Kreuzzug gegen den Islam

Übernehmen die Moslems unseren Kontinent und ­verdummen ihn? Islam-Gegner aller politischen Richtungen treten als Untergangs­propheten auf – mit viel Rückhalt in der ­Bevölkerung und höchst fragwürdigen Behauptungen.

Dumpf, gewaltbereit, demokratie-, modernisierungs- und frauenfeindlich – es gibt keine Bevölkerungsgruppe, gegen die in der Öffentlichkeit quer durch alle Schichten so viel Ablehnung herrscht; keine andere, die über alle ideologischen Grenzen hinweg als so bedrohlich wahrgenommen wird; keine andere, über die sich die Mehrheit der Bevölkerung eine so fest gefügte, scheinbar wohlbegründete negative Meinung gebildet hat: Moslems in Europa.

Die deutsche Feministin Alice Schwarzer fühlt „Unbehagen an der statistisch nachweisbaren höheren Gewalt in traditionell moslemischen Familien“. ÖVP-Innenministerin Maria Fekter weiß, dass „Toleranz im Islam ein absolutes No-go“ ist.

Der steirische BZÖ-Spitzenkandidat Gerald Grosz warnt davor, dass moslemische Zuwanderer im Verborgenen die „Widerstandsnester einer Parallelgesellschaft“ bauen. Der tendenziell linke Blogger Manfred Klimek, Wahl-Berliner mit Wiener Wurzeln, ist überzeugt, dass in ihren Kreisen „bis auf wenige Einzelfälle ein krudes und starres Weltbild herrscht, das Frauenrechte verhöhnt, das Stamm, Clan, Sippe und vor allem Religion vor Staat und Gesellschaft stellt“.

Der niederländische Rechtspopulist ­Geert Wilders sieht in ihrer Religion eine „faschistische Ideologie“, FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky in ihren Gebetshäusern „Brutstätten des radikalen Islam“. Der rechtsliberale österreichische Kommentator Christian Ortner erkennt bereits Anzeichen dafür, dass „Elemente der Scharia in die Handhabung des deutschen Strafgesetzes“ eingeführt werden.

Und dann ist da noch Thilo Sarrazin, Sozialdemokrat, ehemaliger Finanzsenator von Berlin, langjähriges Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, seit Neuestem Sachbuchautor. Er hat all diese Vorwürfe zusammengefasst, anhand von Statistiken zu belegen versucht und um eine neue, gravierende Behauptung erweitert: dass moslemische Zuwanderer aufgrund höherer Fertilität bei genetisch bedingt geringerer Intelligenz drauf und dran seien, den Kontinent zu übernehmen und zu verdummen. Am Ende steht in diesem Szenario ein Europa, das einem weit nach Norden gewucherten Vorort von Kairo gleicht – dominiert von ungebildeten, in vormoderner Denkungsart erstarrten, islamistisch geprägten Massen.

Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist damit zum Bestseller geworden, der Autor selbst spätestens durch seinen unter massivem Druck erfolgten Rücktritt als Notenbanker und den im Raum stehenden Rauswurf aus der SPD zum Volkshelden. Der ­darüber vom Schwel- zum Flächenbrand entfachten Debatte kann sich kaum jemand entziehen: in Deutschland allein aufgrund der exponierten Position des Autors, in Österreich nicht zuletzt wegen der bevorstehenden Landtagswahlen in Wien und der Steiermark, hier wie dort, weil das Thema die Öffentlichkeit bewegt wie kaum ein anderes.

Bei einer kürzlich erstellten Studie im Auftrag des Internationalen Instituts für Liberale Politik in Österreich bezeichneten 71 Prozent der Befragten die Lebensweise von Migranten aus islamisch geprägten Ländern als „mit den westlichen Vorstellungen von Demokratie, Freiheit und Toleranz nicht vereinbar“. 54 Prozent sehen im Islam eine „Bedrohung für den Westen und unsere gewohnte Lebensweise“.

All das unter der wie selbstverständlich vorausgesetzten Prämisse, dass der Islam per se unreformierbar sei – und damit auch seine Anhänger unfähig zur Modernisierung und Veränderung.

Die Debatte

Es ist eine schrill, unversöhnlich und mit der Überzeugung des Halbwissens geführte Debatte, bei der sich allesamt missverstanden und ungerecht behandelt fühlen: die Islam-Kritiker, weil sie keine Rassisten sein, sondern aus ihrer Sicht nur auf von der Politik ignorierte Probleme hinweisen wollen. Die Beschwichtiger, weil sie sich als Realitätsverweigerer und Multikulti-Träumer verunglimpft sehen. Die moslemischen Migranten selbst, weil ihnen entweder nicht zugehört oder ihren Gegenargumenten kein Glauben geschenkt wird.

Nachgeben will auch niemand: Jede Seite präsentiert ihre Kronzeugen und zweifelt die Glaubwürdigkeit der gegnerischen an. Moslems, die mit der Kraft eigener Erfahrung als Islam-Kritiker auftreten, setzen sich dem Verdacht aus, persönliche Betroffenheit unzulässig zu verallgemeinern. Wissenschafter, die populistische Pauschalbehauptungen differenzieren, werden schnell ­geziehen, ideologisch motivierte Schönrednerei zu betreiben: Als „studierter Scharlatan“, der „bezahlte Auftragsstudien liefert“, wurde etwa im Debattenforum von „Spiegel online“ Klaus J. Bade gescholten, der Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Der Grund: Bades Aussage, dass ­„Integration in Deutschland sehr viel erfolgreicher verläuft, als es die Desintegrationspublizistik glauben machen will, auch im internationalen Vergleich“.

Parallel dazu verfestigt sich der Mythos, Kritik am Islam sei nicht mehr erlaubt. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, trotzte die deutsche „Bild“-Zeitung vor wenigen Tagen auf der Titelseite, als sei die Meinungsfreiheit inzwischen abgeschafft. Darunter druckten die Blattmacher eine ganze Reihe von Sätzen auf: „Nicht wir müssen uns den Ausländern anpassen, sondern sie sich uns“, zum Beispiel. Oder: „Zu viele junge Ausländer sind kriminell.“ Ein mutiger Tabubruch? Schwerlich. Einschätzungen wie diese sind sowohl in Deutschland als auch in Österreich ohnehin seit geraumer Zeit gesellschaftlicher Mainstream, wenn über Zuwanderung und Islamisierung geklagt wird.

Bei allen Problemen, die in Mitteleuropa durch die massive Zuwanderung der vergangenen Jahrzehnte unbestreitbar entstanden sind: Die Panikattacken, die sich bereits vor Sarrazins Buch angekündigt hatten und mit seinem Erscheinen akut geworden sind, lassen sich durch Zahlen, Daten und Fakten nicht rechtfertigen. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Darf man ungestraft behaupten, dass Kultur und Lebensstil mancher moslemischer Migranten nicht zum Westen passen? Freilich. Stimmt die Behauptung? Wohl auch. Kann man daraus ableiten, dass die Umwandlung Europas in ein Kalifat unausweichlich ist? Keineswegs. profil hat die wichtigsten Behauptungen von Sarrazin und Co analysiert und einer Bewertung unterzogen.

1. Die Islamisierung Europas ­schreitet unausweichlich voran­

Bis vor wenigen Jahrzehnten waren große Teile Westeuropas rein christlich geprägt. Ausnahmen bildeten lediglich Frankreich und Großbritannien, die durch ihre Kolonien in Afrika, im Nahen Osten und in ­Südasien bereits seit Jahrhunderten mit Zuwanderern aus der islamischen Welt vertraut waren.
In Österreich lag der Anteil der Moslems im Jahr 1971 bei lediglich 0,3 Prozent. Inzwischen liegt ihre Zahl bei rund 500.000, also 4,2 Prozent – durch Zuwanderung und höhere Geburtenraten. Würde diese Entwicklung, die ähnlich auch in Deutschland zu verzeichnen ist, linear fortgeschrieben, dann wäre Mitteleuropa binnen weniger Generationen tatsächlich überwiegend islamisch.

Was bislang aber kaum berücksichtigt wurde: Die Dynamik hat sich bereits stark abgeschwächt. Deutschland verzeichnete im Jahr 2008 aus seiner größten moslemisch geprägten Minderheit, den Türken, etwa bereits eine Netto-Abwanderung von mehr als 10.000 Personen. Hinzu kommt, dass die Geburtenraten moslemischer Frauen in Europa allgemein deutlich sinken. Nach den letzten verfügbaren Zahlen bekommt eine in Deutschland lebende Familie mit türkischem Migrationshintergrund etwa durchschnittlich 2,1 Kinder. „Das reicht gerade mal, um die Bevölkerung stabil zu halten. Und die Fertilität wird mit großer Sicherheit weiter sinken“, konstatierte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vor Kurzem dazu.

Es wird somit bei einem derzeitigen moslemischen Bevölkerungsanteil von 3,5 Prozent und einer immer restriktiveren Zuwanderungspolitik auf absehbare Zeit auch nicht reichen, um die religiöse und kulturelle Übernahme Europas anzuzetteln.

2. Der Islam ist ein monolithischer, unreformierbarer Block

Die Gegner des Islam haben es insofern schwer, als ihre Vorwürfe angesichts von mehr als 1,5 Milliarden Moslems weltweit und ­einer Vielzahl von islamisch geprägten Staaten mit sehr unterschiedlicher Rigidität in der Religionsausübung schnell irgendwo widerlegt sind: Ein bosnischer Moslem, der in Österreich lebt, praktiziert seinen Glauben komplett anders als ein doktrinärer Wahhabit in Saudi-Arabien oder ein Glaubensbruder im vergleichsweise liberalen Indonesien.

Im Widerspruch dazu wird der Islam von Populisten wie Geert Wilders und Thilo Sarrazin in erster Linie als prinzipiell schädliche Ideologie und die moslemische Welt als unreformierbarer, monolithischer Block dargestellt. Ayaan Hirsi Ali, eine ehemalige niederländische Politikerin somalischer Herkunft, die heute als Intellektuelle in den USA lebt, bemüht sich redlich, die Idee zu zerstreuen, es könne so etwas wie moderate ­islamische Staaten geben.

Sie beruft sich auf Samuel Huntingtons Theorie vom „Kampf der Kulturen“, laut welcher der Westen sich gegen den Islam verteidigen müsse. Dummerweise passt ein Staat wie die demokratische Türkei, die immerhin – zumindest formell – in Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union steht, da nicht so recht ins Bild. Hirsi Ali sammelt deshalb tatsächliche oder vermeintliche Untaten der Regierung Erdogan, um nachzuweisen, dass die Türkei ebenso wenig als moderat bezeichnet werden könne wie Indonesien oder Malaysia. Beispiele: Die Hilfsflottille für Gaza startete von der Türkei aus! Die Türkei machte mit Brasilien gemeinsame Sache und sabotierte die Sanktionsanstrengungen der USA gegen den Iran! Präsident Recep Tayyip Erdogan gratulierte dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zur Wiederwahl!

Die Frontlinien müssen klar bleiben, eine Allianz zwischen dem Westen und der Türkei würde bedeuten, dass auch andere Staaten mit islamischer Bevölkerungsmehrheit den Weg zu einer Demokratie beschreiten könnten. Dann wäre der Kampf der Kulturen obsolet. Hirsi Ali, eine der Speerspitzen der antiislamischen Konfrontationsideologie, will den Krieg nicht beilegen, sie will ihn gewinnen.

3. Durch Bildungsferne und ­genetisch bedingt geringere ­I­ntel­ligenz tragen Moslems zur Verdummung Europas bei

Eines lässt sich nicht von der Hand weisen: Die Zeiten, in denen der Wissenstransfer von den Hochkulturen des Nahen und Mittleren Ostens Richtung Europa verlief und nicht umgekehrt, sind mehr als 1000 Jahre vorbei. Seither ist das intellektuelle Klima in weiten Teilen der islamischen Welt verkümmert – Bildung besteht vielfach darin, Koranstudien zu betreiben, kritisches Hinterfragen und selbstständiges Denken werden behindert.

In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ haben sich zwei anerkannte Entwicklungspsychologen Sarrazins Thesen zu Gemüte geführt und weisen darauf hin, dass „türkische Immigrantenkinder in Schulleistungs- und Intelligenzteststudien in der Tat schwach abschneiden“.

Eine Verbindung mit der genetischen Grundausstattung können sie aber nicht erkennen, ebenso wenig einen behaupteten Zusammenhang mit einem Intelligenzverlust durch die statistisch häufigeren Verwandtschaftsheiraten von Moslems, denn: „Türkischstämmige Schüler in den Niederlanden schneiden besser ab als türkischstämmige Kinder in Deutschland, in Bayern Mig­ranten besser als in Berlin. Die Leistungen von Schülern, nicht nur von Immigranten, hängen also sowohl von Faktoren ab, die die Schüler mitbringen, als auch von länderspezifischen Besonderheiten (z. B. Qualität des Schulsystems)“, heißt es in dem Artikel.

Was durchaus eine Rolle spiele, sei ein „intellektuell weniger stimulierendes Familienklima“. Aber auch das ist nur bedingt mit der Religionszugehörigkeit in Zusammenhang zu bringen: Auswanderer aus dem rigide schiitisch geprägten Iran schaffen in den meisten Fällen den beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg. Sie entstammen allerdings vielfach den Eliten ihres Heimatlands – im Gegensatz zu den meisten nach Österreich zugezogenen Türken, die aus der Dorfkultur Anatoliens kommen. Das heißt aber mitnichten, dass Letztere auf ewig ungebildet bleiben. Der von der Akademie der Wissenschaften herausgegebene „2. Österreichische Migrations- und Integrationsbericht“ kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Zuwandererkinder höhere Schulen besucht und bessere Berufe ergreift als ihre Eltern: „Zieht man die starke Konzentration der ausländischen Väter auf Berufe im unqualifizierten Sektor in Betracht, so ist aber der Mehrheit der zweiten Generation ein Aufstieg in den beruflichen Qualifikationen gelungen.“

Auch das verwundert nicht, wenn man weiß, dass laut einer im Auftrag des österreichischen Innenministeriums durchgeführten Integrationsstudie an erster Stelle der Wünsche von moslemischen Zuwanderern eine gute Ausbildung für ihre Kinder steht.

4. Moslems leben in Parallel­gesellschaften und sträuben sich gegen die Integration

Anfang des Jahres blieb so manchem Franzosen der Hamburger im Hals stecken. Das Management der französischen Fast-Food-Kette Quick hatte beschlossen, in einigen Filialen nur noch Fleisch anzubieten, das „halal“ – also nach islamischen Regeln ­zubereitet – war. In den Burgern wurde Schinken durch geräucherten Truthahn ersetzt. Ein Bürgermeister drohte daraufhin, Quick wegen Diskriminierung von Nichtmoslems zu klagen; der Landwirtschaftsminister wetterte, „ethnisches Marketing“ widerspreche französischen Werten, und ein Politiker des Front National empörte sich, dass der Preis für einen Halal-Burger auch eine „Islam-Steuer“ beinhalte, weil ein Imam gegen Bezahlung das Halal-Zertifikat ausstellt.

Hinter der einigermaßen lächerlichen Aufregung verbarg sich wieder einmal die Angst, die Moslems könnten Parallelgesellschaften errichten, in denen islamische Regeln gelten. Während koschere Bäckereien im schicken jüdischen Pariser Marais-Viertel als Bereicherung gelten, vermuten besorgte Bürger hinter moslemischen Angeboten eine Gefahr für die einheimische Kultur. In Österreich stößt sich der Freiheitliche Pressedienst sogar daran, dass in einer städtischen Wohnhausanlage „statt eines Billa“ ein türkischer Supermarkt eröffnet hat und noch dazu ein Hundeverbotsschild aufgestellt wurde – angeblich, weil moslemische Bewohner diese als „unreine“ Tiere betrachten.

Die ÖVP verlangt, dass in Moscheen Deutsch gesprochen werden soll. Generalsekretär Fritz Kaltenegger erläutert: „Da ist die Islamische Glaubensgemeinschaft gefordert. Sie könnte damit zeigen: Wir sind transparent, wir haben nichts zu verbergen.“ Auch diese Forderung ist wohl von dem Unbehagen getragen, Moslems könnten hinter unseren Rücken ihr eigenes Süppchen kochen. Wenngleich Kaltenegger hinzufügt, die Regelung gelte „dann selbstverständlich für alle Religionen“.

Die Vorbehalte treffen natürlich auch das Schulsystem, in dem es unbestrittenermaßen „Spannungsfelder durch den Mix aus Kulturen, Religionen und Sprachen gibt“, wie Stephan Maresch, Vorsitzender der Pflichtschullehrer-Personalvertretung in Wien, sagt. Insbesondere in Bezirken, in denen aufgrund der Wohnsituation eine besonders hohe Ausländerdichte herrscht. „Moslems bilden dabei aber keine spezielle Ausnahme“, relativiert Maresch.

Allerdings beklagen sich Lehrerinnen und Lehrer immer öfter über Spannungen aufgrund rigider islamischer Essensvorschriften. „Es gibt tendenziell mehr Eltern, die das intensiv ausleben. Diese pochen in Klassen mit einem hohen Anteil an Moslems auch darauf, dass sie in der Mehrheit sind und sich der Rest daher nach ihnen richten muss“, so Maresch. Oder dass weibliche Lehrer von moslemischen Eltern nicht voll akzeptiert werden. Es sei auch kein Einzelfall, dass gut integrierte Mädchen in der Unterstufe abgemeldet werden und verschwinden – mutmaßlich zur Verheiratung in ihrer jeweiligen Heimat.

Sevim Gedik, Mitarbeiterin der Wiener Beratungsstelle „Orient Express“, verfügt über die Zahlen der von Zwangsehen bedrohten Mädchen, die sich an ihre Institution gewandt haben. 2005 waren es 46, im Jahr 2009 72 Fälle. Gedik fügt jedoch hinzu, dass es 2005 überwiegend Frauen waren, die bereits in einer Zwangsehe steckten, während mittlerweile vor allem Mädchen Rat suchen, die einem solchen Schicksal entgehen wollen. Außerdem spiele die Religion keine ursächliche Rolle, so Gedik. Es gebe auch Vorkommnisse von Zwangsehe bei Familien aus nichtislamischen Ländern. Bloß interessieren solche Fälle niemanden.

5. In moslemischen Familien herrscht ein größeres Ausmaß an Gewalt als in anderen

Rosa Logar ist die Frau mit dem wohl besten Überblick über Opfer, Täter und Hintergründe häuslicher Gewalt, den man in Wien haben kann. Sie leitet die Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, die im vergangenen Jahr 4226 Fälle misshandelter Frauen behandelte.

Die Religionszugehörigkeit der Klientinnen und Klienten wird von der Interventionsstelle zwar nicht erfasst – sehr wohl aber die Herkunft. Wenn die Aussagen von Thilo Sarrazin stimmen, nach denen in moslemischen Migrantenfamilien ein besonders hohes Gewaltpotenzial herrscht, müssten überdurchschnittlich viele Frauen aus türkischem Umfeld bei der Interventionsstelle um Hilfe ansuchen: Die Mitglieder der – je nach Zählweise – zweit- oder drittgrößten (wenn man Eingebürgerte der zweiten Generation weglässt) Minderheit in Österreich sind zu mehr als 70 Prozent bekennende Moslems.

Logar kann Sarrazins These allerdings nicht bestätigen. Überdurchschnittlich viele Täter kommen ihren Zahlen zufolge aus einem anderen Land, das sie nicht nennen will. Nur so viel: Es befindet sich in Südosteuropa und ist christlich geprägt.

Ist es möglich, dass sich misshandelte Mosleminnen aus irgendwelchen Gründen weniger oft an die Interventionsstelle wenden als Angehörige anderer Religionen? Nein, sagt Logar: Hohe Dunkelziffern gebe es vor allem in sozial höhergestellten Schichten – alleine aufgrund der Wohnverhältnisse. Wenn in einem Einfamilienhaus oder in einer Villa mit Garten geprügelt wird, dringen die Geräusche nicht so leicht nach ­außen. Auffällig ist aber auch eines: „dass sich die Zahl der Ehescheidungen von Personen mit türkischer Staatsbürgerschaft in der letzten Dekade mehr als verdoppelt hat“, wie der „2. Österreichische Migrations- und Integrationsbericht“ festhält. Das kann gleichermaßen für einen hohen häuslichen Aggressionspegel sprechen wie auch für eine fortschreitende Emanzipation türkischer Frauen der zweiten und dritten Einwanderergeneration „durch ökonomische Selbstständigkeit sowie rechtliche und soziale Absicherung“.

6. Moslemische Jugendliche sind krimineller als andere

Der Topos der durch die Städte marodierenden türkischen Jugendbanden gehört zum unverzichtbaren Repertoire der Warner vor den Auswüchsen moslemischer Zuwanderung. Johann Gudenus, Nummer zwei der Wiener FP-Liste hinter Parteichef Heinz-Christian Strache, hält den türkischen Islam für „nicht integrierbar“ und begründet dies in einem „Presse“-Interview mit dem Problem der „jungen Türken, weil sie sich nicht integrieren wollen, gewalttätiger sind, mehr zu Kriminalität neigen“. Gudenus beruft sich dabei ausdrücklich auf den deutschen Kriminologen Christian Pfeiffer, der offenbar vergeblich darauf hinweist, dass die Ergebnisse seiner Studien nicht erlaubten, den Islam als die Ursache der Gewalt zu interpretieren. Auch dass Pfeiffer zur Gewaltprävention die Auflösung der Hauptschule anregt, weil diese besonders Migrantenjugendliche in eine „Problem-Spirale“ befördere, dürfte Gudenus weniger gut ins Konzept passen.

Unbestreitbar ist, dass türkische und arabische Jugendliche oft von einem Männlichkeitskonzept geprägt sind, in dem Gewalt eine zentrale Bedeutung hat. Das führt in Stadtvierteln mit einem hohen oder überwiegenden Anteil von moslemischen Zuwanderern zweifellos zu Spannungen mit der angestammten Bevölkerung.

Camellia Anssari, Pressesprecherin der Bundespolizeidirektion Wien, war bis vor Kurzem als Streifenpolizistin in einschlägigen Wiener Grätzeln im Einsatz – und hat als geborene Perserin zudem selbst Migrationshintergrund: Bei ihren Patrouillen durch den 2. und 20. Bezirk in Wien habe sie keinen Zusammenhang zwischen Religion und Kriminalität festgestellt, sagt Anssari: „Türken und Moslems im Allgemeinen waren auch nicht aggressiver als andere Migranten oder Österreicher, mit denen wir im Zuge von Amtshandlungen zu tun hatten. Ich konnte auch keine Häufung erkennen, die eklatant außerhalb des statistischen Bevölkerungsschnitts gelegen ist.“

Kriminologe Pfeiffer warnt vor dem Phänomen des „Rückzugs in die Ethnie und in die Religion“ bei Jugendlichen. Religiöse junge Moslems hätten tendenziell weniger deutsche Freunde, ihr Bildungsstand sei niedriger, sie nutzten verstärkt brutale Computerspiele und bejahten eine Machokultur. Dies seien laut Pfeiffer Verstärkungsfaktoren der Jugendgewalt. Aber nicht der Islam mache gewalttätig, so der Kriminologe, sondern „die Art und Weise, wie er von den Imamen zelebriert wird“.

7. Die Moslems wollen mit der ­Errichtung von Minaretten einen ­Dominanzanspruch stellen

Es war im Jahr 1998, als der damalige Istanbuler Bürgermeister, ein gewisser Recip Erdogan, leichtsinnig einen Vers zum Besten gab, der dem türkischen Dichter Ziya Gökalp (1876–1924) zugeschrieben wird: „Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Dieses Zitat ist seither unter islamophoben Europäern der bekannteste Satz der türkischen Literaturgeschichte, scheint er doch zu beweisen, dass der Bau einer Moschee oder eines Minaretts als kriegerischer Akt der Landnahme zu verstehen ist.

Die Schweizer Bevölkerung sprach sich folgerichtig bei einer Volksabstimmung im November vergangenen Jahres für ein Bauverbot von Minaretten aus. Die deutsche Feministin Alice Schwarzer begrüßte diesen Volksentscheid. Zwar tue „so ein Minarett eigentlich niemandem weh – zumindest, solange es sich nicht demonstrativ machtvoll“ in den Himmel recke, aber es rufe eben Unbehagen hervor. Auch in Österreich geben Politiker aller Couleurs den Moslems gern herablassend-boshafte Tipps, wonach spirituelle islamische Architektur besser ganz bescheiden bleiben und ohne Turm auskommen sollte.

Derzeit gibt es in Österreich rund 200 islamische Gebetshäuser, aber nur vier Moscheen mit Minarett. Zwei davon wurden in jüngster Vergangenheit errichtet – mit möglichst unauffällig gestalteten Gebetstürmen, um jedem Verdacht auf Dominanzansprüche zu begegnen.

Die Sakralisierung eines ­Sozialproblems

Es gibt immer wieder Fälle, die den generellen Vorbehalt gegenüber moslemischen Migranten zu bestätigen scheinen: In den Problembezirken der großen Städte sind sie häufiger, anderswo seltener. Es gibt Scharfmacher auf beiden Seiten und Spannungen, denen von der Politik in den vergangenen Jahren komplett falsch begegnet wurde: durch Ignoranz oder Aufbauschung. Und es gibt ein weit verbreitetes Sentiment in der Bevölkerung, das aus der moslemischen Zuwanderung zumindest ein alltägliches Ärgernis, wenn nicht gleich eine Bedrohung der abendländischen Kultur ableitet – was dazu führt, dass vorwiegend sozial begründete Probleme quasi sakralisiert und mit dem Nimbus der immerwährenden, absoluten Unlösbarkeit versehen werden.

Was es nicht gibt, sind Fakten, die das in all seiner Pauschalität belegen würden. Insgesamt basiert die Debatte auf keinen gesicherten Zahlen: weil es sie, was etwa Gewalt in der Familie betrifft, schlicht nicht gibt; oder weil sie, wenn vorhanden, willkürlich interpretiert werden.

Ab dann schlägt das Pauschalurteil alles andere – und die Diskussion endet bei Postings wie jenem, das kürzlich auf der Website sosheimat.wordpress.com veröffentlicht wurde: „Sie sind in diesem Blog völlig fehl am Platz! Aus Ihren Worten klingt Verständnis für die islamisch-faschistische Ideologie – einfach nur widerlich!“
Da sagt man dann nichts mehr.

Mitarbeit: Martina Lettner