Kriegsgewinnler

Vor einem Jahr setzte Israel seine Militärmacht in Marsch, um die radikalislamische Hisbollah aus dem Libanon zu bomben. Etwas Besseres hätte den Extremisten der „Partei Gottes“ nicht passier en können.

Im Hafen von Tyrus ist die Welt wieder in Ordnung. Friedlich schaukeln die Schiffe im spiegelglatten Wasser, eine Hand voll Fischer flickt im Schatten der Häuser am Ufer ihre Netze. Über das malerische Hafenbecken der südlichsten libanesischen Stadt weht eine leichte Brise. Urlaubsstimmung. An der Kaimauer gegenüber dem Edelrestaurant „Le Phénicien“ wacht gelangweilt ein Soldat.

Hassan Fayad hat kaum Zeit, die Idylle zu genießen. „In wenigen Tagen wollen wir startklar sein“, sagt der schiitische Kleinunternehmer. An Deck seines gebraucht gekauften Schiffes erklärt er einem Handwerker gerade, wo er den Herd installieren soll. „Wenn alles fertig ist, können Touristen und Unifil-Soldaten bei mir schon Ende Juli Tagestouren hinaus aufs Mittelmeer buchen – Fischpicknick und ungestörtes Baden inklusive.“

Welch ein Wandel: Vor elf Monaten noch schlugen rund um das nur 25 Kilometer nördlich von Israel gelegene Tyrus im Minutentakt Granaten und Raketen ein, die Straßen und kleinen Gassen der historischen Hafenstadt waren menschenleer. Wie zehntausende andere Libanesen waren Fayad und seine Familie schon in der ersten Kriegswoche Richtung Norden geflohen, schließlich beschossen Einheiten der israelischen Armee den Süden der Zedernrepublik fast ununterbrochen von Land, Wasser und Luft aus.

Zeitbomben. Allein in den letzten 72 Stunden des 34-tägigen Waffengangs feuerten die Israelis hunderttausende Ladungen Streumunition ab – tickende Zeitbomben, denen noch ein Jahr später fast wöchentlich auf ihren Feldern arbeitende Bauern und spielende Kinder zum Opfer fallen. „Die Streubomben hatten nur ein Ziel“, ist sich Fayad sicher: „Damit wollten die Israelis dafür sorgen, dass die Schiiten nie wieder in den Südlibanon zurückkehren.“ Das aber, sagt der 50-Jährige triumphierend, sei ihnen nicht gelungen.

Siegesgewiss wie der Kleinunternehmer tritt ein Jahr nach Kriegsbeginn auch die Hisbollah-Führung um Generalsekretär Hassan Nasrallah auf. Die Zerstörung ihres Hauptquartiers im Südbeiruter Stadtteil Haret Hreik hat ihr nicht geschadet – wie in konspirativen Gründungszeiten nutzt sie stattdessen Notquartiere. Libanesische Polizisten und Soldaten haben im dichten Straßengewirr des schiitisch dominierten Viertels keinen Zutritt, für Ruhe und Ordnung sorgen hier die unauffälligen, aber omnipräsenten Sicherheitskräfte der Partei mit ihren Walkie-Talkies.

„Ich kann Ihnen versichern, dass wir genauso stark sind wie vor dem Krieg und in Zukunft noch stärker, sollte jemand versuchen, uns anzugreifen“, sagt Scheich Khodr Nur al Din, Mitglied im Politischen Rat der Hisbollah, dem höchsten Entscheidungsgremium der Partei. Wir treffen ihn im vierten Stock eines unscheinbaren Wohnhauses in Haret Hreik. Erst nach Feststellung der Personalien öffnet Sicherheitspersonal die Tür.

Widerstand. Im provisorischen Pressebüro der Partei läuft der Hisbollah-Fernsehsender al Manar, die Rauchringe seiner Gitanes Blondes verflüchtigen sich über Nur al Dins weißem Turban. Ein friedliches Bild, doch der Geistliche macht klar, dass die Hisbollah an ihrer Bewaffnung festhalten wird, selbst wenn Israel die letzten 25 Quadratkilometer besetzten libanesischen Territoriums aufgibt: „Wir müssen den Widerstand aufrechterhalten, selbst dann, wenn Israel die Schebaa-Farmen geräumt hat. Denn mit Israel wird es nie Ruhe in der Region geben.“

Bedrohliche Worte, die zeigen, dass ein Jahr nach Beginn des Krieges zwischen Einheiten der israelischen Armee (IDF) und Milizen der Hisbollah deren Mitglieder und Anhänger nur so vor Selbstbewusstsein strotzen. Während viele Libanesen noch immer unter den wirtschaftlichen Folgen des 34-tägigen Waffengangs ächzen, zieht auch der Kleinunternehmer Fayad ein überraschend positives Fazit: „Nach dem Krieg ist es besser als vorher.“

Die Hisbollah plakatiert im ganzen Land optimistische Slogans: „Göttlicher Sieg“, heißt es auf manchen, „Es wird besser werden, als es vorher war“ auf anderen.

In Städten wie Tyrus stimmt das sogar. Beispiel Arbeitsmarkt: Hunderte Südlibanesen, die vor dem Krieg nur alle paar Tage ein wenig Arbeit fanden, haben seit Ende der Bombardements im August 2006 einen festen Job. „Ich kenne viele junge Männer, die jetzt als Kraftwagenfahrer arbeiten“, sagt Fayad. Auch der vierfache Familienvater selbst kann sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen: Sein kleiner Immobilienbetrieb floriert prächtig.

Die Invasion ausländischer Hilfsorganisationen nach Kriegsende macht das kleine Wirtschaftswunder möglich. An der langen Strandpromenade von Tyrus haben Rotes Kreuz, Ärzte ohne Grenzen, Mine Advisory Group (MAG) und andere Nichtregierungsorganisationen ihre Quartiere aufgeschlagen. Hinzu kommen die rund 13.000 Soldaten der südlich von Tyrus stationierten Libanon-Schutztruppe der Vereinten Nationen (Unifil). Nicht nur einheimischen Übersetzern und Fahrern verschaffen die Militärs Arbeit, auch Restaurants sowie nahe der Basen der internationalen Streitkräfte gelegene Lebensmittel- und Souvenirläden profitieren von den zahlungskräftigen Gästen auf Zeit.

Beispiel Wiederaufbau: Neben unzähligen zerstörten Häusern, Geschäften und Tankstellen müssen auch Straßen, Brücken und Abwasseranlagen wieder aufgebaut werden. Eine Goldgrube für Bauunternehmer wie Nabil Baradai, der schon während des Bürgerkrieges zwischen 1975 und 1990 Erfahrungen in raschem Krisenmanagement sammelte. An zeitweise über zwanzig Baustellen gleichzeitig arbeiteten seine Angestellten in den Monaten nach Kriegsende im August vergangenen Jahres. Als Betreiber einer Glaserei ist das katholisch-maronitische Mitglied im Stadtrat von Tyrus ein gefragter Mann. „In meinem Gewerbe lassen sich gute Geschäfte machen“, erklärt Baradai mit einem Lachen. „Glas geht schließlich immer kaputt.“

Zudem können Verbindungen zur „Partei Gottes“ im von Kritikern spöttisch als „Hisbistan“ verschrienen Haupteinflussgebiet der Organisation im Südlibanon nicht schaden. Schon unmittelbar nach Verkündung des in der UN-Sicherheitsratsresolution 1701 vereinbarten Waffenstillstands Mitte August 2006 hatte die Wiederaufbauorganisation der Partei, Jihad al Binaa, damit begonnen, Geschädigte mit Soforthilfen auszustatten.

Bis zu 10.000 US-Dollar gab es für eine zerstörte Wohnung, etwas weniger, wenn die Schäden geringer ausgefallen waren – ein glänzender PR-Coup nach einem Krieg, den die Hisbollah-Milizen durch die Entführung von zwei israelischen Soldaten und die Tötung von drei weiteren am 12. Juli 2006 begonnen hatten.

Die Vertreter der Regierungsorganisation Council for Development and Reconstruction (CDR) hingegen ließen sich über Monate nicht blicken, berichten von Jihad al Binaa Entschädigte. Und als die CDR-Vertreter im vergangenen Winter schließlich doch noch auftauchten, hätten sie jeweils tausend US-Dollar für sich und den zuständigen Bauingenieur abzweigen wollen, erzählt Mona Khalil. Südlich von Tyrus betreibt die 58-Jährige eine Ökopension, die während des Krieges von Raketen beschädigt wurde.

Milliarden. Khalil lehnte ab. Angesichts der unkonventionellen Unterstützung von Jihad al Binaa fiel ihr das auch nicht sonderlich schwer: Deren Repräsentanten hatten die Umweltschützerin schon kurz nach Kriegsende besucht, um die Schäden am Haus zu inspizieren. Bei der nächsten Visite hätten sie kurzerhand einen schwarzen Koffer geöffnet und ein Bündel druckfrischer 100-Dollar-Scheine auf den Tisch geblättert. Rund eine Milliarde US-Dollar soll die Hisbollah auf diese Weise ausgegeben haben – kaum verwunderlich, dass Nasrallah heute nicht nur unter strenggläubigen Schiiten so beliebt ist.

Präsent sein, wo der Staat nicht helfen will, ist vielleicht das wichtigste Pfund, mit dem die Hisbollah wuchern kann. Und das nicht zuletzt in den Gegenden, die am heftigsten von den israelischen Bombardements betroffen sind. Dazu zählt das Südbeiruter Stadtviertel Haret Hreik, hier unterhält die Partei ihr im vergangenen Sommer zerstörtes Hauptquartier. Etwa eine halbe Million Schiiten wohnen in dem dichten Straßengewirr, das entstand, nachdem die israelischen Invasionen von 1978 und 1982 viele Südlibanesen zur Flucht in die Hauptstadt gezwungen hatten.

Vergangenen Sommer flogen die israelischen Jets wieder Nacht für Nacht ihre Luftangriffe – die Bilder von den Rauchschwaden über Beirut gingen um die Welt. Elf Monate danach ist der meiste Schutt weggeräumt, riesige Baulücken klaffen aber noch immer zwischen den Wohnhäusern. Und überall sind die gelben Hisbollah-Fahnen mit dem grünen Maschinengewehr zu sehen, Plakate mit Gesichtern der im Kampf gegen Israel gefallenen jungen Männer zieren die Straßenlaternen.

Vernachlässigung. Ein Staat im Staat, unterstützt von jenen, die nichts mehr zu verlieren haben: Wie die tausender anderer auch, lag die Wohnung von Scheich Nur al Din am Ende des Krieges in Trümmern. „Wir haben darauf gewartet, dass die Regierung den Wiederaufbau in Angriff nimmt und den Opfern Entschädigungen zahlt“, sagt der bärtige Geistliche. „Leider ist nichts davon geschehen.“

Zugleich bekräftigt der Hisbollah-Kader einen Verdacht, der sowohl in diplomatischen Kreisen wie von Betroffenen in den zerstörten Gebieten immer wieder geäußert wird: „Viel Geld von ausländischen Gebern ist verschwunden. Statt es den Verwundeten, den Wohnungslosen und anderen Geschädigten zu geben, hat die Regierung ihre Anhänger damit versorgt.“ Für Nur al Din sind die politischen Konsequenzen klar: „An erster Stelle steht die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit. Denn nur wenn alle libanesischen Gruppen zusammenarbeiten, lässt sich der Libanon wieder aufbauen.“

Doch ob die politischen Vertreter der zerstrittenen konfessionellen Gruppen so bald wieder zusammenkommen, ist zweifelhaft. Schließlich hat die systematische Vernachlässigung der schiitischen Bevölkerung durch die Regierung eine lange Tradition. Obwohl die libanesischen Schiiten seit den siebziger Jahren die größte Bevölkerungsgruppe stellen, hat sich der Staat nie wirklich um sie gekümmert.

So nahm die von den Mullahs in Teheran nach der zweiten israelischen Invasion 1982 unterstützte Hisbollah die Dinge mehr und mehr selbst in die Hand – politisch wie militärisch. Ihr größter Erfolg: der Abzug der israelischen Besatzungstruppen aus dem Südlibanon im Mai 2000.

Auch wenn sie sich bis heute weigert, ihre Waffen aufzugeben, beschloss die Parteiführung 1992 die Teilnahme an den ersten Parlamentswahlen nach Ende des Bürgerkrieges. Die Übernahme von Regierungsverantwortung im Sommer 2005 war der nächste Meilenstein bei der Integration in das politische System des fragilen Staates. Doch die war von kurzer Dauer: Nur drei Monate nach Kriegsende zogen die Hisbollah und ihre Verbündeten im November vergangenen Jahres ihre sechs Minister aus dem Kabinett von Ministerpräsident Fuad Siniora wieder ab.

Seitdem herrscht Eiszeit zwischen Opposition und Regierung. Bei Straßenkämpfen starben im Januar sieben Menschen. Und die von Nasrallah straff geführte, von Syrien und dem Iran mit Worten wie Waffen unterstützte Parteimiliz treibt den Preis für eine Rückkehr in das vom Westen unterstützte Siniora-Kabinett weiter in die Höhe. Längst finde ein Stellvertreterkrieg auf libanesischem Boden statt, räumt der im iranischen Qom theologisch ausgebildete Hisbollah-Kader Nur al Din ein. „Nur wenn die jetzige Opposition eine Sperrminorität in der Regierung erhält, lässt sich vermeiden, dass die Amerikaner ihre Politik im Libanon fortführen.“

An der Entschlossenheit seiner Organisation, bis zum Letzten zu gehen, lässt er keinen Zweifel: „Wenn wir angegriffen werden, werden wir uns verteidigen“ (siehe Interview).

Für den Intellektuellen Lokman Slim sind es unversöhnliche Äußerungen wie diese, die ihn zu einem der schärfsten innerlibanesischen Kritiker der Partei gemacht haben. Nur ein paar hundert Meter vom Hisbollah-Pressebüro entfernt, betreibt er das Forschungs- und Dokumentationszentrum Umam, wo ihn Mitglieder der Partei regelmäßig besuchen. „Sie lassen uns gewähren, um ein säkulares Aushängeschild auf ihrem Gebiet zu haben“, spottet Slim, „und um der Welt zu zeigen, wie tolerant sie sind.“

Doch Slim ist vom Gegenteil überzeugt. „Der Krieg der Worte, den Nasrallah seit dem Rückzug aus der Regierung im Winter führt, kann sehr schnell eskalieren“, fürchtet der Umam-Leiter. Längst habe die militärische Führung der Hisbollah damit begonnen, junge Schiiten zu rekrutieren, um sie in Trainingslagern in der an Syrien angrenzenden Bekaa-Ebene für einen möglichen internen Guerillakrieg auszubilden.

Gewalt. Bei allen politischen Differenzen zu Hisbollah-Führern wie Nur al Din und Nasrallah teilt Slim deren Einschätzung, dass die Partei und ihre Milizen gestärkt aus dem Konflikt mit Israel hervorgegangen sind: „Die Hisbollah hat den Krieg gewonnen – politisch, militärisch und wirtschaftlich.“

Ein Sieg auf der ganzen Linie – von Beirut bis zur israelischen Grenze? An Autobahnbrücken Richtung Süden aufgehängte Transparente mit Slogans wie „Durch eure Geduld verschwand die Niederlage“ und „Der Sieg kam mit eurem Widerstand“ verstärken diesen Eindruck. Hundert Kilometer südöstlich der Hauptstadt, in Sichtweite Israels, zieht Pierre Wanna ein ähnliches Fazit. „Die israelische Regierung wollte die Hisbollah schwächen, am Ende aber hat sie das Gegenteil erreicht: Heute hat Nasrallah mehr Anhänger als zuvor.“

In Khiam, wo die israelische Besatzungsarmee bis zu ihrem Abzug im Jahr 2000 ein Gefängnis betrieb, leitet der 28-jährige das Jugendprogramm der Hilfsorganisation Amel. Projekte zur Verständigung zwischen jungen Schiiten, Sunniten, Drusen und Christen stehen ganz oben auf seiner Tagesordnung.

„Sicherlich kommt es der Hisbollah gelegen, dass wir uns auf ihrem Gebiet für konfessionsübergreifenden Dialog einsetzen“, sagt der katholische Maronit. „Doch zugleich muss man sagen, dass sich ihre Vertreter anders als die der staatlichen Institutionen vorbildhaft für die Bevölkerung einsetzen.“ So seien auch Christen, die ihr Haus verloren haben, von der Hisbollah entschädigt worden.

Und die Gewalt geht weiter. Ende Juni kamen bei einem Bombenanschlag am Rande von Wannas Heimatstadt sechs spanische Unifil-Soldaten ums Leben – der erste Angriff auf die internationalen Truppen, nachdem Ende Juli 2006 vier in Khiam stationierte UN-Beobachter, darunter ein Österreicher, bei einem israelischen Luftangriff getötet worden waren.

Noch während des Krieges war Wanna fest entschlossen, den Libanon nicht zu verlassen, nach dem Anschlag gegen die Spanier aber überlegt er auszuwandern: „Die israelischen Angriffe waren auf ihre Weise berechenbar, terroristische Anschläge sind es nicht.“ Beim Gang über die Trümmer des zerstörten Gefängnisses von Khiam beschleichen ihn Zweifel, ob der Sieg der Hisbollah auch ein Sieg für den Libanon ist.

Von Markus Bickel, Beirut