titellied widmen sich Kraftwerk einem weiteren Verkehrsmittel (nach dem Auto, vor dem Fahrrad: die Eisenbahn), das die Idee eines vernetzten Europa, von der sich die Band bereits hier fasziniert zeigt, auf den Punkt bringt. In der unentwegten Image-Korrektur beherzigen Kraftwerk außerdem das Prinzip Pop: Zeigt "Trans Europa Express" die Band noch im Styling der zwanziger Jahre, so tritt sie ein Jahr später, mit dem Album "Mensch-Maschine", in Gestalt einer Gruppe von Robotern auf. Zwei der Einspielungen auf "Mensch-Maschine" sorgen für eine weitere Popularisierung Kraftwerks: "Die Roboter" und "Das Model" werden zu (später oft gecoverten) Hymnen der Band.

Computerwelt. Drei Jahre nehmen sich Hütter und Schneider danach Zeit, um die Grundzüge einer neuen sozialen Ära auch klanglich angemessen zu begleiten: die Epoche der Heimcomputer. "Computerwelt" fasst, stilecht ausgestattet mit einem PC am Cover, 1981 noch einmal zusammen, wofür Kraftwerk bis heute stehen: die Ästhetisierung (und Emotionalisierung) eines angenommenen "Zukünftigen", die Vermittlung einer nur angeblich "entfremdeten" Welt.

"Computerwelt" ist eigentlich ein letztes Album. Die Arbeit ist getan, das Projekt vollendet. 1981 sind Kraftwerk, ein letztes Mal, auf der Höhe ihrer Zeit und ihrer Kunst. Die Zeit hat sie mittlerweile eingeholt, das musste so sein. Der dürre Output der Band seither ist ein Zeichen des Wissens um diese Unabwendbarkeit. Was sich immerhin und dennoch erhalten lässt, ist Stilsicherheit, gedankliche Beweglichkeit und Würde: "Tour de France Soundtracks" ist dafür ein wunderbarer Beleg.