Krieg in Mali: Wüste leer

Krieg in Mali: Wüste leer

Nach der französischen Militärintervention erwacht Mali aus dem monatelangen Albtraum, in den es bewaffnete Islamisten versetzt ­hatten. Die Krise hat in der Gesellschaft des bitterarmen Sahara-Landes Spuren hinterlassen, die nicht so schnell verschwinden werden.

Von Tom Schimmeck, Mali

Krieg? Welcher Krieg? Gemächlich tuckert die lange, hölzerne Piroge über den Fluss. Am Ufer werden eben gefangene Fische in der Sonne getrocknet und dann über dem Feuer geräuchert, wie seit Menschengedenken. Im Hafen bieten Händler Ziegen, Eier und Seife, starken Tabak und Salzplatten aus der Sahara feil: Mopti, im Herzen Malis, wo Bani und Niger zusammenfließen – eine Postkarte des Friedens.

Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass hier vieles nicht stimmt. Dass Lkws, die in den Seitenstraßen stehen, lange nicht bewegt wurden. Man sieht Kampfhubschrauber vom nahen Flugplatz in ­Sévaré aufsteigen. Sieht in der Hafenkneipe Fernsehbilder von französischen und malischen Truppen, die flussabwärts Städte erobern. Und hört die Geschichten ­derer, die von dort geflohen sind – über das Treiben der islamistischen Fanatiker, die den riesigen Teil Malis nördlich von Mopti ein Dreivierteljahr in ihrer Gewalt hielten und dort vollstreckten, was sie für heiliges ­islamisches Recht halten: öffentliche Auspeitschungen und das Abhacken von Gliedmaßen.

„Die Islamisten waren überall, kaum jemand traute sich noch vor die Tür“, erzählt Ismail, 16, vor einem Monat hier bei seinem Onkel untergekrochen. „Alle hatten Angst vor ihrer Wut, ihren Strafen.“ Sie schlugen die Tür seiner Schule ein, scheuchten die Schüler nach Hause. „Das ist jetzt eine Koranschule!“, brüllten sie. Die Familie legte zusammen, um wenigstens Ismail die Flucht über den Fluss zu ermöglichen, eine dreitägige Reise. Seine Eltern und die kleinen Geschwister blieben dort. Ismail hat nichts. Nur ein Mobiltelefon hat er. Gerade ist ein Anruf aus Timbuktu gekommen: „Sie sind frei. Sei haben nichts mehr zu essen. Aber sie sind froh.“
Schlag auf Schlag räumte Frankreich, die malische Armee im Schlepptau, vorvergangene Woche mit Bombern, Kampfhubschraubern und Bodentruppen die drei großen Städte im Norden Malis frei. Schon am Wochenende fiel Gao, 1200 Kilometer von der Hauptstadt Bamako entfernt – nach heftigem Bombardement und ein paar Schusswechseln beim Einzug der Truppen. Am Montag war das legendäre Timbuktu an der Reihe, am Mittwochmorgen dann, kampflos, die noch abgelegenere Wüstenstadt Kidal.

„Einfach nur Frieden"
Frankreichs sozialistischer Präsident François Hollande lieferte in der Ex-Kolonie Mali seinen ersten Afrika-Krieg ab. Ein nahezu altruistisches Unterfangen, wie er betonte, das dem Schutz der Hauptstadt Bamako, der 5000 Franzosen im Lande und, jawohl, „einfach nur dem Frieden“ diene. In Mali flattert nun, neben der eigenen grün-gelb-roten Trikolore, das Blau-Weiß-Rot des einst verhassten Mutter­landes. Befreite Menschen umjubeln die einrollenden Soldaten mit den coolen ­Sonnenbrillen und lassen Hollande lang und breit hochleben: „Mali, Mali, France, France!“
Selbst die malische Politik ist wieder im Spiel. Das Parlament in Bamako verabschiedete vergangenen Dienstag einen ehrgeizigen politischen Fahrplan von Premier Diango Cissoko: Spätestens Ende Juli soll es freie Wahlen geben, schon diesen Monat eine „Kommission für Dialog und Versöhnung“ zusammentreten. Auf dem Wunschzettel: stabilere Institutionen und eine unabhängige Justiz. Frankreich ruft Malis Politiker auf, nun zügig den Dialog mit allen „Nicht-Terroristen“ zu eröffnen. Ansar al-Dine, ihre neue Abspaltung MIA und die anderen Dschihadisten hätten „sich disqualifiziert“, erklärt Interimspräsident Dioncounda Traoré.

Seit Sommer des vergangenen Jahres hatten die westafrikanische Staatengemeinschaft Ecowas, die Afrikanische Union, die EU und Diplomaten etlicher Staaten gestritten, was wann zu tun sei zur Rettung des zu zwei Dritteln von Islamisten okkupierten Mali. Der UN-Sicherheitsrat erteilte im Dezember einer Mission westafrikanischer Truppen seinen Segen. Ihr Einsatz schien in weiter Ferne zu liegen: Irgendwann im Herbst 2013, hieß es – frühestens. Die Front war ruhig.

Bis die Islamisten im Jänner einen Ausfallschritt gen Süden wagten und die Provinz Mopti angriffen. Übergangspräsident Dioncounda Traoré rief Hollande um Hilfe. Prompt startete Frankreich am 11. Jänner seine offenbar gut vorbereitete „Operation Buschkatze“, mobilisierte eilig Kräfte von seinen afrikanischen Stützpunkten und aus dem Mutterland. Beim ersten Kampf um das Städtchen Konna starben rund ein Dutzend malische Soldaten und ein französischer Hubschrauberpilot.

Erste Etappe beendet
Mit der Eroberung aller wichtigen Städte des Nordens binnen drei Wochen ist die erste Etappe beendet. Gut 3500 französische Soldaten sind nun vor Ort. Partner wie Dänemark, Deutschland, Großbritannien und die USA demonstrierten ihre eher lauwarme Begeisterung mit der Bereitstellung von Tank- und Transportmaschinen. Die Westafrikaner brachten erste Bataillone ihrer lange alles andere als dynamischen „Mission internationale de soutien au Mali“ (Misma) auf den Weg. Sie wollen etwa 5700 Mann schicken. Der Tschad steuert 2000 wüstenerprobte Soldaten bei. Die Welt zückt die Brieftasche: Auf einem Gipfel in Addis Abeba wurden am Dienstag vergangener Woche 455 Millionen Dollar für den Einsatz zugesagt.

Die Furcht der Geostrategen vor einem „Sahelistan“, einem „neuen Afghanistan“ , die über Monate durch die Was-tun-Debatte spukte, mutet nun eher absurd an. Manche Parallele lag wohl auf der Hand: Auch in Nordmali fuchtelten beinharte Dschihadisten mit schwarzen Fahnen und schussbereiten Flinten, umgeben von Nachbarn mit zum Teil höchst schattigen Motiven.

Aber eigentlich hatten die aktuellen Wirren vor gut einem Jahr gänzlich unreligiös begonnen – mit einem Aufstand der Tuareg, der das Militär von etwa 60 Prozent des malischen Territoriums vertrieb. Die Tuareg, in der Weite der Wüstengebiete von Mali, Algerien, Libyen und Niger zu Hause, hatten erfolglos schon 1962 re­belliert, kurz nach der Unabhängigkeit Malis. Im Jahr 1991, Mali demokratisierte sich gerade, kam die zweite Tuareg-Revolte, gefolgt von diversen Friedensabkommen. Stets versprach der Staat, dem vernachlässigten Norden aufzuhelfen. 2006 flammte der Konflikt erneut auf. Tuareg desertierten aus der malischen Armee und bekämpften sie fortan. Algerien vermittelte ein Abkommen. Libyens Muammar al-Gaddafi, der gern über die Vision einer grenzenlosen Sahara schwadronierte, rekrutierte etliche Tuareg für seine Streitkräfte. Sein ölgesättigtes, bevölkerungsarmes Land hatte ihnen schon vorher gelegentlich als Refugium gedient.

Doch Gaddafi, Meister des doppelten Spiels, investierte politisch wie finanziell auch im Süden Malis. Noch immer findet man in der Hauptstadt Bamako viele Aufkleber mit seinem Antlitz. Nach dem blutigen Ende des Revolutionsführers 2011 kehrten viele Tuareg-Krieger heim nach Mali, oft bepackt mit Waffen und Munition aus libyschen Arsenalen. Nicht alle träumten von der Unabhängigkeit, manche standen klar zu der Einheit der Nation. Und wurden in Bamako mit Fanfaren empfangen.
Die Separatisten der „Nationalen Bewegung zur Befreiung von Azawad“ (MNLA) brachten Malis marode Armee flugs in Bedrängnis. Ende Jänner 2012 ging der Garnison Aguelhok die Munition aus. Sie wurde überrannt. Der hastige Rückzug, der folgte, war so blamabel für die Armee, dass ein Hauptmann namens Amadou Haya Sanogoo und einige Mitstreiter Malis gerühmter Demokratie am 21. März 2012 ein Ende bereiteten und Präsident Amadou Toumani Touré, unter dem Kürzel ATT bekannt, verjagten. Die Destabilisierung war perfekt. Bamakos Elite ist seither in zwei Lager gespalten: Pro- und Anti-Putschisten.

Ausrufung eines unabhängigen Staats
Am 6. April riefen die militanten Tuareg „unwiderruflich“ einen unabhängigen Staat Azawad aus, der die Provinzen Timbuktu, Kidal und Gao umfassen und etwa so groß wie Frankreich sein sollte. Schon Ende Juni war der Traum vom eigenen Staat ausgeträumt. Ihre islamistischen Freunde verjagten sie aus ihren Stellungen, um ungestört ihren Gottesstaat regieren und ihren Geschäften nachgehen zu können.

Doch das swingende, höchst multikulturelle Mali, zu einer noch fragilen, aber fröhlich schnatternden Demokratie mit viel zu vielen Parteien herangereift, scheint ein eher unfruchtbares Terrain für die Saat der Salafisten zu sein. Sie backen hier gute Baguettes. Auch das politische Pathos haben sie von den Franzosen übernommen. Riesig der Aufschrei, als Religionsfanatiker vergangenen Juni im magischen Timbuktu, Stadt der 333 Heiligen, Hochburg islamischen Geistes, mit Spitzhacken und Gebrüll auf die schönen Mausoleen der Sufis losgingen, Teil des Weltkulturerbes.
„Das sind keine echten Muslime“, meint Mahamadou, der Automechaniker. „Ein guter Muslim tötet nicht.“ Von allen Seiten strömen Menschen am Freitagmittag in die große Moschee im Zentrum von Bamako. Vor den Eingängen türmen sich Sandalen und Schuhe. Die Meinung über das, was sich im Norden im Namen des Islam abspielt, scheint einhellig. „Wir haben Angst vor denen. Alle haben Angst“, sagt Karim, ein schmächtiger, älterer Herr, und wedelt erregt mit den weiten Hemdsärmeln. „Das sind Fanatiker, Gauner, Banditen, Diebe, Ungläubige, Frauenschänder. Sie missbrauchen den Islam. Ein guter Muslim nimmt niemandem seine Freiheit, schneidet ihm nicht die Hände ab und verprügelt niemanden, weil er eine Zigarette raucht. Das ist doch nicht religiös.“

Der riesige Gebetsraum der Moschee ist voll. Auch draußen unter den Bäumen sitzen Betende in dichten Reihen. Selbst auf der Straße knien die Gläubigen auf ihren kleinen Teppichen. Der Islam ist die Mehrheitsreligion Malis. Tuareg und Berber brachten ihn vor über 1000 Jahren durch die Wüste in Richtung Süden. Es ist ein toleranter Islam, mit Marabuts und viel Mystik. „Wir sind ein laizistisches Land“, sagt Karim. „Wir lieben hier alle. Auch die Christen.“

Fassungslos reagierte man auf das Wüten der Islamisten. Die Krieger patrouillierten durch Timbuktu und Gao, bestraften den Konsum von Alkohol, Tabak und Musik mit Stockschlägen, steinigten unverheiratete Paare und verstümmelten Diebe. Im Internet finden sich Videos von Religionspolizisten bei der Arbeit. Eines zeigt einen Mann mit blauer Weste (Aufschrift: Police islamique), der seinem gefesselten Opfer mit einer Art Dolch eine Hand absäbelt. „Das mögen wir gar nicht“, erklärt vor der Moschee eine kopfschüttelnde Dame. Man ist sich einig hier: Es müssen Fremde sein. „Libyer, Tunesier, Sudanesen, Algerier, die über Mali herfallen“, glaubt Mahamadou.

Arabische Staaten schweigen
Mali ist arm. Die nun schon über ein Jahr währenden Wirren haben das Land noch ärmer gemacht. Verheerend ist die Lage im kargen Norden, wo ohnehin oft Hunger herrscht. Dort kollabierte die Verwaltung, die Gesundheitsversorgung, keine Schule, keine Bank war mehr geöffnet. Mancherorts gab es über Tage weder Wasser noch Strom. 150.000 Malier sind in Nachbarländer geflohen, 230.000 innerhalb des Landes. Die familiären Netzwerke, die all dieses Elend auffangen müssen, sind bis zum Äußersten gespannt.

Das Schweigen der arabischen Staaten zum Problem Mali hat das Misstrauen gegenüber dem dogmatischen Islam noch vertieft. „Kein islamisches Land ist uns zu Hilfe gekommen“, sagt Mahmoud Dicko, oberster muslimische Führer Malis. „Wir erfahren keine Solidarität. Der Islam hat ein Führungsproblem. Er braucht eine neue Vision.“
Der wendige Präsident des Hohen Islamischen Rats in Bamako gehört selbst der strikten Schule der Wahhabiten an. Studiert hat er in Saudi-Arabien, dessen Herrscherkaste diese puristische Religionsauslegung seit Jahren mit sehr vielen Petrodollars in alle Welt exportiert. Doch Dicko gibt sich als Demokrat und glühender Patriot, spottet über den Niedergang der arabischen Despoten, die ihrem Volk keine Luft ließen. „In jedem arabischen Land kämpft man gegen Terrorismus“, konstatiert der Imam. Im Gezerre der politischen Kräfte in Bamako fällt religiösen Führern wie ihm eine wichtige Vermittlerrolle zu. Im Vorjahr konnte er bei den Islamisten im Norden die Freilassung von 160 malischen Soldaten erwirken. Letztlich aber, meint er, gebe es nichts zu verhandeln mit diesen vermeintlichen Glaubensbrüdern. „Der Islam darf nicht für Bedrohung und Intoleranz stehen.“

Radikalisieren sich Muslime auch in Mali? Der Imam spendiert eine Flasche Fanta, schickt einen bedächtigen Blick durch sein Büro und räumt dann ein, dass man über die wachsende Zahl von Koranschulen im Land wenig Kontrolle habe. Die meisten sind in Privatbesitz. Es gebe eine Tendenz, sagt er, dass jeder Reiche sich „neben seiner Villa eine Moschee baut“.
Der Vormarsch des strikten Islam vollzieht sich hier eher schleichend, Geld ist ein starkes Argument dabei. In der Hauptstadt trägt die wichtigste Brücke über den Niger den Namen ihres Spenders: König Fahd von Saudi-Arabien. Einschlägige wahhabitische Schriften sind auf dem Markt erhältlich. Die Zahl junger Männer, die Verwirrung mit Rigorismus und schwindende Perspektiven mit extrastarren Glaubenssätzen zu bekämpfen suchen, wächst auch hier. „Die Kinder werden in diesen Koranschulen oft alleingelassen“, meint Moussa Boubacar Bah, Jugendbeauftragter des Hohen Rats. „Das ist ein Faktor der Unterentwicklung, der Gewalt.“ Hin und wieder gibt es Anschläge und Überfälle auf Clubs in Bamako, das berühmt für seine Musik und sein quirliges Nachtleben ist.

Und jetzt? Kommt nun die Rache? In Timbuktu wurden am Dienstag Geschäfte geflohener Araber geplündert. In Gao schnitt ein Mob dem letzten greifbaren Dschihadisten die Kehle durch. Die Föderation der internationalen Menschenrechtsgruppen berichtet aus rückeroberten Orten wie Sévaré und Niono von Misshandlungen und Hinrichtungen vermeintlicher Kollaborateure durch Malis Armee. In Bamako wurden Häuser von Tuareg geplündert.

In Mopti, über Monate der letzte Vorposten des freien Mali, sind Araber und Tuareg – die „Rothäute“, wie man hier sagt – schon vor Monaten verschwunden. Wer helle Haut hat, gilt schnell als Islamist. Aber auch manch Dunkelhäutiger gerät unter Verdacht, ein „Terrorist“ oder „Spion“ zu sein. Viele, berichtet der junge Ismail, hätten sich eilig den Bart abrasiert. „Die Leute sind wütend. Die Rache der Militärs wird kommen“, prophezeit er auf der Piroge, die durch die Niger-Idylle gleitet. „Nach dem Krieg wird es in Mali eine Diktatur geben.“