„Kreativ in der Selbstverleugnung“

Gabriele Fischer, 44, Psychiaterin und Leiterin einer Kokainstudie, über Konsumverhalten und Selbsteinschätzung der „Party-Gruppe“ und die gefährlichen Konsequenzen des euphorisierenden Pulvers.

profil: Sie haben im Zuge einer EU-Studie von zehn Städten in Wien 211 Kokainkonsumenten untersucht. Wie kokainsüchtig ist Wien?
Fischer: Laut Schätzung des Europäischen Drogenbeobachtungszentrums konsumieren zwei Prozent der Wiener Bevölkerung regelmäßig Kokain. Wobei ich sogar sagen würde, dass das vorsichtig geschätzt ist. Im Vergleich liegt Wien im Mittelfeld; Spitzenplätze nehmen Hafenstädte wie Barcelona und Hamburg ein, wo auch besonders viel Crack genommen wird.
profil: Sie haben Ihre Testpersonen in drei Gruppen unterteilt.
Fischer: Die „Szene-Gruppe“, vorrangig auf der Straße zu finden, nimmt Kokain neben anderen Drogen intravenös zu sich und ist schwer abhängig. Die „Treatment-Gruppe“ sind Substanzabhängige in Erhaltungstherapie mit synthetischen Opioiden, wie dem Heroinersatz Methadon. Die „Party-Gruppe“ ist sozial integriert, meist erfolgreich im Berufsleben und für uns deswegen am schwersten zugänglich. Sie konsumiert Kokain nur nasal.
profil: Ist Kokain in Österreich nicht längst salonfähig geworden?
Fischer: Und genau darin liegt auch die Gefahr. Denn die „Party-Gruppe“ neigt am ehesten von allen Befragten zur Bagatellisierung ihrer Problematik. „Ich habe alles unter Kontrolle“, hört man sehr häufig.
profil: Wann wird denn Kokainkonsum problematisch?
Fischer: Wenn Kokain regelmäßiger Bestandteil des Alltags wird. Der klassische „Party-Gruppen“-Repräsentant zieht sich sein Kokain am Freitag und Samstag rein. Wenn der Donnerstag ein Feiertag ist, kommt auch der Mittwoch dazu etc. Der Party-Typus lässt sich sein Kokain durchschnittlich an acht Tagen 600 Euro monatlich kosten; gleichzeitig verzeichnet er einen durchschnittlichen Arbeitsausfall von sieben Tagen im Monat.
profil: Existiert innerhalb dieser „PartyGruppe“ ein Prototyp?
Fischer: Zu zwei Dritteln ist diese Gruppe männlich. Es sind vor allem Leute, die auf Termindruck und projektbezogen arbeiten, wie zum Beispiel Immobilienhändler, Journalisten, Künstler, Werbeleute. Schüchterne Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl laufen natürlich eher Gefahr, chronisch abhängig zu werden. Die „Party-Gruppe“ besorgt sich ihr Kokain auch nicht auf der Straße wie die „Szene-Gruppe“, die haben alle ihre persönlichen Kontakte. Neben dem Kokain werden ungeheure Mengen Alkohol konsumiert – vor allem Champagner und Wodka.
profil: Was sind die ersten Symptome einer beginnenden Abhängigkeit?
Fischer: Es beginnt mit Depressionen am Tag danach. Diese Zustände sind kurzfristig sehr leicht mit erneuter Kokaineinnahme zu beheben. Es kommt zu gesteigerter Aggressionsbereitschaft, was vor allem zwischen Kokainpärchen zu Gewalteskalationen führen kann. Das Problembewusstsein verringert sich. Kokainabhängige entwickeln eine ungeheure Kreativität in der Selbstverleugnung. Schlaflosigkeit, Unzuverlässigkeit und eine hohe Fehlerquote bei der Arbeit sind weitere Konsequenzen.
profil: Warum sind Frauen weniger anfällig für Kokain?
Fischer: Das ist ökonomisch zu erklären. Aber Frauen holten extrem auf, wie unsere Untersuchung zeigt. Eine besondere Gefahr besteht durch die Hypersexualisierung, einer Begleiterscheinung von Kokain, wo Frauen dann gehäuft zu ungeschütztem Sex neigen. Ihr Ansteckungsrisiko für Infektionen ist viel höher. Aber auch die appetitdämmende Wirkung von Kokain ist sehr verführerisch.
profil: Es heißt, dass Kokain nicht körperlich süchtig macht.
Fischer: Eine geistige Abhängigkeit ist aber genauso schwer wiegend wie eine körperliche. Die Nebenwirkungen bei dauerhaftem Konsum sind paranoide Zustände bis hin zu Psychosen. Kokainkonsumenten setzen sich auch einem viel höheren Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle aus. Und natürlich trägt die Nasenscheidewand schwere Schäden davon. Zelltoxische Konsequenzen spielen sich im ganzen Körper ab.
profil: Wie kann man die „Party-Gruppe“ therapeutisch erfassen?
Fischer: Ihre Hemmschwelle ist leider sehr hoch. Die Leute leben eine Zeit mit maximalem Tempo und verabschieden sich dann zu einem Erholungsaufenthalt. Nach diesem Muster leben sie oft über Jahre. Eine Motivation aufzuhören ist das Aging-out-Phänomen. In ihrer Lebensmitte denken sich manche: „Eigentlich möchte ich irgendwann lieber ein Wochenendhaus, als mir ständig alles durch die Nase zu ziehen.“
profil: Wie reagieren Sie als Leiterin der Drogenambulanz am Wiener AKH auf die Tatsache, dass Kokain zunehmend zur Volksdroge wird?
Fischer: Wir haben eine wöchentliche telefonische Kokainsprechstunde eingerichtet, wo Leute anonym um Hilfe bitten können. Allerdings müssten sie dann auch in weiterer Folge persönlich zu uns kommen. Wir arbeiten dann vor allem mit einem verhaltenstherapeutischen, aber auch medikamentösen Ansatz. Ich plädiere dringend dafür, spezifische Einrichtungen für Kokainabhängige einzurichten, denn der abhängige Party-Konsument hat imagemäßig ein großes Problem, sich mit einem Straßen-Junkie in dasselbe Wartezimmer zu setzen. Betriebsärzte sollten sich verstärkt mit der Suchtproblematik auseinander setzen, aber auch Psychiater, die sich historisch lange nicht Suchtkranker angenommen haben.